Alte Gebäude ziehen Besucher an

Denkmaltag mit Bilderbuchwetter

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Stuck in der Kindertagesstätte St. Nikolaus beeindruckte die Erwachsenen – für die Kinder dort ganz selbstverständlich.

Kempten – Strahlendes Wetter und fünf ausgesuchte Denkmäler. Der deutschlandweite Tag des offenen Denkmals unter dem Motto „Gemeinsam Denkmale erhalten“ lockte in Kempten einmal mehr Scharen von Menschen an.

Über Besuchermangel konnte keines der zu besichtigenden Gebäude klagen, wobei besonders diejenigen hoch im Kurs standen, die erstmals zur Besichtigung frei gegeben waren, wie das ehemalige Wohnhaus des Malers Franz Georg Hermann – später katholisches Waisenhaus – mit der ehemaligen Hauskapelle, der sogenannten Besenkapelle. Heute befindet sich in dem Gebäude die Kindertagesstätte St. Nikolaus der Katholischen Waisenhausstiftung und laut Leiterin Petra Willems pflegen die Kinder, nach einem ersten Staunen, einen ganz selbstverständlichen Umgang mit beispielsweise blattgoldverzierten Stuckarbeiten im 1730/40 erbauten Haus. Insgesamt über 100 Menschen zählte Ilse Roßmanith-Mitterer, Vorsitzende der Stiftsstadtfreunde, bei den beiden Führungen, die sie für den Denkmaltag organisiert hatte und mit Informationen zur Baugeschichte, zur historischen barocken Ausstattung und den wechselnden Nutzungen des Hauses aufwartete.

Zur Zeit des Hofmalers Franz Georg Hermann – Vater und Großvater seien ebenfalls Hofmaler am Kloster hier gewesen – sei dieses Haus „eines der schönsten in der Stiftsstadt“ gewesen. Es sei immer wieder renoviert und umgebaut worden, nicht immer mit großer Rücksichtnahme auf das Denkmal. Seit 2012 schließlich sind unter anderem die Stuckverzierungen, die in den vergangenen Jahren mit weißer Dispersionsfarbe übermalt gewesen waren, wieder im Original zu sehen.

Etwas enttäuschte Gesichter gab es beim Blick ins Innere der Besenkapelle, in der einzig die Deckenmalerei als zwar restaurierungsbedürftiges, aber zu Sehen lohnendes Detail übrig ist. Besenkapelle habe sie geheißen, weil für die Reinigung von Furunkeln und ähnlichem Ungemach Besen geopfert worden seien, wie Roßmanith-Mitterer erklärte. Auch „Kopfkapelle“ habe man sie genannt, weil zum Tode Verurteilte auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung daran vorbei gekommen seien und hier noch einmal beten durften.

Vermutlich die einzige Gelegenheit zur Besichtigung bot sich in der ehemaligen Direktorenvilla Rosenau, was auch einige ehemalige Bewohner nutzten, die interessante Details und Geschichten rund um das Anwesen zu erzählen wussten. Ein Ehepaar erinnerte sich beispielsweise noch an die ursprünglichen, nur von den Herrschaften genutzte, Treppe, die von 1951 bis 1976 vom Eingangsbereich nach oben geführt hatte. Noch existent dagegen ist das schmale Treppenhaus für die Dienstboten, das – anders als die herrschaftliche Treppe – vom Dachboden bis in den Keller alle Etagen verband bzw. noch immer verbindet. In allen Räumen, die einst von mehreren Direktorengenerationen bewohnt worden waren, sind noch die dezent angebrachten Dienstbotenklingeln zu finden. Erbaut wurde die zum Verkauf stehende, denkmalgeschützte Villa für die Direktoren der „Mechanischen Baumwoll-Spinn- & Weberei zu Kempten“ 1909 nach Plänen des Architekten Jakob Manz. Im Inneren findet sich heute ein buntes Kuddelmuddel aus unterschiedlichen Epochen, von der Stuckdecke bis zum 1970er-Jahre-Bad, einem noch mit Laken überzogenen Doppelbett umgeben von dunklen Einbaumöbeln, die an den Bauhaus-Stil erinnern bis zu Relikten aus der „Neuzeit“, wie einer etwas gammligen Mikrowelle im Küchenregal.

In dieser Form ebenfalls letztmalig war die Sheddachhalle der ehemaligen Weberei auf der gegenüberliegenden Illerseite zu besichtigen. Wie berichtet plant die Sozialbau in dem zu wesentlichen Teilen seit 1993 unter Denkmalschutz stehenden Gebäude 46 Loft-Wohnungen, wobei der Industriecharakter des Gebäudes praktisch nicht verändert werden und die Konstruktion teilweise auch innerhalb der Wohnungen sichtbar sein soll. Mehrere hundert Menschen wollten die historische, bis 1991/92 betriebene Produktionsstätte allein bei den angebotenen Führungen noch einmal sehen. Errichtet worden war die Sheddachhalle 1897 aus Ziegelsteinsichtmauerwerk und wurde um 1901 im Norden erweitert.

Tag des offenen Denkmals in Kempten

Wie jedes Jahr war auch das Interesse an den ältesten Gebäuden der Stadt, dem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Beginenhaus mit Nonnenturm wieder enorm. Dort hatte der Förderverein unter anderem Hausführungen auf die Beine gestellt sowie die Ausstellung „Zeitreise – Bilder der Vergangenheit“, in der der Illustrator Roger Mayrock die Besucher mit seinen großformatigen Rekonstruktionszeichnungen auf eine Zeitreise durch verschiedene Epochen unter anderem in Kempten führte. Zeichnungen, die von Mayrock detailgenau recherchiert die damaligen Lebenswelten wiedergeben, anders als in Kinofilmen, „die keine gute Quelle sind“, da sich Regisseure wenig um historische Genauigkeit scheren würden.

Selbst das leer geräumte Zumsteinhaus lockte mit Führungen zur Hausgeschichte zahlreiche Besucher an. Sie nutzten zudem die Gelegenheit am interaktiven Ideenspieltisch Anregungen für das neue stadtgeschichtliche Museum zu geben, das Ende 2018 dort entstehen soll.

Kaum Interesse zeigten die Besucher am Denkmaltag dagegen an der Geschichtswerkstatt, die zum Sammeln von interessanten Kempten-Geschichten aus dem 20. Jahrhundert eingerichtet worden war. Gelegenheit dazu solle es laut Carolin Keim, Projektleiterin für die Stadtexpedition, aber auch bei anderen Gelegenheiten noch geben.

Christine Tröger

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