Frische Ideen von Architekturstudenten aus Augsburg machen Schluss mit öden Ortsrandgebieten

Gewerbegebiete mit Mehrwert

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„Under the Leafe“ hat Maximilian Skriebe seinen Entwurf für ein Gewerbegebiet in Schwarzerd genannt.

Buchenberg – Nur wenige Tage waren sie kurz vor der Festwoche zu Gast in Kempten. Wer es dennoch mitbekommen hatte, konnte in der ersten Etage im Künstlerhaus anhand der ausgestellten Pläne und Modelle sehen, wie Gewerbegebiete aussehen könnten – vorausgesetzt ein ästhetisches und umweltkonformes Bewusstsein ist auch für Zweckbauten vorhanden.

Die vorgestellten Entwürfe des Masterstudios Sommersemester 2016 der Hochschule Augsburg, Fakultät für Architektur und Bauwesen, fokussierten mögliche Wege für ein – tatsächlich im Raum stehendes – Gewerbegebiet in Schwarzerd im Gemeindegebiet Buchenberg und warben nicht nur für einen sorgsameren Umgang mit der Natur, die gerade Gewerbegebieten meist sehr unsensibel geopfert wird. Sie zeigten auch, dass sich wirtschaftliche Funktionalität und an der Landschaft orientierte Ästhetik nicht gegenseitig ausschließen. Dennoch wird in der Praxis bislang kaum Rücksicht auf historische oder landschaftliche Befindlichkeiten genommen und statt Gewerbegebiete mit „Charakter“ und Aufenthaltsqualität für die dort ja meist recht zahlreichen Beschäftigten entstehen mehrheitlich gesichtslose Einheitsarchitekturen, an denen kaum jemand Freude hat.

Im Rahmen der kleinen Vernissage hatte Dipl.-Ing. Franz Schröck, Lehrbeauftragter im Sommersemester 2016 und Geschäftsführer des „architekturforum allgäu“, den „erschreckenden Flächenverbrauch“ auch im Allgäu skizziert, wo „zwei Fußballfelder pro Tag“ versiegelt würden und sich die Kulturlandschaft dadurch in den letzten Jahrzehnten „dramatisch verändert“ habe, unter anderem durch lieblos hingestellte Gewerbegebiete, die „eigentlich störend“ empfunden würden.

Ausgangspunkt für die Studenten war es, ein themenbezogenes Gewerbegebiet mit den Komponenten Sport, Outdoor, Fitness etc. zu entwerfen und dabei den Besonderheiten des 1552 erstmals urkundlich erwähnten Ortes Schwarzerd – Römerstraße, großes Moor und ehemals Torfabbaugebiet, einst Haltestelle vom Isny-Bähnle mit Restauration... – Rechnung zu tragen.

Als vorbildlich wurde einmal mehr der Stellenwert von Architektur im vorarlbergischen Bregenzer Wald gepriesen. Beispielhaft ein „gelungenes Gewerbegebiet“ nahe der Ortschaft Hittisau, für das sich – im Allgäu undenkbar? – mehrere Gemeinden zusammmengeschlossen und das Projekt am dafür besten Platz gebaut hätten. Die Gewerbesteuer wird laut Schröck „nach einem Schlüssel verteilt“.

„Wesentlich höhere Sorgfalt“ bei Planung und Bau als in Deutschland bescheinigte den Vorarlbergern auch Masterstudio-Betreuer Prof. Dipl.-Ing. Christian Peter. Den Städtebau an sich bekomme man allerdings auch dort nicht in den Griff, wies er auf die „starke Zersiedlung“ hin. Ein zentrales Problem sah er darin, dass Kommunen über Gewerbegebiete entscheiden würden, „ohne ein Bild davon zu haben“. Verständlich seine Enttäuschung darüber, dass keiner der eingeladenen Bürgermeister zur Vernissage gekommen war, um sich von den unterschiedlichen und, laut Peter, „eigenständigen“ Ansätzen inspirieren zu lassen.

Im Entwurf „Sport im Park“ überträgt Barbara Beier die Struktur von zum trocknen gleichmäßig aufgereihten Torfblöcken in die städtebauliche Struktur, aus der nur die Kletterhalle als Blickfang und Zeichen für die Sondernutzung herausragt. Der Topographie folgend sind die niedrig gehaltenen Gebäude aus Holz – Hauptnutzung liegt in Produktion und Verkauf von Outdoor-Sportbekleidung – auf drei Ebenen verteilt und durch eine ausgeklügelte Erschließung wird das Gewerbegebiet autofrei gehalten. Mehrwert entsteht unter anderem durch attraktive Aufenthaltsbereiche im Außenbereich sowie zwei Beach-Volleyballfelder, einem Skater- sowie einem Spielplatz.

Einen gewagteren Weg beschreitet Maximilian Skiebe mit „Under the Leave“, in dem er Technik im Einklang mit der Natur entwirft. Orientierung dafür fand Skriebe in der Multihalle in Mannheim des renommierten Architekten Frei Otto, dessen Netzstruktur er abgewandelt und auf Basis von Blättern der Moorbirke, wie eine Hügellandschaft als Dach des Gewerbegebietes in die Landschaft einfügt. Ohne Berührungspunkte mit dem begehbaren Dach befinden sich darunter drei Werkshallen mit Verkauf, ein Moormuseum und ein Moorerlebnispfad sowie große öffentlich Plätze.

Dass zwischen diesen beiden außerordentlich gegensätzlichen Entwürfen sehr viel möglich ist, zeigten die durchweg ebenfalls spannenden Arbeiten „Schwarzerd“ von Julian Heindl, „Moor in Motion“ von Beate Kraus, „Moor3“ von Matthias Kraus, „Shared Space“ von Timo Plachta, „Moore is More“ von Alexander Remiger, „Moortown“ von Julian Sandler und „Schwarzerdgrün“ von Christian Schindlbeck.

Christine Tröger

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