"Hilflos und alleingelassen"

Verschiedene Experten diskutieren am Mittwochabend gemeinsam mit Bürgermeister Josef Mayr (7.v.l.) über das Thema Demenz. Foto: Kampfrath

Rund 1,2 Millionen ältere Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Die Krankheit ist bisher nicht heilbar und äußert sich im Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit und in der Veränderung der Persönlichkeit. Die Die Alzheimer Gesellschaft Allgäu lud am vergangenen Mittwoch zu einer Podiumsdiskussion ins Haus der Senioren. Zwölf Teilnehmer stellten sich der Frage, ob Kempten eine demenzfreundliche Stadt ist.

Die Zahl Demenzkranker werde sich im Lauf der nächsten 25 Jahre verdoppeln, sagte Moderator Gerhard Wagner, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Als Grund nannte er den steigenden Anteil Älterer in der Gesellschaft. Trotz intensiver Forschung seien keine Medikamente in Sicht. „Angehörige fühlen sich oft hilflos und alleingelassen“, meinte Regina Echt, die ihre demenzkranke Mutter pflegt. Sie wünschte sich eine Anlaufstelle für die Familienmitglieder. Der Allgemeinarzt Dr. Roman Ruther vertrat dieselbe Meinung. In Kempten gebe es bereits gute Angebote, auf die man aber hinweisen müsse. „Die Demenz führt trotz ihrer Bekanntheit ein Schattendasein.“ Nahezu täglich hätten Hausärzte mit Demenzkranken zu tun. Kemptens Bürgermeister Josef Mayr (CSU) findet einen Kreis für Angehörige und Betroffene sinnvoll. „Am Anfang der Legislaturperiode stellten wir uns strategische Ziele. Eines davon war, den demografischen Wandel zu meistern.“ Er hält es für „ausgesprochen zielführend“, wenn am Tag der Senioren das Thema Demenz zur Sprache käme. Rund 50 Mal im Jahr berate sie Betroffene und Angehörige, berichtete Silvia Schley, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Allgäu. „Es gibt das Angebot der stundenweisen Betreuung von Demenzkranken.“ Angehörige wüssten oft wenig über Demenz, so Birgit Koch, die als Pflegeberaterin bei der AOK arbeitet. „Die Krankenkassen informieren die Angehörigen über die Leistung der Pflegeversicherung.“ Laut Annette Hippeli-Kreutzner, leitende Oberärztin am Bezirkskrankenhaus, hätten es Demenzkranke schwer, da sie oft ihre Bezugssysteme verlören. Was fehle, sei die Vernetzung. „Wir bieten für Angehörige Schulungen an. Ich denke, die biologischen Prozesse im Gehirn des Kranken sind für sie nicht interessant.“ Vorbild Haldenwang Durch die Arbeit am seniorenpolitischen Gesamtkonzept trage die Stadt zu einer Verbesserung der Situation bei, erklärte Prof. Dr. Johannes Zacher, der Sozialwirtschaft an der Hochschule unterrichtet. Dabei stelle man sich die Frage, wie die zukünftige Struktur der Stadt aussehen könnte. „Wir arbeiten dabei an zwei Ebenen: einer äußerlich sichtbaren Beratungsstelle für alle Pflegesituationen und stadtteilbezogenen Zusammenschlüssen, wozu zum Beispiel die Hilfe unter Nachbarn gehört.“ Professor Dr. Peter Brieger, ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses, wies darauf hin, dass Information allein nicht ausreiche. „Wir müssen auch in den Bereich Koordination einsteigen.“ Die Pflegedienstleiterin der Seniorenbetreuung Haldenwang, Christine Rietzler, sagte über ihren Wohnort, dass es eine demenzfreundliche Gemeinde sei. „Wir führten die flächendeckende Tagespflege ein. Das heißt, eine Pflegekraft kommt fünf Tage in der Woche zu dem Kranken nach Hause. Die Gemeinde schießt das Defizit zu.“ „Tagespflege und Demenz passen gut zusammen, da Angehörige stärker entlastet werden“, verdeutlichte Manfred Mair, Fachbereichsleiter der Pflegeversicherung bei der AOK. Derzeit sei eine Reform der Pflegestufen im Gespräch, die den Betreuungsfaktor bei Demenz in viel höherem Maß berücksichtige. Eine Zuhörerin bemängelte die geringe Akzeptanz Demenzkranker in Deutschland. „In Italien passten die Kellner im Café auf meine demente Mutter auf, wenn ich sie darum bat. Hier auf dem Rathausplatz wäre das undenkbar.“ Das wichtigste sei, über das Thema Demenz zu reden. Ein Zuhörer sprach sich dafür aus, jüngere und ältere Leute zusammenzubringen. Laut Josef Mayr habe man Behinderte vor 15 Jahren nahezu ausgeschlossen, jetzt seien sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dies solle bei allen Krankheitsbildern geschehen. „Wir haben die Pflicht, unsere Elterngeneration auf dem Weg zu begleiten.“ Ein Mann aus dem Publikum fragte, ob es Bestrebungen gebe, die Situation bei der Nachtpflege zu verbessern. „Wir überlegen, in Pflegeheimen eine Nachtpflegestation aufzubauen“, antwortete Mayr. Zudem gebe es die Möglichkeit der Kurzzeitbetreuung in der Nacht, so Hippeli-Kreutzner. Laut Birgit Koch solle die Nahversorgungsstruktur demenzfreundlich gestaltet werden. „Wir müssen eine bessere Kultur für Menschen mit Funktionsstörungen entwickeln. Doch wenn täglich sieben Millionen Fernsehzuschauer das Dschungelcamp einschalten, habe ich meine Zweifel, ob das geschieht“, merkte Roman Ruther. Stadtrat Dieter Zacherle (FW) wollte von Regina Bach wissen, welchen Eindruck sie mitnehme. „Man muss sich nach wie vor durchkämpfen. Aber ich habe das Gefühl, dass es für Angehörige künftig leichter wird. Die Nächsten müssen nicht mehr soviel suchen, bevor sie etwas finden.“

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