Deutsche Mamas sitzen selten im Vorstand. Aber schielen grün vor Neid nach Schweden.

Kein Kind oder lieber keine Karriere?

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Familie und Beruf vereinen – ein Spagat, den vor allem Akademikerinnen mit guten Jobs immer häufiger ablehnen und sich nur noch für Karriere und gegen Kinder entscheiden.

Familie und Beruf zu vereinen ist anstrengend. Vor allem berufstätige Frauen zerreißen sich oft zwischen den vielen Anforderungen: Kinder großziehen und gleichzeitig locker, flockig Karriere machen, das schaffen nur Wenige. Vor allem Akademikerinnen mit guten Jobs entscheiden sich häufig nur noch für Karriere und gegen Kinder. Auch das neue Elterngeld- und Elternzeitgesetz richtet da bisher wenig aus.

Auf nimmer Wiedersehen? 

Mann bzw. Frau ruft den Kollegen ein fröhliches „bis bald“ zu, um in die Elternzeit zu entschwinden. Denn nach dem ersten Babyjahr und der erfolgreich abgeschlossenen Kita-Suche ist die baldige Rückkehr in den Job geplant. Doch mit nahendem Ende der Elternzeit fragen sich viele Mütter, wie das zeitlich alles unter einen Hut passen soll. Ratgeber mahnen, man solle den Wiedereinstieg nicht zu weit nach hinten verlegen, um karrieretechnisch den Anschluss zu halten. Wer erst nach den maximal drei Jahren Elternzeit zurück kehrt, dem ist eigentlich laut Gesetz eine gleichwertige Stelle sicher. Leider meist nur auf dem Papier. Die Autorin Nina Puri beschreibt ironisch in Ihrem Buch „Karriere im Eimerchen“ was oft Realität ist. Drei Phasen haben Chefs und Kollegen während der Elternzeit durchlaufen: Phase eins ist gekennzeichnet von Stöhnen, Ächzen und „Wie sollen wir das bloß ohne sie schaffen?“. Gefolgt nach ein paar Monaten von „Och, geht ja eigentlich ganz prima so.“ und meist, wenn die hochmotivierte Mutter wieder im Business Look in der Tür steht „Nee, ne, jetzt kommt die wieder...“. Und der „gleichwertige“ Arbeitsplatz befindet sich dann vielleicht plötzlich im Keller, gleich neben der Ablage. Dass gut ausgebildetete Frauen nach dem Kinderkriegen in der Versenkung verschwinden, ist in Deutschland oft der Fall. Das hat verschiedenen Gründe. Ganz vorne mit dabei: die typisch deutsche Anwesenheitskultur. Denn „wer viel im Büro sitzt, der arbeitet auch viel“. So zumindest die gängige Meinung vieler Chefs. Und wer seine Arbeitszeit zurückschraubt, damit auch der Partner wieder in Teilzeit einsteigen kann, der „hat‘s wohl nicht so mit der Karriere“. Um nicht gleich zwei Karrieren zu ruinieren, bleiben viele Paare beim Traditionsmodell mit einem „Ernährer“ und einer „Zuverdienerin“. Oder sie bleibt ganz zu Hause. Die statistischen Zahlen bestätigen: drei Viertel aller Frauen gehen in Elternzeit. Doch nur rund die Hälfte kehrt wieder an Ihren Arbeitsplatz zurück. Viele finden sich plötzlich und recht unerwartet in den fünfziger Jahren wieder. Bloß ohne hübschen Petticoat.

Die besondere Rolle der Herdprämie

Unterstützt wird das „Wegbleiben“ auch von staatlichen Maßnahmen wie dem „Ehegattensplitting“ und dem „Betreuungsgeld“. Denn das Steuer-Gesetz, das 1958 erlassen wurde, um „die besondere Rolle der Ehefrau und Mutter zu honorieren“ sorgt in vielen Fällen dafür, dass sich Arbeiten gehen für Frauen nicht mehr lohnt. Rutschen sie erstmals in die Steuerklasse Fünf, schauen sie entgeistert auf den Lohnzettel. Denn der Steuervorteil durch das Ehegattensplitting ist bei gut verdienendem Gatten deutlich höher, wenn nur einer arbeitet. Dank kostenloser Familienversicherung beim Ehemann fallen auch die Versicherungsbeiträge weg. Langfristig gesehen, besonders für die fehlende Rente, ist es für Frauen trotzdem keine gute Idee, Zuhause zu bleiben. Laut der „Gender Pay Gap-Studie“ des Bundesfamilienministeriums erhalten Frauen fast 60 Prozent (rund 645 Euro) weniger Rente als Männer, (im Schnitt 1600 Euro). Und wenn sich verheiratetet Paare trennen, und das trifft in Deutschland aktuell auf jede zweite Ehe zu, wird Zuhause bleiben für die Frauen problematisch. Oder wenn ein Partner verstirbt. Besonders ungerecht ist, dass das Ehegattensplitting zwar für kinderlose Paare gilt, aber nicht für unverheiratete Familien. Bei Alleinerziehenden fehlt dieser Vorteil sogar komplett. Nix wird da honoriert, sorry liebe Mütter und Nicht-Ehefrauen. Denn Alleinerziehende haben fast die gleiche Steuerklasse wie Singles. Altersarmut trifft deshalb in Deutschland vor allem alleinerziehende Mütter, die wegen der Kinderbetreuung viele Jahre Teilzeitjobs ausgeübt haben. Traurig, aber wahr ist, dass die Rente für diejenigen nicht reicht, die sich um den Nachwuchs kümmern. Welcher wiederum unsere Rente bezahlen soll. Geschiedenen Frauen, die das traditionelle Modell mit einem Vollverdiener in der Familie lebten, stehen in der Rente mit leeren Händen da. Auch die neue Mütterrente mit gerade mal 30 Euro Rentenerhöhung pro Kind ändert daran nichts.

