"Höllenkomik und Todhass"

Bis zum bitteren Ende zelebrieren sie Tag für Tag ihre Hassliebe: Alice (Patricia Litten) und Edgar (Harro Korn) in „Totentanz“ von August Strindberg. Foto: Tröger

Zögernd steigert sich der Schlussapplaus, als müsse das Publikum erst wieder ankommen im Hier und Jetzt, erst realisieren, dass der eben noch irritierende „Totentanz“, in dem der schwedische Autor August Strindberg sein wohl kompliziertes Verhältnis zu Frauen verarbeitet hat, ausgetanzt ist. Dann aber kommt der Beifall in Schwung, für die ins Mark treffende Inszenierung von Oliver Karbus und das äußerst bemerkenswerte Dreiergespann auf der Bühne.

Kurz gesagt, für einen „Totentanz“, dessen Intensität sich im TheaterInKempten (TIK) wohl kaum ein Zuschauer entziehen konnte. Was Harro Korn (Edgar), Patricia Litten (Alice) und Richard Aigner (Kurt) an Dichte und Glaubwürdigkeit ihrer Rollen in der zweiten Eigenproduktion des TIK dieser Spielzeit zeigten, kann man getrost „großes Theater“ nennen. Geschrieben hat Strindberg das Beziehungsdrama anno 1900. Die menschlichen Abgründe darin haben an Aktualität auch nach über 100 Jahren nichts verloren: Alice, einst Schauspielerin, und der durch und durch Hauptmann Edgar sind seit 25 Jahren verheiratet. Sie leben zurückgezogen, mit nur wenigen – meist per Telegraphen geführten – Kontakten zur Außenwelt, auf einer abgelegenen Insel. Als der gemeinsame Jugendfreund Kurt ihnen nach 15 Jahren einen Besuch abstattet, wird er zum Spielball der von Hassliebe durchtränkten Intrigen der Eheleute. Immer tiefer verfängt er sich in dem unerbittlichen Netz aus Machtspielen, „Höllenkomik und Todhass“, das Alice und Edgar aneinander kettet, sich selbst und gegenseitig zerstörend. „Hier ist so viel Hass, dass man kaum Luft bekommt“, entsetzt sich Kurt schon kurz nachdem er das häusliche „Ehegefängnis“ betreten hat. Verbale und körperliche Erstarrung, die das Unerträgliche dieser Ehe bereits in den ersten Minuten für die Zuschauer beklemmend spürbar macht, sind nur harmlose Vorboten dessen, was sich in Folge mit Gift und Galle, Demütigungen, Verletzungen, Lügen und hasserfüllten Racheplänen Bahn bricht. Und doch schwebt, in wenigen Momenten offen und deutlich, meist nur als subtil wahrnehmbare Schwingung auch etwas anderes über den Kriegführenden: Die grundsätzliche Liebe füreinander, deren zerstörerische Seite sich zum unbremsbaren, zermürbenden Selbstläufer entwickelt zu haben scheint. „Merkst Du nicht, dass wir Tag für Tag dasselbe sagen?“, erkennt Edgar zu Beginn eines der zahlreichen Wortgefechte die sich immer wiederholende Spirale. Auch an – wenngleich dunkelschwarzen – komischen Szenen mangelt es nicht. Allein das Lachen mag eher im Halse stecken bleiben und der Fassungslosigkeit der stillen Beobachter Vorrang geben. Zumindest Partei ergreifen muss man nicht. Dass sich beide in nichts nach stehen wird schnell offensichtlich – auch für Kurt, der beiden helfend zur Seite stehen möchte. Für einen kurzen Moment wird der nach gescheiterter Ehe einsame Jugendfreund dann doch schwach, erliegt Alices Verführungskünsten, erniedrigt sich vor ihr – und erkennt im letzten Moment, dass er Teil des grausamen Spiels geworden ist. Der bereits länger todgeweihte Edgar stirbt an seinem „Steinherz“, wie er die vom Arzt diagnostizierte Verkalkung treffend selbst bezeichnet. So sehr und anhaltend sich Alice seinen Tod und die damit für sie vermeintliche Befreiung auch immer gewünscht hat: es ist der Moment, in dem sie erkennt, was sie verloren hat. „Ich habe ihn gehasst – und geliebt“, bekennt sie.

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