Neue Wege in der Arbeitswelt?

Unumkehrbarer Prozess

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Der Journalist des Bayerischen Rundfunks, Professor Sigmund Gottlieb (M.), moderierte die Veranstaltung. (l.) Timo Divivier, Gruppenleiter „Datengeschützte Technische Optimierung“ bei der Robert Bosch GmbH, und (r.) Dr.-Ing. Sebastian Schlund, Leiter Competence Center Produktionsmanagement Fraunhofer-Institut.

Zu einer anspruchsvollen Diskussionsrunde mit hochkarätiger Besetzung hatten vergangene Woche die Wirtschaftsjunioren Kempten-Oberallgäu ins Stadttheater geladen.

„Unternehmen 4.0 – Untergang oder Revolution für die Arbeitswelt“, über diese Thematik diskutierten fünf ausgewiesene Fachleute unter der Moderation des bekannten BR-Chefredakteurs Professor Sigmund Gottlieb.

Eingeladen war Anton Seelos, Manager IT Germany der AGCO Gmbh, vormals FENDFT/Marktoberdorf; Timo Divivier „Datengeschützte Optimierung“ – Robert Bosch GmbH, Werk Blaichach; Prof. Dr. Klaus Kornwachs, Dipl. Physiker, Honorarprofessor an der Universität Ulm und der CAUP; Dr.-Ing. Sebastian Schlund, Leiter Competence Center Produktionsmanagement Fraunhofer-Instititut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Universität Stuttgart und Prof. Dr. Stefan Stoll, Leiter Studiengang Wirtschaftsinformatik, Führungskraft in Villingen-Schwennigen.

„Wer in den USA nicht mehr als 20 Dollar pro Stunde verdient, der könnte wohl bald seinen Job an einen Roboter verlieren“, lautet eine Google Zukunftsprognose. In allen führenden Industrienationen arbeiten Experten an intelligenten Robotern, die in Bereichen wie Dienstleistung, Logistik, Verwaltung, Pflege und anderen Branchen Tätigkeiten vollführen, die bisher von Menschenhand erledigt wurden. So könnten laut dieser Prognose weltweit 5,1 Millionen Jobs in den kommenden Jahren durch Roboter ersetzt werden. Die Runde der Diskutanten beschäftigte sich daher mit den Fragestellungen: Welche Arbeitsbereiche können durch Roboter ersetzt werden, bleibt der Mensch als „Human Ressource“ hierbei auf der Strecke und welche Chancen ergeben sich aus der 4. Industriellen Revolution?

Die 4. Industrielle Revolution ist die Verknüpfung der digitalen Welt mit den Produktionsprozessen in der Industrie oder wie es einer der Diskutanten des Abends formulierte: „Industrie 4.0 verbindet den Maschinenbau mit dem Silicon Valley.“ Neben der digitalen Steuerung von Maschinen kommt es bei Industrie 4.0 zur Vernetzung von Menschen und Maschinen über das Internet. So kann beispielsweise in den sogenannten „Smart Homes“ die Heizungsanlage oder die Waschmaschine über ein Smartphone, dass über eine entsprechende App verfügt, von außer Haus angesteuert werden. Zugleich werden die Parameter dieser Anlagen mittels Sensorik laufend erfasst und dem Benutzer via Internet übermittelt.

Bestehendes wird vollständig verdrängt

Da diese Systeme zukünftig über eine „Künstliche Intelligenz“ verfügen, würde konkret in diesem Fall der Job einer Haushälterin obsolet. Diese Innovation ist ein Beispiel einer typischen „disruptiven Technologie“. Bei diesen werden bestehende Technologien, Produkte oder Dienstleistungen unter Umständen vollständig verdrängt. Als Beispiel führte hier Prof. Dr. Stefan Stoll die Automobilindustrie ins Felde. Während in den deutschen Automobilkonzernen die Hardware, also das Produkt „Auto“, bei der Entwicklung im Vordergrund steht, ist es bei den Amerikanern heute mehr die Software. Dort werden nicht in immer gleichen Zyklen neue Fahrzeugmodelle entwickelt, sondern bestehende Fahrzeuge werden, ähnlich Computerprogrammen, lediglich „geupdatet“. Dem widersprach Prof. Dr. Klaus Kornwachs, indem er von einer teilweise vorhandenen „Hochglanzankündigungsbranche“ sprach, die in steten Ankündigungszyklen jedwede technologische Erneuerung als „Revolution“ verkaufe.

Auch der Vertreter der Wirtschaft, Timo Divivier von der Robert Bosch GmbH, verwies darauf, dass rund 98 Prozent der Produktionsprozesse in der Automobilindustrie ohnehin heute maschinell gesteuert ablaufen. So sah dieser auch nicht die Jobs der letzten menschlichen Akteure beim Produktionsprozess in Gefahr. „Die Schweißer, die wir bei Bosch in Blaichach haben, behalten ihre Jobs“, so Divivier.

Für die Wirtschaft ist Industrie 4.0 deshalb interessant, weil hierdurch Kosten gesenkt, die Zeit effizienter genutzt und die Qualität gesteigert werden könne“, so unisono Seelos und Divivier. Schlund verwies auf die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den Mittelstand, wo man die „technologische Aufrüstung“ der Industrie insofern fürchtet, als hier ein neuer Wettbewerber auch für den Mittelstand heranreifen könnte. Würden Maschinen zukünftig plattformübergreifend im Internet entwickelt, könnte insbesondere der mittelständische Sondermaschinenbau leiden.

Am Ende herrschte Einigkeit unter den Diskutanten – Industrie 4.0 sei ein unumkehrbarer Prozess, auf den sich alle Akteure einstellen müssten.

Auch Kemptens 2. Bürgermeisterin Sibylle Knott verwies zu Beginn der Veranstaltung freudig auf das ab Januar 2017 neu entstehende Digitale Gründerzentrum in Kempten hin. Ein Kompetenzzentrum, das als zentrale Informationsstelle den Wissenstransfer und die Umsetzung neuer Produkte und Geschäftsmodelle vorantreiben wird, so Knott, und somit Mittelstand und Handwerk in die Welt der Industrie 4.0 mitnehmen

wird.  Jörg Spielberg

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