Verschiedene Studien zeigen auch, dass Mütter, die lange aussteigen, später sehr schwer wieder vergleichbare Stellen finden. Oder überhaupt eine Arbeit, die sich nicht Minijob nennt. So rutschen Mütter in die „Teilzeitfalle“. Einmal Teilzeit, immer Teilzeit. Daher rührt auch der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern. Mit dem ersten Kind und dem Beginn von Teilzeitjobs geht es bei den Frauen abwärts in der Gehaltsspirale. Genau zu dem Zeitpunkt, wo die männlichen Kollegen gehaltstechnisch erst richtig durchstarten. Zwar kann in der Elternzeit jeder weniger Stunden arbeiten. Doch wer danach Teilzeit arbeitet, hat keinen Anspruch mehr, später zu Vollzeit aufzustocken. Minijobber, von denen der Großteil ebenfalls Frauen sind, finden übrigens besonders schwer zurück in die Vollbeschäftigung, belegt eine weitere Studie des Bundesfamilienministeriums.

Verschwendung von Humankapital 

Da das düstere (Karriere-)Aussichten sind, haben viele Frauen lieber erst gar keine Kinder. Unter den gewollt kinderlosen Paaren sind auffallend viele Akademikerinnen. Nach Jahren des Studiums und Hocharbeitens wollen sie Ihren Platz im schicken Designerbüro nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Und verschieben den Kinderwunsch nach hinten oder lassen ihn ganz unter den Tisch fallen. Das fällt, volkswirtschaftlich gesehen, unter „Verschwendung von Humankapital“. Die Angst vor dem Verlust der guten Jobs ist nicht unbegründet. Neben neuen, „gleichwertigen“ Aufgaben, die keine sind, versuchen manche Arbeitgeber unverblümt, Mamis gleich ganz loszuwerden, etwa gegen eine Abfindung. Gut ausgebildete Frauen sind nach der Elternzeit vielerorts nicht mehr erwünscht. Oder müssen die Kinder, so gut es irgendwie gehen, durch die Betreuung „unsichtbar“ für den Arbeitgeber werden lassen. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“. Das afrikanische Sprichwort trifft es auf den Punkt. Trotz Kitaplatz-Garantie für Einjährige und Elterngeld Plus – wer vorhat, nach der Babypause schnell und viel zu arbeiten, braucht ein perfektes Netzwerk an Kinderbetreuern und Ersatzbetreuern. Die meisten Frauen reduzieren zunächst ihre Stunden nach der Elternzeit, um sich um die Kinder zu kümmern. Fast 70 Prozent der berufstätigen Mütter mit minderjährigen Kindern arbeiten in Teilzeit. Dieser Wunsch, die Fürsorge für die Familie zu übernehmen, wird allerdings oft mit langweiligen Aufgaben abgestraft, die nicht mehr der eigentlichen Qualifikation entsprechen. Statt flexibler Modelle wie Jobsharing schneidet sich die Wirtschaft hier ins eigene Fleisch, denn der Fachkräftemangel in Deutschland ist ein vielbejammertes Problem. Diese neue Rolle ist für viele Frauen, die gewohnt sind, zu arbeiten und sich mit dem Partner gleichwertig die Aufgaben zu teilen, ungewohnt und befremdlich. Das alte Leben ist auf einmal weg, dafür tut sich ein Berg Hausarbeit auf. Oft ohne einen Partner, der das Thema „Familienarbeit“ als gemeinsame Aufgabe ansieht. Überwiegend ist es in Deutschland noch so, dass die „unbezahlte Familienarbeit“ von den Frauen erledigt wird, während Männer Vollzeit arbeiten. Frauen verbringen rund 164 Minuten am Tag mit Hausarbeit, Männer nur 90 Minuten. Zusammen sind das über vier Stunden täglich. In Schweden ist das Konto ausgeglichener, Frauen wenden dort im Schnitt 95 Minuten am Tag für Hausarbeit auf und Männer 80 Minuten. Umso wichtiger ist es, dass Frauen wieder in die für sie Sinn stiftenden Jobs zurück kehren. Denn glückliche Kinder brauchen vor allem zufriedene Mütter.

