Dr. Johannes Friedrich spricht über das Verhältnis von Christen und Juden

Geschwister im Glauben

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Dr. Johannes Friedrich betont in seinem Vortrag die Gemeinsamkeiten von Juden und Christen.

Kempten – Juden und Christen glauben an denselben Gott. Das bekräftigte Dr. Johannes Friedrich vergangene Woche mehrmals in seinem Vortrag „Nachbarn, Freunde oder Geschwister? – Juden und Christen in Deutschland“ im gut gefüllten kleinen Kornhaussaal.

Kornhaussaal. Das Evangelische Bildungswerk, weitere kirchliche Institutionen und die Deutsch-Israelische Gesellschaft hatten die Veranstaltung organisiert. „Es klingt nach Hoffnung, wenn wir unser Miteinander als Nachbarn, Freunde, Geschwister beschreiben“, sagte der evangelische Dekan Jörg Dittmar in seinem Grußwort. 

Sein katholischer Kollege, Dekan Dr. Bernhard Ehler, meinte, dass Christen und Juden als Brüder in ihrer Liebe zum gemeinsamen Vater zueinander finden. „Das jüdisch-christliche Verhältnis ist in Deutschland sehr störanfällig. Das hat sich zuletzt sehr deutlich gezeigt in der Debatte über das Beschneidungsverbot. Ich müsste darum besser sagen, das Verhältnis von Juden zur Bundesrepublik ist sehr leicht zu stören“, erklärte Dr. Johannes Friedrich. Zu den beeindruckendsten Erlebnissen der vergangenen Jahre habe für ihn die Einweihung der neuen jüdischen Synagoge mitten in München gehört. „Ich war im Innersten bewegt, als ich in diesen herrlichen, großen, goldglänzenden Raum trat und miterleben durfte, wie das ewige Licht, das es auch in einer Synagoge gibt, ich wusste das nicht zuvor, entzündet wurde“, berichtete der ehemalige evangelische Landesbischof von Bayern. 

In den vergangenen Jahren seien immer wieder Zeitungsmeldungen erschienen, die auf ein gestörtes Verhältnis zwischen Christen und Juden in Deutschland schließen lassen könnten. „Da wurden geistliche Würdenträger wegen Holocaust-Vergleichen kritisiert, und der jüdische Zentralrat machte keinen Hehl daraus, dass er dies nicht für akzeptabel hält.“ Zu den schwierigsten Erfahrungen während seiner Bischofszeit hätten die Folgen eines Synagogenbesuchs in Würzburg gehört. Aus Höflichkeit und Respekt habe er dabei die Kippa aufgesetzt und sein Amtskreuz weggesteckt. „Was glauben Sie, welche Briefe ich damals erhalten habe?“ 

Manche hätten ihm vorgeworfen, er habe damit Jesus Christus verraten. „Leider gibt es immer noch Menschen, die mehr Gegnerschaft oder zumindest ein Gegenüber sehen im Ver-hältnis zwischen Juden und Christen als Geschwisterschaft“, bedauerte Friedrich, der sechs Jahre lang an der evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem als Probst arbeitete. Jesus habe jüdisch gedacht, geglaubt und gebetet. „Christlicher und jüdischer Glaube haben gemeinsame Wurzeln. Seit Jesus Christus gehen wir getrennte Wege. Aber wir glauben an denselben Gott.“ Wenn die jüdische Wurzel nicht berücksichtigt werde, führe dies zu einer verkürzten Sichtweise christlicher Identität. Israel bleibe auch nach Aussagen des Neuen Testaments das erwählte Gottesvolk, was im Rö-merbrief des Apostels Paulus deutlich werde. „Die so genannte Enterbungstheorie darf und kann unter uns keinen Raum mehr haben“, so der Referent. 

Diese Theorie besage, dass die Kirche als das neue Israel das Israel der Verheißungen ersetzt oder enterbt habe. „Wir wollen unsere Verantwortung wahrnehmen und dafür sorgen, dass nie wieder Juden in unserem Land diskriminiert werden.“ Viele theologische Themen im Glaubens- bekenntnis und im Vaterunser seien nur vor dem jüdischen Hintergrund verständlich. Vom Engagement der frommen Juden für den Sabbat könnten die Christen viel lernen, was die Wichtigkeit und Erhaltung des Sonntags betrifft. Friedrich wünschte sich, dass viele Christen verstehen, dass sie und die Juden Geschwister im Glauben sind. „Der wichtigste Unterschied liegt sicherlich in der Beantwortung der Messiasfrage.“ Die Erwiderung auf diese Frage dürfe man als Christ ruhig Gott und dem Heiligen Geist selbst überlassen. Für die musikalische Unterhaltung an diesem Abend sorgten Tabea Huss (Klavier) und Peter Willer (Klarinette).

Franziska Kampfrath

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