Hochkarätige Besetzung

Mit tosendem Applaus wurde bei Fürstensaal Classix unter anderem das Piano Quartet h-Moll von Johannes Brahms belohnt, gespielt von Alena Baeva (Violine, v.l.), Oliver Triendl (Piano), Jakob Koranyi (Cello) und Lise Berthaud (Viola). Fotos: Tröger

Ja was machen die denn da? Bis jetzt saß das Klavierquintett ordentlich auf der Bühne und spielte seine Musik, aber plötzlich steht eine der Geigerinnen mittendrin auf, wandert um den Flügel herum nach hinten, spielt dort zwar weiter, dreht aber dabei dem Publikum den Rücken zu. Die anderen Geiger folgen, blasen plötzlich in eine Mundharmonika oder schlagen an eine Triangel. Und der Pianist, der sich derweil virtuos durch knifflige Passagen ackert, lässt überraschend die Tasten Tasten sein und greift zu Tempelglöckchen, die neben den Noten auf dem Flügel liegen. Nur der Cellist tut nichts anderes als das, was man von einem Cellisten erwartet, nämlich Cello spielen – der ruhende Pol in dieser Musikchoreographie. Am Schluss, wenn das Stück im Unhörbaren endet, sitzen zwar alle wieder auf ihren Plätzen, haben aber nach einem präzise festgelegten Ablauf ihre Plätze vertauscht.

„Rundherum“ heißt das Stück, das im renommierten ungarischen Verlag Editio Musica Budapest erscheinen wird und am Samstag in Kempten beim siebten Internationalen Festival der Kammermusik „Fürstensaal Classix“ seine Uraufführung erlebte. Die Musik ist ungewohnt, kompliziert und trotzdem packend. Immer neue musikalische Gesten werden aufgeboten – rasante Aufschwünge, Einwürfe, Trillerfiguren, chromatische Gänge. Und sie ist haarsträubend schwer zu spielen. Daher waren trotz der hochkarätigen Besetzung einige Proben angesetzt worden, um das diffizile Zusammenspiel zu sichern. Die Probensprache: meist englisch, durchsetzt mit deutschen, französischen oder ungarischen Sätzen. Letzteres ist kein Zufall, denn „Ungarn“ war das diesjährige Festivalmotto, genauer: „Éljen a Magyar! Ungarn: Kammermusik mit Paprika“. Und Paprikamusik gab es reichlich, angefangen vom Klassiker Franz Liszt, den mal die Deutschen, mal die Ungarn für sich reklamieren, bis hin einer Reihe noch lebender ungarischer Komponisten mit Geburtsjahren zwischen 1920 und 1950, und im Zentrum dabei László Tihanyi, Komponist des „Rundherum“ und diesjähriger Composer-in-Residence des Festi- vals. Der Festivaltradition entsprechend, hatte er diese Uraufführung beigesteuert, war mit einer Reihe weiterer Stücke in den Konzerten präsent und stellte in einem von der Rundfunkmoderatorin Annika Täuschel moderierten Kompo- nistengespräch sein Werk und die Situation der zeitgenössischen Musik in Ungarn vor. Aber auch der Composer-in-residence des Jahres 2009, der Norweger Ragnar Söderlind, kam für ein paar Tage vorbei und brachte als norwegisch-ungarischen Beitrag sein Stück „Erinnerungen an Szentendre, grauer Tag“ mit. Gewidmet hat er es dem künstlerischen Leiter des Kemptner Festivals, dem Pianisten Oliver Triendl. Söderlind scheint es in bester Erinnerung zu haben und dürfte damit nicht der einzige sein. Überraschungen Das Programm hielt neben erwartbaren Beiträgen wie Béla Bartók mit seinem großartigen Klavierquintett auch einige echte Überraschungen bereit. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der bekannte Dirigent George Szell auch als Komponist aktiv war – hier vertreten mit einem eher traditionell, aber sehr schön, fast berauschend gesetzten Klavierquintett, das sich als einer der Publikumslieblinge herausstellte. Zudem machte das Ungarische vor dem Instrumentarium nicht halt und präsen- tierte, mal solo, mal zusammen mit Streichern, in einigen der Konzerten András Szalai am Cymbalon. Das Cymbalon ist eine Art avanciertes Hackbrett, mit Klangpedalen ausgestattet und vor 150 Jahren in Ungarn entwickelt. Mit dem Applaus nach Ernö Dohnányis Sextett war am Sonntag das diesjährige Festival beendet – ausgestattet, wie gewohnt, mit exzellenten Musikern, selten gehörten Musik- werken und einem durchdachten künstlerischen Konzept. Aber nach dem Festival ist vor dem Festival. Wie heißt es so schön im Vorwort des (übrigens ebenso opulenten wie kostenlosen) Programmbuchs? Der Termin des nächsten Jahres liegt schon fest, das Thema noch nicht – „heftige – und hoffentlich fruchtbare – Diskussionen sind im Gange.“ Man darf gespannt sein.

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