Muss Papa immer arbeiten!?

Und wo sind die neuen, modernen Männer? Die gleichberechtigte Aufgabenteilung hinsichtlich Familienarbeit ist in deutschen Wohnzimmern noch nicht wirklich angekommen. Trotz neuem Elternzeit-Gesetz nehmen 80 Prozent aller Väter, wenn überhaupt, immer noch nur die zwei obligatorischen zwei Vätermonate Elternzeit. Wer als Mann die Arbeitszeit zugunsten der neu gegründeten Familie reduziert, ist noch immer ein Exot. Dabei wurde das neue Elterngeld Gesetz vor allem reformiert, um Frauen wieder frühzeitig zurück in den Beruf zu holen. Das „Elterngeld Plus“ zielt darauf ab, dass beide Partner in Teilzeit arbeiten und belohnt dies mit zusätzlichen Elterngeld-Monaten. Das funktioniert allerdings nur, wenn auch die Männer „ungestraft“ ihr Arbeitspensum zurück schrauben können und natürlich auch wollen. Denn der Arbeitgeber darf auch bei der neuen, flexibleren Elternzeit nicht mehr nein sagen. Trotzdem fordern sich viele Väter dies gar nicht erst ein. Wo mehr als zwei Drittel aller Mütter in Teilzeit arbeiten, sind es nur zehn Prozent der Väter, weiß das Statistische Bundesamt. Und wenn die Väter reduzieren, ist es meist nicht der Wunsch nach mehr Familienzeit, der dahinter steckt. Wenn der Chef die Nase rümpft, weil der Sohn um vier von der Kita abgeholt werden muss, ist es meist eine Frau, die sich aus dem Raum schleicht. Viele Mütter schauen deshalb sehnsüchtig nach Schweden. Dort sind flexible Arbeitszeiten und die 32-Stunden Woche, die auch Familienministerin Schwesig fordert, schon lange keine Zukunftsmusik mehr. Und auch ein Vorstandsvorsitzende holt seine Tochter ganz selbstverständlich um vier Uhr vom Ballet. Denn das Modell ein Vollverdiener, eine Zuverdienerin funktioniert dort nicht, das schwedische System ist auf zwei Einkommen ausgerichtet.

Die Rush hour des Lebens meistern

Teilzeitarbeit für eine gewisse Zeit, für beide Eltern, ohne vom Gehaltsradar des Chefs zu verschwinden, wird vielleicht irgendwann Realität. So würde die Aufgabenteilung inklusive Familienzeit auch besser klappen. Die Soziologin Jutta Allmedinger hat sich eingehend mit der Thematik beschäftigt. Und kommt zu dem Schluss, dass die 32 Stunden Woche – für beide Partner – das einzig sinnvolle Modell ist. Wenn sich die Gesamtstundenzahl der Männer, die 40 Plus Stunden arbeiten, und der Frauen, die mehr arbeiten wollen, umverteilt, geht die Rechnung für alle wieder auf. Ebenso wichtig ist für Allmedinger die Möglichkeit, später Vollzeit in den Job zurück zu kehren. Genauso wie familienfreundlichere Arbeitszeiten, ohne Besprechungen nach 16 Uhr. Denn das macht eine Fremdbetreuung rund um die Uhr nötig. Und sorgt bei den Eltern für Dauerstress. Wo alle von Entschleunigung und Achtsamkeit reden, können Eltern derzeit nur müde lächeln. Gerade in der „Rushour des Lebens“, zwischen 35 und 45 Jahren wollen Kinder großgezogen, Eltern betreut, das Haus abbezahlt werden. Und nebenbei sollte man jetzt noch zackig Karriere machen. Dass diese Rechnung für die Beteiligten nicht aufgeht, ist klar. Diese Antwort gibt auch das Buch „Geht alles gar nicht“ zweier „ZEIT“ Redakteure. Egal wie gut man versucht, den Alltag zu optimieren, mit den aktuellen Bedingungen heißt es, sich täglich zu vierteilen, um allen Anforderungen irgendwie gerecht zu werden. Denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steckt in Deutschland noch immer in den Kinderschuhen. Vor allem für Frauen.

Steffi Koller

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