Keine einfache Entscheidung

Mögliche Änderung der Verkehrsführung in der nördlichen Innenstadt: Die nördliche Bahnhofstraße wird für den Individualverkehr komplett gesperrt – mögliche Ausnahme: Lieferverkehr und eventuell Taxen und KVB-Verkehr. Grafik: Spielberg

Es könnte so schön sein – flanierende Menschen schlendern zwischen dem neuen „Allgäu-Tower”, Sport Reischmann und der Buchhandlung Dannheimer über das frische Pflaster der neuen Fußgängerzone „Nördliche Bahnhofstraße”. Weder Kinder noch ältere Menschen müssen auf fahrende Autos, Taxis und Busse Obacht geben. Kein Rückstau mehr, keine Feinstaubbelastung an dieser Stelle mehr. Was derzeit auf seine Praxistauglichkeit nur getestet wird, könnte bald zum festen Bestandteil der Innenstadt werden, wie am Montagabend bei einer Bürgerinfo-Veranstaltung im Skyline deutlich wurde.

Des deutschen liebstes Kind, sein „Heilig´s Blechle”, bekäme für diesen Innenstadtbereich die Rote Karte gezeigt. Die Epoche uneingeschränkter automobiler Mobilität in deutschen Städten könnte sich ihrem Ende entgegen bewegen und damit dies geordnet und unter größtmöglichem Konsens aller Beteiligten geschieht, dafür gibt es Bürgerinformationsabende wie den am Montag im Skyline zum Thema „Fußgängerzone nördliche Bahnhofstraße”. Viele Zuhörer waren auf Einladung der Stadtverwaltung gekommen – Anwohner, Geschäftsinhaber, interessierte Bürger, Stadträte und auch der Zentralhaus-Investor Dennis Rossing. Nach einer kurzen Einführung durch OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) erläuterte Kemptens Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann die möglichen Änderungen bei der Verkehrsführung in der nördlichen Innenstadt. Seit 16 Jahren werde das Thema in der Bevölkerung und im Kemptener Verkehrsausschuss heiß diskutiert. Jetzt, vor allem bedingt durch die Sperrung der nördlichen Bahnhofstraße wegen der Bauarbeiten am „Allgäu-Tower”, kommt Bewegung in die Sache. Das Zeitfenster, in dem keine Autos mehr durch den Straßenabschnitt fuhren, wurde seitens des Tiefbauamtes genutzt, um festzustellen, wie sich der Verkehr in diesem Bereich der Innenstadt seitdem verlagert hat. Den Messungen der Kemptener Bauverwaltung zufolge hat sich der Verkehr in der südlichen Bahnhofstraße bisher halbiert – bei einer gleichzeitigen Erhöhung des Autoaufkommens in der Königsstraße und Beethovenstraße. In der Königsstraße wurden am Tag über 8000 Fahrzeuge gezählt. Diese Umleitung des Verkehrsflusses zieht, wenn es wie von vielen Stadträten vorgeschlagen tatsächlich zu einer dauerhaften Sperrung der nördlichen Bahnhofstraße kommt, bauliche Maßnahmen zur Optimierung der neu entstehenden Verkehrsströme nach sich. Die Königsstraße ist die „Verliererin” der Schließung der nördlichen Bahnhofstraße, denn zukünftig werden weitaus weniger Menschen mit ihrem Fahrzeug den Weg durch die südliche Bahnhofstraße über die Hirnbeinstraße in Richtung nördliche Innenstadt suchen, sondern gleich den kürzeren Weg über die Königstraße wählen. Damit diese nicht auf eine bloßen „Durchfahrtspiste” reduziert wird, sollte der Verkehr mit Querungshilfen verlangsamt werden. Auch im nördlichen Kreuzungbereich zur Beethovenstraße müsste mit einer neuen Taktung der Ampelanlage und dem Bau einer separaten Abbiegespur für Rechtsabbieger auf das erhöhte Verkehrsaufkommen reagiert werden. Busse ja, Taxen nein? Kritisch diskutiert wird noch die Frage, ob die Sperrung auch für den ÖPNV und Taxis gelten soll. Die Kemptener Verkehrsbetriebe (KVB) wünschen sich, dass weiterhin vier ihrer Linien nicht umgeleitet werden müssen. Vertreter der Taxi-Unternehmen ließen dagegen durchblicken, dass sie einer Sperrung unter der Bedingung zustimmen werden, dass diese auch für die Stadtbusse gilt. Ob Fußgängerzonen funktionieren, in denen Busse und Taxis sich zwischen Kinderwägen und älteren Menschen „hindurchhupen” müssen, wurde von den allermeisten Besuchern am Montag aber bezweifelt. „Wenn schon, dann richtig”, so das allgemeine Credo an diesem Abend. Aber es gab auch Stimmen aus der Zuhörerschaft, die grundsätzlich einer Sperrung der nördlichen Bahnhofstraße skeptisch gegenüberstehen. Für die Mehrzahl war aber eine Umwandlung der nördlichen Bahnhofstraße in eine reine Fußgängerzone das erstrebte Ziel. So beklagten sich viele Anwohner über steigende Feinstaub- und Lärmbelastungen und wünschen sich mehr Ruhe und Entlastung vom Verkehr. Hans Maiterth, selbst Anwohner der Hirnbeinstraße, schlug stellvertretend für viele eine Sperrung für den Individualverkehr auf der Kotterner Straße schon ab der Zufahrt zum Parkhaus Allgäu Forum vor. Er sprach offensichtlich vielen aus der Seele, als er auf das rücksichtslose Verhalten mancher Autofahrer in diesem Bereich der Innenstadt zu sprechen kam, sei es zu schnelles Fahren oder das staubildende Parkplatzsuchen in der südlichen Bahnhofstraße. OB Netzer kündigte zum Ende der Info-Veranstaltung die Erstellung eines Gesamtverkehrsplanes für den Zeitraum der nächsten eineinhalb Jahre an (der KREISBOTE berichtete), auf dessen Ergebnis hin es zu einem finalen Beschluss kommen soll. Bis dahin wird es wohl bei einer testweisen weiteren Sperrung der nördlichen Bahnhofstraße bleiben, um zu weiteren Mess-Erkenntnissen zu gelangen.

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