Würdevoll Sterben

Sterben ohne Schmerzen

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Auf dem Podium diskutieren (v.l.) Alexander Schwägerl, Geschäftsführer AllgäuHospiz gGmbH sowie BRK Oberallgäu und Stiftungsvorstand von AllgäuHospiz, Prodekan Roland Buchenberg, Peter Reichle, Koordinator Hospizverein, Dr. Sabine Kubuschok, SAPV des Klinikums Kempten, Prof. Dr. Ludwig Schmid, stellvertretender Vorsitzender Hospizverein und Alfred Reichert, Direktor Amtsgericht Sonthofen und Vorsitzender BRK Sonthofen.

Viele Menschen fürchten einen Würdeverlust in Pflegesituationen und bei Demenz, Einsamkeit oder unerträgliche Schmerzen und Leid durch unheilbare Krankheiten und befürworten Sterbehilfe oft aus Unkenntnis der medizinischen Möglichkeiten.

„Die Hospizbewegung erhebt – wie auch die Kirchen – die Stimme für eine Welt, in der Menschen behütet, beschützt und weitgehend schmerzfrei an der Hand und nicht durch die Hand eines Menschen sterben können“, sagte Kemptens 3. Bürgermeister Josef Mayr, Vorsitzender des Hospizvereins Kempten–Oberallgäu e.V. in seiner Begrüßung zur Informationsveranstaltung der Stiftung AllgäuHospiz zum Thema „Sterben ohne Schmerzen ist möglich“ im Fürstensaal der Stadt Kempten. Er warnte vor einem Dammbruch. Es drohe die Gefahr, dass der Druck auf Todkranke wachse, der Gesell- schaft die hohen Kosten einer medizinischen Behandlung zu ersparen. 

„Zu Hause sterben ist ein Wunsch, den vielen Menschen teilen. Doch mehr als 70 Prozent der Menschen sterben in stationären Einrichtungen oder Pflegeheimen“, sagte Alexander Schwägerl, Geschäftsführer des AllgäuHospiz und Mitglied im Stiftungsvorstand in seiner Einleitung. Die Stiftung setzt sich dafür ein, das ambulante und stationäre Angebot für schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen im Allgäu zu verbessern und hatte Referenten geladen, die das Thema aus medizinischer, juristischer und christlich-spiritueller Sicht untersuchten. 

Prof. Dr. Ludwig Schmid, stellvertretender Vorsitzender des Hospizvereins und ehemaliger Chefarzt der Schlossbergklinik, stellte die Empfehlungen der WHO zur medikamentösen Schmerztherapie in drei Stufen vor, mit denen nach seinen Erfahrungen 90 Prozent aller Schmerzen gut behandelt werden könnten. Darüber hinaus gebe es weitere Maßnahmen und Eingriffe, die helfen könnten. Voraussetzung für eine ganzheitliche Schmerztherapie sei die intensive Kommunikation zwischen Arzt und Patient und eine Umgebung, in der sich der Patient geborgen fühle. Manchmal sei eine Kommunikation zwischen Arzt und Patient nicht mehr möglich, berichtete Alfred Reichert, Direktor des Amtsgerichts Sonthofen und Vorsitzender des BRK Oberallgäu. Auch wenn wir es gerne verdrängen, könne jeder durch Unfall, Krankheit oder Alter in eine Lage geraten, in der er wichtige Angelegenheiten nicht mehr selber regeln könne. Mit einer Vorsorgevollmacht und einer Patientenverfügung könne jeder einzelne bestimmen, wer in solchen Fällen handeln dürfe, wie die Behandlung erfolgen solle und wann keine Behandlung mehr gewünscht sei. 

Selbsttötung tabu 

Die Hospizbewegung befürworte die ganzheitlichen palliativen Möglichkeiten der passiven Sterbehilfe. Aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid seien jedoch aus hospizlicher Sicht mit der Würde des Menschen unvereinbar. Der „selbstbestimmte“ Ausweg vergrößere den Druck auf schwerkranke Menschen, anderen nicht zur Last zu fallen. Deshalb vertrete die Hospizbewegung die Position, dass die Tür zu einem gesellschaftlich geebneten Weg zur assistierten Selbsttötung und zur Tötung auf Verlangen keinesfalls geöffnet werden dürfe. Wie eine palliative Versorgung in der Praxis aussehen kann, erklärte Dr. Sabine Kubuschok am Beispiel eines an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Patienten. Schmerzbehandlung und Punkturen seien mit moderner Technik auch im heimischen Umfeld möglich. Seit 2012 gebe es die spezialisierte ambulante palliative Versorgung des Klinikums Kemp- ten (SAPV). Ziel des multiprofessionellen Teams sei es, in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Hausärzten, Pflegediensten, Hospizverein sowie anderen Hilfsangeboten, belastende Symptome (Schmerzen, Übelkeit, Atemnot, etc.) zu lindern. So solle die bestmögliche Lebensqualität der Erkrankten und ihrer Familien im heimischen Umfeld erreicht werden. Wenn dort eine Versorgung aus medizinischen oder sozialen Gründen nicht mehr möglich sei, dann sei eine Versorgung im stationären AllgäuHospiz die Alternative. 

Die zentrale Einrichtung für Beratung und Vernetzung sei der Hospizverein Kempten–Oberallgäu sagte Peter Reichle, der als Palliativ-Fachkraft hauptamtlich für den Verein tätig ist. Wie ein Lotse könnten er und seine Kollegin als Koordinatoren den Betroffenen helfen, die passenden Angebote zu finden. Die kostenlosen Leistungen reichen von der Beratung zu Patientenverfügung über allge- meine palliativpflegerische Beratung bis hin zu Kooperation mit dem Team der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) des Klinikums Kempten-Oberallgäu und dem stationären AllgäuHospiz. Jährlich bilde der Hospizverein ehrenamtliche Hospizbegleite- rinnen und Hospizbegleiter aus, die schwerkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen in schweren Stun- den Unterstützung anbieten.

Hospizlich-palliative Begleitung schließt die spirituelle Dimension ein. Manchmal habe er den Eindruck, dass die Menschen heute schwerer sterben als früher, sagte Pfarrer Roland Buchenberg, Prodekan des Dekanats Kempten. Vielleicht, weil sie den Zugang zu ihrer Spiritualität verloren hätten. Vieles bleibe unverarbeitet und wiege schwer. Auch wenn oft der Eindruck entstehe, dass Priester zeitlich überlastet seien, dürfe niemand zögern, einen Priester zu rufen, denn es sei eine Kernaufgabe des Priesteramtes, Sterbenden beizustehen. Oft helfe schon das stille Zuhören oder ein Gebet. Die Sakramente der Kirche könnten Ängste nehmen und Kraft schenken. Sowohl im Krankenhaus als auch im stationären AllgäuHospiz gebe es Seelsorger für Kranke und Angehörige. 

Im Schlusswort wies Mayr auf die Position des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands hin: Der Angst vor Würdeverlust, Einsamkeit und unerträglichen Schmerzen und Leiden sei durch eine Kultur der Wertschätzung gegenüber kranken und sterbenden Menschen sowie flächendeckende Angebote der Hospiz- und Palliativversorgung zu begegnen. Auch in unserer Region nehme der Wunsch nach hospizlicher Begleitung im ambulanten und stationären Bereich ständig zu. Das bestehende Angebot im AllgäuHospiz reiche deswegen nicht mehr aus und müsse dringend auf zwölf beziehungsweise 16 Gästebetten erweitert werden. kb

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