Interessanter Vortrag

„Ich habe mich gefühlt wie neugeboren!“ So oft hat jeder von uns diesen Satz schon einmal gehört oder selbst gesagt. Doch wie fühlt sie sich tatsächlich an, die erste Stunde im Leben eines Babys? Diese Frage thematisierte der Oberarzt der Neonatologischen Station des Klinikum Kempten-Oberallgäu, Oliver Götz, im Rahmen des Tages der offenen Tür im Kreissaal.

In seinem einstündigen Vortrag „Ja, wie sieht’s denn hier aus?“ schilderte er die Empfindungen und Wahrnehmungen eines Neugeborenen bei dessen Start ins Leben. Dabei versetzte Götz sich abwechselnd in die Rolle des Säuglings und in die des Arztes, um den Zuhörern zu den kindlich-emotionalen Eindrücken auch die wissenschaftlichen Aspekte näherzubringen. Dabei orientierte er sich am Alter des Babys vor während und nach der Geburt. Noch 14 Stunden: Beruhigt durch die vollkommene Dunkelheit, Wärme und den gedämpften Herzschlag der Mutter fühlt sich das Baby absolut geborgen, als läge es untergetaucht in einer Badewanne. Stoffwechsel und Atmung laufen automatisch über die Nabelschnur, es hat also nicht viel zu tun. Noch Vier Stunden: Die Fruchtblase der Mutter ist geplatzt und die Wehen setzen ein. Das Kind merkt „Irgendetwas ist anders, es drückt und bewegt sich“. Verständlich, dass es unruhig wird und gestresst ist. Stunde Null: Panik, Schreck! Plötzlich wird es hell, wenn nicht grell! Es ist kalt! Das Kind erfährt eine neue Licht- und Temperaturempfindung. Anstatt der angenehmen 37°C im Bauch der Mutter, hat es jetzt „nur noch“ etwa 25°C. Das ist sehr unangenehm. Nun folgt die Abnabelung – ein entscheidender Ein(Durch)schnitt, denn ab jetzt muss das Kind in unserer Umgebung leben können. 30 Sekunden: Das Baby wird auf ein Handtuch gelegt. Dies entspricht einem bisher unbekannten Reiz: Es ist rau! Das Baby hat Luftnot, bis es reflexartig seinen ersten Atemzug tut, verbunden mit dem sogenannten „erlösenden Schrei“. Zum ersten Mal entfaltet sich seine Lunge und deren Durchblutung setzt ein. Eine Minute: Das Kind hustet und röchelt – Fruchtwasser-Reste befinden sich in der Lunge. Es ist damit beschäftigt zu atmen, ein völlig neues Erlebnis! Der erste Apgar-Wert (Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen, Reflexe) wird erhoben. Fünf Minuten: Der Säugling liegt jetzt auf dem Bauch der Mama, spürt deren Wärme, Herzschlag, weiche Haut und hört ihre Stimme. Es beruhigt sich langsam. Auch die Atmung klappt schon besser. Der 2. Apgar-Wert wird genommen. Zehn Minuten: Papa bekommt das Neugeborene. Durch den Lagewechsel und die Schwerkraft erfährt es: „Ich kann mich bewegen, aber es ist anstrengend.“ Erstmalig kommt auch der Energieverbrauch zu tragen. Gehirn-Arbeit und Atmung können ganz schön Energie kosten. 15 Minuten: Während der ersten Vorsorge-Untersuchung (das Baby wird gedreht und es wird nachgesehen „ob alles dran ist“, Gewicht und Größe werden ermittelt), kommt meist der Harndrang auf. Es muss pinkeln. 30 Minuten: Das Kind wird zum ersten Mal gestillt. Alles ist schön – die Vormilch schmeckt lecker süßlich, es ist warm und ruhig. Eine Stunde: Der Säugling wird angezogen und gewickelt, schließlich hat er seinen ersten Stuhlgang gehabt. Ein gutes Zeichen, denn die Verdauung funktioniert. Trotzdem empfindet er das Wickeln erstmal als Störung, Schlaf wäre ihm lieber. Dass die Geburt sowohl für Baby als auch für Mutter inzwischen ein möglichst angenehm gestalteter Vorgang ist, zeigte der sehr modern ausgestattete Kreissaal des Klinikums. Jedes Jahr kommen hier 1400 Kinder zur Welt. „Sie gehen heute wesentlich fitter aus der Geburt raus“, klärte Hebamme Christina Werner auf. Das läge vor allem daran, dass man sich total nach Bedürfnissen und Wünschen der Frau richten könne.

Meistgelesene Artikel

Ausblick und Austausch

Kempten – Knapp 200 Repräsentanten der verschiedenen Bereiche des Lebens in Kempten versammelten sich am Dienstagabend in der Schrannenhalle des …
Ausblick und Austausch

Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kempten – Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche eskalierte ein Streit zwischen einem Pärchen, in dessen Verlauf der Mann offenbar versuchte seine …
Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Mongolei – Nomadenstaat im Spannungsfeld mit Urbanisierung

Kempten – Das Haus International erfüllte auch an diesem Abend seine Mission als interkulturelles Zentrum der Stadt Kempten. Der recht gut besuchte …
Mongolei – Nomadenstaat im Spannungsfeld mit Urbanisierung

Kommentare