Keine Alternative

CSU-Kreisvorsitzender Joachim Konrad (links) leitete die „Sulzberger Runde“ mit Dr. Theo Waigel (v.l.), dem Unternehmer Alfons Hörmann und dem Augsburger Banker Karl Uffinger. ars

So schnell lässt sich Theo Waigel „seinen“ Euro nicht kaputt reden. Für seine fulminant vorgetragenen Statements während einer CSU-Politik-Talkrunde in Sulzberg erhielt er stellenweise Beifall von vielen der 280 Zuhörer im „Hirsch“-Saal. Der „Vater des Euros“ sieht die von ihm als Finanzminister (1989 – 1998) mit ausgehandelte Gemeinschaftswährung nicht in der Krise, sehr wohl aber die Schuldenpolitik von Mitgliedstaaten – allen voran Griechenland.

Es sei eine „Todsünde“ der Schröder-Regierung gewesen, Griechenland trotz der damals schon bekannten Nichteignung in die Währungsunion aufzunehmen. Noch in seiner Zeit als Finanzminister hätten die Griechen um Aufnahme gebeten, was er partout abgelehnt habe. Nun könne man aber Athen nicht einfach rauswerfen: „Das wäre rechtlich nicht möglich und würde dort nur Chaos und bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen“, so der 72-Jährige. Jetzt müsse für die Griechen Hilfe zur Selbsthilfe angeboten werden. Mindestens zehn Jahre werde es jedoch dauern, bis dieser gegenwärtig wettbewerbsunfähige Staat wieder auf die Beine komme. An eine vollständige Rückzahlung der gewährten Kredite glaubt auch Waigel nicht. Der Ehrenvorsitzende der CSU sieht dennoch keine Alternative zur Rettungsschirmpolitik der Regierung. Für Waigel steht mehr als der Euro auf dem Spiel: Die 50-jährige Einigungspolitik Europas ginge bei einem Währungszerwürfnis baden, auch die hauptsächlich auf die EU bezogene Exporttätigkeit der deutschen Wirtschaft würde Schaden nehmen. „Und wir brauchen den Euro als Gegengewicht zu Wirtschafts- und Währungsverbünden wie Amerika und China“, warnte der Politiker im Unruhestand. Deutschland sei nach wie vor die stärkste Volkswirtschaft in Europa und profitiere vom Euro, der im Moment gegenüber dem Dollar 21 Cent mehr wert sei als beim Abschied von der DM, sagte Waigel. Vor drei Jahren habe die Große Koalition das Finanzsystem vor einem Kollaps bewahrt. Das könne auch jetzt gelingen, wenn man Staaten wie Italien zu einer Konsolidierung verpflichte. "Keine Vollbremsung" Alfons Hörmann, Geschäftsleiter der Hörmann-Gruppe, erwartet „keine Vollbremsung der deutschen Wirtschaft im Jahre 2012“. Die Firmen seien im dritten Quartal in einer „bärenstarken Verfassung“, die Dax-Unternehmen würden boomen. Der Euro habe die deutsche Wirtschaft als weltweit drittgrößter Exporteur beflügelt. Hörmann sieht das Ganze wie seine Frau Cordula. Die Vorsitzende des CSU-Ortsverbandes Sulzberg-Moosbach hatte eingangs zitiert: „Eine Krise kann ein absolut produktiver Zustand sein, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.” Karl Uffinger, Leiter des Wealth Managements der Commerzbank Augsburg, kann das Unbehagen der Bevölkerung durchaus verstehen. Man denke nur an die Hochgeschwindigkeitscomputer, die in Sekunden Milliarden-Werte auf der ganzen Welt hin- und herschieben würden. Natürlich müssten auch Banken das eine oder andere Finanzprodukt überprüfen. So werde die Commerzbank Spekulationspapiere in Sachen Lebensmittelrohstoffe aus dem Vertrieb nehmen, wenn festgestellt sei, dass die Produkte die Lebensmittel sogar in armen Ländern verteuern würden. Viele Fragen blieben offen In der vom CSU-Kreisvorsitzenden Joachim Konrad geführten Diskussion gab es auch kritische Hinweise. Etwa der, dass in den ursprünglichen Euro-Verträgen keine Schuldenübernahme anderer Staaten vorgesehen sei. Der Duracher Bürgermeiste Herbert Seger sah einen Vertrauensschwund bei der Bevölkerung, weil die Politik den Eindruck erwecke, den Aktivitäten des Finanzmarktes hinterherzuhinken. Auch andere Befürchtungen kamen schon aus zeitlichen Gründen und aufgrund der Komplexität der Finanzkrise nicht zur Sprache: Was ist, wenn die Bürgschaften für Hunderte von Milliarden eingelöst werden müssen? Werden dann in Deutschland Sozialleistungen gekürzt? Muss dann der eh schon überproportional belastete Mittelstand noch mehr bluten? Und schließlich die Gerechtigkeitsfragen: Werden profitierende Zocker angemessen an den Euro-Rettungskosten beteiligt? Wann kommt endlich die Finanz-Transaktionssteuer – notfalls gegen den Willen von England und den USA? Und wann werden den Investment-Managern, wie ein führender Kemptener Banker vor kurzem forderte, „endlich ihre Spielzeuge aus der Hand genommen?“

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