Indizien, aber keine Beweise

So spektakulär wie bei den Grabungen auf dem St. Mang Platz läuft es in der Archäologie nicht immer – oder sogar eher selten. Davon kann das derzeit am ehemaligen Sixtgelände unter der Burghalde tätige Grabungsteam ein Lied singen. Grundsätzlich neue Erkenntnisse konnten aus den Bodenspuren und Fundstücken bislang jedenfalls nicht gewonnen werden.

Vor allem aber über die zweite Römersiedlung, das spätrömische Cambidanum, hätte man gerne Aufschlussreiches gewonnen. Die Ausbeute bislang: In einigen Bereichen die letzten Reste von Siedlungsflächen, zwei Pfosten am nördlichen Rand der Grabungsstelle, und deren Zeitbestimmung aber mangels Begleitfunden schwierig sei, wie Grabungsleiter Ernst Sontheim erklärte. Ein Pfosten weiter südlich, der „mindestens aus der Spätantike oder eventuell römischen Kaiserzeit“ sein könne. „Ob aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert, wissen wir nicht“, schränkte er ein. Mauerreste beziehungsweise Baubefunde – Fehlanzeige. Dass dieser Bereich aber nun mit Sicherheit als Siedlungsgebiet eingestuft werden kann, das bekräftigte auch Kulturamtsleiter Dr. Gerhard Weber. Und auch, dass über die einstige Ausdehnung der Siedlung nur wenig bekannt sei. Lediglich das Gebiet zwischen heutigem Evangelischem Friedhof und St. Mangplatz sei diesbezüglich weitgehend gesichert. Unter und teils auch in der heutigen westlichen Friedhofsmauer stecke noch die einstige Wehrmauer des 4. Jahrhunderts nach Christus. Deshalb „hoffen wir, einmal über die Grabungen etwas genaueres zu erfahren“, meinte Sontheim. Im Moment „habe ich nur lauter Indizien aber keine Beweise“, fasste er die bislang vorwiegenden Mosaiksteinchen zusammen. Unklar sei auch, warum die sich einst aneinanderreihenden mittelalterlichen Handwerkerplätze zwischen Altstadt Engel und Soloplan hier „schlagartig aufhören“. Neben „kleinen Fragmenten“ römischer Gebrauchskeramiken, teilweise aus der Zeit vor Cambidanum, dessen Anfänge Ende des dritten Jahrhunderts datieren, hat das Grabungsteam auch an die 30 römische Münzen aus den sandigen Bodenschichten geborgen. Schlechter Zustand Die meisten davon sind in eher schlechtem Zustand, aber bei einigen habe man sogar die Schrift ohne vorheriger Reinigung mit Maschinenöl lesen können, zeigte sich Historiker und Münzforscher Dr. Harald Derschka begeistert. Zeitlich ordnet er das gefundene Kleinstgeld „tendentiell der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts“ zu. Ein Fragezeichen steht ferner hinter der genauen ursprünglichen Topographie des Gebietes unterhalb der Burghalde, in dem bis zu Christi Himmelfahrt hinüber Planier- und Füllschichten beobachtet werden konnten. „Vermutlich ab dem 13. Jahrhundert hat man gezielt begonnen Aufzuschütten“, um das Gebiet trocken zu legen, meinte Weber. Freuen würde er sich besonders über Funde aus dem fünften und sechsten Jahrhundert, denn „für diese Zeit haben wir bisher, wie in den allermeisten größeren Siedlungen und Städten Europas, fast gar keine Funde anzubieten “. Den „ersten richtigen Durchbruch“ des heutigen Illerarmes kann er anhand von Funden aus unterschiedlichen Grabungen der letzten Jahrzehnte zuordnen. Genauere Erkenntnisse werden auch weiterhin ein mühsames, wenngleich spannendes Puzzlespiel bleiben.

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