"Kein Hochlohnbereich"

Weniger schlimm als erwartet hat die Wirtschaftskrise laut Werner Gloning, Regionsvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), bisher das Allgäu getroffen. „Das heißt aber nicht gut“, betonte er auf der traditionellen Jahrespressekonferenz der Allgäuer DGB-Gewerkschaften am Faschingsdienstag.

Bei etwa fünf Prozent liegt die Arbeitslosenquote derzeit. Gloning zufolge haben vor allem die aktive Arbeitsmarktpolitik, das massive Eingreifen des Staates und die Kurzarbeit die Krise im Allgäu im Rahmen gehalten. „Das Schlimmste haben wir im Allgäu aber noch vor uns.“ Denn die Kurzarbeit sei irgendwann zu Ende und die Arbeitsmarktzahlen seien bedenklich, da die wahre Arbeitslosenzahl erheblich höher sei, führte Gloning an. Apropos Kurzarbeit: Alle Maschinenbaubetriebe, die zur IG Metall Kempten gehören, sind derzeit in Kurzarbeit, erläuterte Dietmar Jansen, 1. Bevollmächtigter der IG Metall. Das Motto in diesem Jahr sei aber wie auch im vergangenen Jahr „Keine Kündigungen in 2010“, erläuterte Jansen. In gemeinsamen Gesprächen mit Interessenvertretern großer Firmen und der IG Metall habe man bereits Regelungen für den Erhalt der Arbeitsplätze gefunden. „Darin sind Instrumente wie Kurzarbeit, Reduzierung der Arbeitszeit, Angebote einer Transfermaßnahme und Sabbatjahre enthalten“, beschrieb Jansen. Die Beschäftigungssicherung ist auch ein großes Thema in der Tarifrunde 2010. Erste Verbesserungen erwartet er aber frühestens für 2011. Vorgehen will die IG Metall gegen die Einstellung von Leiharbeitern. „Das ist nichts anderes als moderner Sklavenhandel und Ausbeutung“, schimpfte er. Viele Arbeitgeber wollen jedoch vermehrt Leiharbeiter einstellen – das soll verhindert werden, so Jansen. 2,81 Euro Stundenlohn Dem „Preiskrieg“ der Discounter ist es nach Meinung von Werner Röll, Bezirksgeschäftsführer ver.di, zu verdanken, dass immer mehr Arbeitsplätze trotz gleicher Arbeit abgebaut und Verträge angeglichen werden. Stundenlöhne von sechs Euro Brutto für eine Vollzeitkraft sind keine Seltenheit, so Röll. Das bewies er mit einem Arbeitsvertrag eines Discounters. Mit diesem Gehalt müssten übrigens auch eventuelle Fehlbeträge in der Kasse ausgeglichen werden. Von einem noch geringeren Bruttogehalt erzählte Peter Schmidt, Bezirksgeschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). 2,81 Euro Stundenlohn bekam ein Angestellter eines Füssener Hotels. „Das Allgäu ist kein Hochlohnbereich“, bestätigte auch Gloning. Die Gehälter der Geringverdiener stockt der Staat über Hartz IV auf, erklärte Röll. Viele Allgäuer, die arbeiten, kaufen bei den Tafelläden günstig Lebensmittel ein, so Jansen. „Die Tafelläden haben Hochkonjunktur“, machte Gloning klar. „Wenn man sechs Monate arbeitslos ist, ist man absolutes Freiwild“, beschrieb Röll die Situation vieler. Gesetzlich sei nämlich festgelegt, dass dann jede Arbeit angenommen werden müsse. Gemeinsam plädierten die Gewerkschaften dafür, dass es in allen Firmen Betriebsräte geben sollte. Betriebsräte seien die Repräsentanten der Demokratie im Betrieb, erläuterte Röll. Ab fünf Arbeitnehmern kann ein Betriebsrat gewählt werden. In diesem Jahr stehen wieder Betriebsratwahlen an. „Immer mehr Firmen verhindern diese Wahlen“, sagte der ver.di-Bezirksgeschäftsführer. Deshalb sollen sich die Arbeitnehmer an die Gewerkschaften wenden. Die Gewerkschaften konnten im vergangenen Jahr steigende Mitgliederzahlen verzeichnen. „Die Arbeitnehmer haben erkannt, dass sie nur gemeinschaftlich gegen Arbeitgeber vorgehen können“, so Schmidt.

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