"Kein Weichei für Unordnung"

„Es war wichtig auch die Niederlage zu erleben“, gestand Dr. Günther Beckstein, Bayerns Ex-Ministerpräsident, sich vor versammeltem Publikum ein. Am Freitag hatte er sich zu einem Zwiegespräch mit Dekan Dr. Michael Lechner im Pfarrzentrum von St. Lorenz eingefunden. Eher überraschend war der Auftritt des zweiten prominenten Gastes aus der Politik, Ex-Bundesfinanzminister Theodor „Theo“ Waigel.

Von „Lebenslinien, Lebenserfahrungen und der Lebenserkenntnis“ handelte die Diskussion, die kein aktuelles, aber auch kein Thema der Lebensgeschichte Becksteins außer Acht ließ. Beckstein, der unlängst eine dreiwöchige Tibet-Reise unternommen und außerdem sein erstes Buch „Franken, mein Franken“ der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, erzählte unbefangen von seiner Karriere als Politiker, seiner Eigenschaft als Vater und Ehemann und seiner Beziehung zur evangelischen Kirche. Diese habe mit seiner Jugendzeit und Jugendarbeit im CVJM in Nürnberg begonnen. Dort sei er auch dem Kirchenvorstand beigetreten, was ihn über „eine intensive Diskussion mit der progressiven weiblichen Kirchengemeinde“ zu seiner Frau Marga geführt habe, erzählte Beckstein. „Trotzdem hatte ich als Innenminister harte Auseinandersetzungen mit der evangelischen Kirche, vor allem wenn es um Ausländerrecht und Asylfragen ging.“ Erste Zweifel In Bezug auf die Frage Lechners nach dem „zerplatzten Traum, Oberbürgermeister von Nürnberg zu werden“, sprach Beckstein von ersten Zweifeln an seiner Politik-Karriere. Die „Barschel-Affäre“, durch die er die Stichwahl am Wahltag verloren habe, habe ihn unglaublich geärgert. „Aber“, so Beckstein, „zu einer Demokratie gehören Siege und Niederlagen“. Und später als Staatssekretär im Innenministerium sei er in gewisser Weise dann sogar Vorgesetzter des Nürnberger Oberbürgermeisters gewesen. In die Politik sei er gegangen, weil dort die Möglichkeit bestehe, seine Vorstellungen von gerechter Gesellschaft zu verwirklichen und möglichst gute Lebensverhältnisse für die Menschen zu schaffen. „Die Zeit als Innenminister war immer aufregend, immer nah am Menschen“, beschrieb er diese Phase seines Lebens. „Es ist das Spannendste was es gibt, sich immer mit den ethisch schwierigsten Fragen auseinandersetzen zu müssen.“ Er habe jedenfalls immer versucht so zu handeln, dass es ethisch zu hinterfragen ist, denn er sei lieber „Hardliner für Recht und Ordnung als Weichei für Unordnung“. Was er über den Verlust von Fundamenten und Ordnungsvorstellungen denke, wollte der Dekan wissen. Beckstein meinte, dass man bei Vorfällen wie Amokläufen oder Totschlägen sich schon fragen müsse, „was ist in unserer Gesellschaft los?“. Aber insgesamt herrsche doch schon viel Positives und Hilfsbereitschaft in diesem Land. Komplexe Beziehung Als die Diskussionsrunde auf das Stichwort „Männerfreundschaft“ zu sprechen kam, hob Beckstein die Höhen und Tiefen von menschlichen Beziehungen hervor. Dies sei auch in seinem Verhältnis zu Stoiber der Fall gewesen. „Die Zusammenarbeit mit ihm war eine beglückende Zeit, in der ich viel gelernt habe, doch es ist kein Geheimnis, dass wir uns 2005 stark entfremdet haben“, berichtete er. Ein für Beckstein eher unangenehmes Thema, das schlechte Abschneiden der CSU bei der bayerischen Landtagswahl 2008, und sein darauf folgender Rücktritt, standen ebenfalls zur Debatte. Doch er habe die Niederlage inzwischen gut verarbeitet und Abstand gewonnen, denn demokratische Ämter seien Ämter auf Zeit. „Mann muss auch rechtzeitig loslassen.“ Für die Zukunft wünschte sich Beckstein mehr Christen in der Politik, denn seine christliche Prägung habe auch ihm ganz entscheidend dabei geholfen, leichter mit den Fragen des Lebens umzugehen.

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