Jazzkonzert zum 80. Geburtstag von Konzertorganisator Dr. Franz Tröger

Überschäumender Tiefgang

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Wolfgang Muthspiel (Gitarre und Gesang), Florian Eggner (Cello), Benjamin Schmid (Violine) verzaubern das Publikum mit ihren Kompositionen.

Kempten – Dr. Franz Tröger muss ein sehr glücklicher Mann sein, der seinen 80.Geburtstag und sein 50. Jahr als Veranstalter und Konzertorganisator mit einem derartigen Aufgebot an hochkarätigen Musiker begehen darf. Außerdem noch der 100.Geburtstag von Max Reger und Yehudi Menuhin, der vor 30 Jahren die Laudatio für Stargeiger Benjamin Schmid hielt. Kompakter und schöner geht’s fast nicht mehr in so einer lauen Vollmondnacht nahe der Iller. Von der Musik ganz zu schweigen.

Stephan Holstein und Howard Alden aus New York eröffneten den Abend mit einer flotten Swingnummer „Shine“. Man glaubte drei Spieler zu hören. Das lag an der virtuosen Spieltechnik von Aldens siebensaitiger Halbresonanz Jazzgitarre, mit der er Bassläufe gleichzeitig mit den Akkord-Riffs und Countermelodien bewältigte. Eine großartige Leistung, die perfekt mit dem butterweichen und sehr dynamischen Klarinettenspiel von Holstein harmonierte. Mit nur kleinem Equipment erzeugten die beiden Virtuosen eine unglaubliche Stimmung, die selbst hartgesottene Jazzkenner in ein Wechselbad der Gefühle eintauchen ließ. Mit einer brasilianischen Nummer mit dem schönen Namen „Brotkrümel der Liebe“, die lange vor der Samba und Bossa Tradition entstanden war, brachten sie das Publikum endgültig zum Träumen. Warme, weiche Klänge der Gitarre und melancholisch zarte Klarinettenparts versetzten den Zuhörer in die Zeiten von „buena vista social club“, ließen Bilder von romantischen Stränden in der Karibik auftauchen. Das alles auf einem hohen musikalischen Niveau, mit einer Fülle von Jazzakkorden, eingebettet in einem internen Rhythmus. Alles völlig entspannt und scheinbar mühelos. Dem Vollmond gezollt war sicher das Stück „No moon at all“. Eine witzig-verspielte Klarinettenimprovisation von Holstein, über den absolut sicher gespielten Jazz-Akkord Kaskaden von Alden. Ein hochgradiges Vergnügen für Spieler und Publikum, das mit stürmischem Applaus belohnt wurde. Traumhafte Assoziationen, schöne Bilder, die teilweise die Geschlossenheit des Konzertsaals vergessen und direkt in die Unendlichkeit fliegen ließen, so begann der Abend vor der Pause und wurde genauso vom Austria String Trio fortgesetzt.

Als Eröffnung des Trios zunächst einmal ein Canon im fünfviertel Takt, von Stefan Muthspiel komponiert. Da konnte man sich schon mal langsam mit dieser ungewöhnlichen Besetzung von Violine, Cello und E-Gitarre vertraut machen. Was auf den ersten Blick wie ein Streicher Trio anmutete, entpuppte sich ziemlich schnell zu einer Jazzformation, die es in sich hatte. Es gab keine Spieltechnik, die nicht eingesetzt worden wäre. Alle nur denkbaren (und undenkbaren) Möglichkeiten der Instrumente wurden ausgefahren. Das rhythmische Spektrum schien grenzenlos, die kreativen Ideen, gepaart mit einer exzessiven Spielfreude waren scheinbar überschwänglich. Schnell wurde klar, warum Benjamin Schmid 2015 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik als bester Jazz und Klassikviolinist erhalten hatte. Diese Kombination ist selten und in der Person Schmids eher einmalig. Hier einige Beispiele aus dem 70 min. Programm des Austria String Trios:

