Ein 19-jähriger Kemptener Konvertit ist offenbar in Syrien getötet worden

"Der Bruder ist ein Löwe"

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Verwegenes Lächeln, die Kalaschnikow in der Hand: Dieses Foto von David G. alias Abdullah Dawud al Almani kursiert im Internet. Es soll in Syrien entstanden sein. Vorvergangene Woche ist der Kemptener dort offenbar getötet worden.

Kempten – Wann genau Abdullah Dawud al Almani vom Allgäu aus in den Krieg nach Syrien zog ist unklar. Dass er nicht mehr zurückkehren wird, scheint mittlerweile indes gewiss.

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge starb der 19-Jährige vorvergangene Woche bei einem Scharmützel in der Nähe der nordsyrischen Stadt Aleppo, getroffen von mehreren Geschossen. Umfangreichen Recherchen des Kreisboten zufolge handelt es sich bei Abdullah Dawud al Almani mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den erst 19 Jahre alten Kemptener David G. 

Das letzte Lebenszeichen von David G. alias Abduallah Dawud al Almani („der Deutsche“) ist datiert vom 30. Dezember 2013. Auf seiner Facebook-Seite verlinkte er ein islamisches Youtube-Video und einen Artikel der Zeitung Die Welt über bayerische Salafisten im Syrien-Krieg. Am gleichen Tag schrieb er im Internet: „Ich freu mich drauf wenn der Syrienkrieg als Computerspiel rauskommt...haha“. Seitdem gilt G. als verschwunden, abgetaucht im zerrütteten Bürgerkriegsland Syrien. 

 Dort kämpfen die Freiheitskämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) mittlerweile nicht nur gegen das Assad-Regime, sondern auch gegen radikal-islamische Milizen, die in Syrien einen islamistischen Gottesstaat errichten wollen. Genau das wollte offenbar auch Abdullah Dawud. Am vergangenen Samstag berichteten die iranische Nachrichtenagentur Farsnews und diverse islamische Netzwerke im Internet vom Tod eines deutschen Anführers der Miliz „Islamischer Staat im Irak und Syrien“. Der Trupp sei bei Aleppo im Norden Syriens in ein Gefecht mit Kämpfern der Nusra-Front der syrischen Rebellen geraten. Andere Quellen besagen, es habe sich um Assad-Milizen gehandelt. Dabei sei Abdullah Dawud, Anführer der Gruppe, zunächst am Arm verwundet und schließlich tödlich getroffen worden. 

Die Zeitung Die Welt griff das Thema ebenfalls groß auf. „Der Bruder Abu Dawud ist ein Löwe”, zitiert die Zeitung einen angeblichen Augenzeugen. „Er wurde als Erstes an seinem Oberarm getroffen. Nachdem die Brüder ihn verarztet hatten, hat er weiter gegen die Abtrünnigen gekämpft”, wird der Mitkämpfer in der Zeit weiter zitiert. „Möge Allah ihm die höchste Stufe im Paradies geben.” Die Nachrichten werden mit drei Fotos des jungen, rotblonden Mannes versehen. Sie zeigen ihn mit einem schwarzen Adidas-T-Shirt und einem Kalaschnikow-Sturmgewehr, verwegen lächelt er in die Kamera. Ein weiteres Foto von seiner Facebook-Seite zeigt ihn mit zwei anderen islamischen Kämpfern. Ihre schwarzen T-Shirts erinnern an Adidas-Shirts, nur dass alquaida drauf steht und ein kleines Flugzeug auf den größten der drei Streifen zufliegt – eine eindeutige Anspielung auf die Terroranschläge vom 11. September 2001. Ein drittes Foto soll die Leiche des David G. zeigen, mit Schussverletzungen an Wange und Stirn, Augen und Nase blutunterlaufen. In seiner Jacke klafft ebenfalls ein blutiges Einschussloch. 

Menschen, die David G. noch von früher kennen und vom Kreisboten mit den Fotos konfrontiert wurden, sind sich sicher, dass es sich dabei um den jungen Kemptener handelt. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz in München wollte die Identität auf Anfrage unserer Zeitung vom Mittwoch nicht zweifelsfrei bestätigen. „Aber es besteht die Möglichkeit, dass er es ist“, sagte ein Sprecher. Weiteres müsse abgewartet werden. 

"Er war ein ganz lieber Junge" 

Doch wie konnte aus einem, von dem viele, die ihn kannten, sagen, er sei lieb und friedliebend gewesen, ein radikaler Islamist werden? „Er war ein ganz lieber Junge“, sagt jemand, der viel Zeit mit ihm verbrachte. „Das tut mir in der Seele weh.“ Dass G. nun offenbar so endete, „habe er befürchtet”. Nach allem, was man bisher weiß, konvertierte G. – ein durchaus nicht untalentierter Boxer bei einem großen Kemptener Sportverein – vor etwa zwei Jahren zum Islam. Zunächst war das kein Problem. Doch dann wurde Gs. neuer Glaube offenbar immer bestimmter und bestimmender. Ende 2012/Anfang 2013 gab er schließlich das Boxen auf. Das sei für ihn mit seinem Glauben nicht mehr zu vereinbaren, soll er gesagt haben. „Ende 2012 hat er sich sehr verändert“, sagt einer, der dabei war. Im Laufe des Jahres 2013 radikalisierte sich G. dann zunehmend. Das geht auch aus seiner Facebook-Seite hervor. Anscheinend kam er in Kontakt mit Salafisten. In einschlägigen Kemptener Kreisen heißt es hinter vorgehaltener Hand, die Spuren von Gs. zunehmender Radikalisierung würden unter anderem nach Ulm führen. Tatsächlich haben laut seinem Facebook-Profil einige seiner Glaubensbrüder Verbindungen zur Hochschule Neu-Ulm. Ein weiterer scheint demzufolge an der Kemptener Hochschule studiert zu haben. 

Er brauchte offenbar Geld, viel Geld 

Im vergangenen Sommer begann er schließlich, seine Habseligkeiten im Internet zu verkaufen: Parfum der Marken Hugo Boss und Bruno Banani, Nike-Turnschuhe, Größe 46. Selbst seinen Computer mit allem drum und dran wollte er loswerden. G. brauchte ganz offensichtlich Geld. Für seine erste und offenbar letzte Reise nach Syrien? Wahrscheinlich. Laut der Zeitung Die Welt ist der Kemptener einer von mindestens 15 Islamisten, die bislang in Syrien starben. Über 270 Islamisten sollen seit Anfang 2013 aus Deutschland in das Bürgerkriegsland gegangen sein. Die Mehrzahl von ihnen stammt offenbar aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern und Berlin.

Matthias Matz

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