"Ich genieße jeden Tag die Zeit"

Ohne Berührung mit Umgebungsluft fließt die Ziegenmilch von dem High-Tech Melkstand zur Kühlwanne. Das „Bockeln“, der von vielen gefürchtete unangenehme spezielle Geschmack dieser Milch, wird damit vermieden. Eine Kostprobe auf dem Ziegenhof der Familie Heberle überzeugt auch Skeptiker. Foto: Würzner

Kuhmilch enthält Laktose, die immer mehr Menschen schlecht vertragen. Der Wunsch nach einem frischen, kühlen Glas Milch ist jedoch leicht zu erfüllen. Markus und Cornelia Heberle kredenzen gerne einen Schluck laktosefreier Ziegenmilch zum Probieren und bieten dazu gleich noch Ziegenkäse an. Weil das wohlschmeckende Produkt ihrer 300 BDEs (Braune deutsche Edelziege) von der Melkmaschine bis zum Kühltank nicht mit der Außenluft in Berührung gekommen ist, konnte es auch überhaupt keinen Beigeschmack annehmen, das „Bockeln“.

Vor gut zehn Jahren übernahm der Altusrieder den Hof mitsamt der Schuldenlast, das Einkommen aus der Landwirtschaft reichte nicht mal für die Zinsen. In seinem Zweitjob als Milchfahrer erlebte er, wie „die Baure verarscht wearet“ und las mit ganz anderen Augen den Artikel im Bauernblatt über Ziegenhaltung. Nach einem Jahr Bedenkzeit und Kontakten mit anderen Ziegenzüchtern fasste er den Entschluss für einen radikalen Wechsel. Von der ursprünglich erwünschten weißen Sahneziege gab es nicht genügend Kitze, mit der Alternative BDE kann er dagegen sehr gut leben. Aus den 80 Jungtieren sind 300 Ziegen geworden, das Ziel sind 270 bis 300 melkende Muttertiere plus Nachwuchs. Die Abnahme von 200 000 Litern ist durch die Molkerei in Andechs garantiert, der Milchpreis auch. Das vertreibt die Sorgen über die Zukunft, macht die teuren Investitionen erst möglich – der Stallumbau, die speziell konstruierte Melkmaschine. 18 Stationen sind es auf jeder Seite, nach dem „Swing over Prinzip“ dauert es grade mal 45 Minuten, und die Ziegen trotten mit leerem Euter und 200 Gramm Kraftfutter im Magen in den Laufstall zurück. Bemerkenswert wie leise, sauber und geruchsfrei das Ganze abläuft. „Ich genieße jeden Tag die Zeit im Melkstand,“ erklärt Markus Heberle schmunzelnd, „die Kühe habe ich noch keine Minute vermisst.“ Carolina lässt den nächsten Schwung rein, sortiert zwei Übereifrige aus, die zusammen in eine Box wollen und nickt zustimmend. „Mit Birkenstocksandalen würden Sie in einem Kuhstall nicht rumlaufen“, bemerkt sie. Ein Ziegenkitz bekommt die ersten zehn Tage Muttermilch, danach Biokuhmilch. Mit 35 Kilo, also nach etwa sieben Monaten, werden die Tiere geschlechtsreif. Wenn einer der drei Böcke seine Arbeit erfolgreich erledigt hat, bekommt es nach einer Tragzeit von weiteren sieben Monaten Nachwuchs und wird damit zur Milchlieferantin. Die Lebenserwartung liegt bei sieben bis acht Jahren. Die mittlere Leistung einer BDE liegt bei rund 1000 Litern pro Jahr. Wer nun meint, als Ziegenzüchter schnell reich werden zu können, muss die Kosten gegenrechnen. Das Stroh für das Tiefstreu kommt aus biologischem Anbau, das macht sich beim Preis bemerkbar. Das Kraftfutter ist erst kürzlich um vier Euro je Doppelzentner teurer geworde. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von über 40 Tonnen schlägt das ordentlich zu Buche. Vielfältiges Angebot Und der Appetit nach Ziegenfleisch hält sich in Grenzen. Der einzige Abnehmer für Kitze kommt aus Frankreich, aber die Fuhre lohnt sich erst ab 120 Stück, soviele auf einmal gibt es so gut wie nie. Bleibt als Zubrot der Verkauf ab Hof. Alle Käsesorten, Kakao und Joghurt können bestellt werden, frische Milch gibt es jeden Tag. Ein Rezept für köstlichen Zickleinbraten dazu. Und ein Besuch lohnt sich immer, besonders für Kinder. Für Jungen gibt es auch einen Ansprechpartner. Florian kann schon Traktorfahren. Martin ist noch ein Baby, eignet sich sehr gut zum „Kindsmagd“ üben. Im Sommer, wenn es mal nicht regnet (Ziegen sind wasserscheu) ist die Herde auf der Wiese, im Stall fressen sie einer oder einem, der sich traut, aus der Hand. Zu finden ist der Hof von Markus und Cornelia Heberle bei Altusried ganz einfach: Von Kempten kommend biegt man etwa 100 Meter vor dem Kreisverkehr rechts ab und fährt dann direkt auf die Gebäude mit der großen Solaranlage auf dem Dach zu.

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