Die Komposition von Muthspiel „South Bound“, in der es auch Gesang von ihm gab, entführte in der Tat in südstaatliche Gefilde, mit einem Schuss Irish Folk. Meisterliche Jazzmodulationen gingen aber weit darüber hinaus. Dass ein Cello mehr kann, als nur das übliche „basso continuo“ wurde in der Ballade „Austria“ deutlich. Gezupft in Kontrabassmanier führte Eggner die Basslinien, die durch Einwürfe der Violine gewürzt wurden. Die sanfte Stimme und die zauberhaften Gitarrensolis machten diese Nummer zum Genuss. Doch es kam noch besser! Der Kanon in Bachstilistik, eine Idee von Schmid, zeigte ein komplexes musikalisches Räderwerk im siebenviertel Takt. Fugal und mantramäßig zugleich spielten ostinate Sequenzen wechselseitig und ließen Raum für fantastische Improvisationen, die dann tangoartig ausklangen. Interessant auch die Hommage an Michael Jackson „Jackson Pocket“. Kurze, abgehackte Riffs, leicht abstrakt, werden vom Funk durchdrungen. Ein Zerrbild von den musikalischen Jacksonelementen entsteht, das von Picasso sein könnte. Schmid schlägt die Geige wie eine Gitarre, bringt Slides und allerlei interessante Effekte ins Spiel, um wieder von fetzenden Riffs eingefangen zu werden. Die ganze etwas zickige Exaktheit von ­Jackson kommt zum Vorschein. Der Lieblingskomponist (außer Max Reger) von Schmid ist Kurt Weill. Deshalb hat er das Stück „Youkali“ von ihm neu arrangiert. Das ursprüngliche Werk aus dem Jahre 1934 ist eigentlich ein Tango Habanera. Auch bei dem Arrangement von Schmid kommt der Tango, die Kaffeehaus Atmosphäre gespickt mit kleinen Absurditäten, deutlich heraus. Er spielt hier mit Effekgeräten, zaubert extreme Glissandos und plötzliche Höhen, die mit einem massiven Pizzicato enden. Der große Beifall dafür war eindeutig.

Das anschließende Gitarrensolo von Muthspiel entführte in die Spanische Romantik. Obwohl jazzige Akkordfolgen, dennoch unglaublich sensibel und einschmeichelnd. Die Elemente aus bekannten Pop Balladen, so meinte man jedenfalls zu hören, flossen reibungslos in jazzige Modulation ein, und waren eine traumtreibende Vorbereitung auf das nächste Stück. Die Bearbeitung von Schmid, vom Cis-moll Präludium von Bach war das ideale Stück für eine Vollmondnacht, da der Ton cis dem Mond entspricht. Es ist auch die Tonart der „Mondschein Sonate“ von Beethoven. Die ruhige Harmoniefolge beflügelte Schmid zu einer Improvisation über dieses Bachthema, das in der Tat abheben ließ. Unterstützt durch Hall und Delayeffekt wurde eine enorme Räumlichkeit des Geigenspiels erzeugt, die eine gewisse Verklärung nach sich zog, wahrscheinlich ganz im Sinne von Bach. Die räumliche Weite des geradezu sehnsüchtigen Geigenspiels von Schmid, das sensible Cello von Eggner und die hingebungsvollen Gitarrenriffs von Muthspiel erzeugten eine friedvolle Stimmung, wie sie einer Vollmondnacht würdig ist. Der frenetische Applaus führte schließlich zu zwei kraftvollen und energiegeladenen Zugaben.

Ostinate Rockelemente mit pentatonischen Solis, eine percussive Spieltechnik auf dem Cello, das Schlagzeug und Bass in einem spielte, machte auch zum Abschluss dieses wunderbaren Abends das hohe Niveau und die meisterhafte Kreativität des Austria String Trio noch einmal deutlich.

Jürgen Blasinski

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