Interessante Ausstellung

Die Schrecken des 1. Weltkriegs

+
Soldaten eines Allgäuer Bataillons gruppierten sich im Schützengraben für ein Erinnerungsfoto. Viele von ihnen verloren ihr Leben oder kehrten verwundet und gebrochen in die Heimat zurück.

Kempten – Wenn zum Mitternachtsshopping wieder viele Menschen fröhlich durch die Fischerstraße zogen, um ihre weihnachtlichen Einkäufe zu tätigen, so bot sich den Menschen vor genau 100 Jahren ein ganz anderes Bild in der beliebten Kemptener Einkaufsstraße.

Auch am 2. August 1914 zogen Hunderte von Menschen durch die Fischerstraße, doch nicht zum Einkaufsbummel, sondern weil Tags zuvor das damalige Deutsche Reich Russland den Krieg erklärt hatte.

Am 28. Juni 1914 war im bosnischen Sarajevo der österreichische Thronnachfolger Franz Ferdinand zusammen mit seiner Ehefrau Sophie vom serbischen Nationalisten Gavrilo Prinzip erschossen worden. Auf die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien folgte die des Deutschen Reiches an das zaristische Russland. Innerhalb von nur einer Woche fanden sich die Großmächte Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Großbritannien auf dem Schlachtfeld als Gegner wieder. Die am 1. August 2014 verkündete Generalmobilmachung fand auch in der Allgäu Metropole ihren Widerhall. In der 200 Jahre alten Garnisonsstadt Kempten war zu jener Zeit das II. Bataillon des Königlich Bayerischen 20. Infanterie-Regiments stationiert.

Und eben diese 749 Männer zogen tags darauf, geführt von 119 Offizieren, durch die Fischerstraße in Richtung alter Bahnhof. Von dort ging es weiter zu Sammelstellen nach Augsburg und München und schließlich an die Front nach Frankreich und Belgien. „1914 waren die Abschiedsformeln in der Feldpost der jungen Soldaten an die Heimat noch mit dem Vermerk ‘Bis bald!’ versehen, 1916 oftmals nur noch verbittert mit ‘Lebt wohl!’“, das sagte Stadtarchivar Dr. Franz-Rasso Böck anlässlich der Eröffnungsfeier der Ausstellung „Kempten und der erste Weltkrieg“ im Lesesaal des Stadtarchivs. In mühevoller Arbeit hatte Stadtarchivar Dr. Böck gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Birgit Kata und vielen helfenden Händen die Artefakte der Ausstellung zusammengestellt. Viele Ausstellungsstücke kommen aus dem Besitz von Leihgebern. „Wir wollten nicht nur eine Schautafelausstellung, sondern Original-Artefakte den Besuchern zeigen“, so Dr. Böck weiter in seiner Dankes-und Eröffnungsrede.

Und so sind neben Büchern, Fotos, Zeichnungen, Postkarten, historischen Zeitungsmeldungen und Feldpost unter anderem auch eine original Pickelhaube aus dieser Zeit zu betrachten. Diese wurde wegen ihrer mangelnden Schutzfunktion für den gemeinen Soldaten 1916 im Feld durch den Stahlhelm ersetzt. Aber auch dieser konnte die Soldaten in diesem von schwerer Artillerie geprägten Krieg nicht vor Tod und Verwundung schützen. So wurden ganze Kompanien in kurzer Zeit ausgelöscht und Bataillone schmolzen dahin. Auch Kemptener Soldaten wurden vom harten Kriegsalltag nicht verschont. Eindrücklich schildert dies ein einzusehender Briefwechsel des Soldaten Adolf Winkle aus Kempten, der zusammen mit seinem Bruder Daniel an die Front nach Frank- reich geschickt wurde, wo seine Kompanie gegen Briten und Inder ins Feld geführt wurde. „Als alter Freund und Kamerad Ihrer Söhne erfülle ich die furchtbare Pflicht, Sie von dem Heldentode Ihres Sohnes Adolf in Kenntnis zu setzen…Der fruchtbare Schmerz…wird gelindert durch den Stolz, den Sie empfinden werden bei dem Gedanken, Ihr teuerstes zur Befreiung und Ruhm unseres deutschen Vaterlandes hergegeben zu haben…“, heißt es gestelzt in einem letzten Brief von der Front an die Eltern des gefallenen Soldaten Adolf Winkle aus Kempten.

Das macht diese Ausstellung sehenswert, wenn gleich „klein“, so doch „fein“, denn sie vermittelt dem Besucher das völlig andere Verständnis jener Zeit für Krieg und Vaterland. Wer sich darauf einlässt, wird in dieser „kleinen“ Ausstellung hierzu wahrlich fündig werden.

Mitinitiiert wurde die Ausstellung vom Kulturamt Kempten und der neuen Kulturbeauftragten der Stadt Kempten, Silvia Rupp. „Kempten und der erste Weltkrieg“ läuft noch bis zum 13. Februar 2015 im Lesesaal des Kemptener Stadtarchivs, Rathausplatz 3-5. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 9 bis 11 Uhr sowie Montag von 14.30 bis 17.30 Uhr, Dienstag und Donnerstag 14 bis 16 Uhr.

Jörg Spielberg

Meistgelesene Artikel

Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Kempten – Am Freitag, 20. Januar 1928, um 8 Uhr morgens, fand im Hofe des Landgerichtsgefängnisses in der Weiherstraße die letzte Hinrichtung in …
Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Immigration: "Deutschland ist nicht attraktiv"

Kempten – Die Johannesgemeinde aus dem Kemptener Westen hatte vergangene Woche zur Veranstaltung „Bedingungen für eine erfolgreiche Migration nach …
Immigration: "Deutschland ist nicht attraktiv"

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kommentare