Ein Spiel um Macht und Ohnmacht

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Die Machtspielchen nehmen bisweilen skurrile Formen an.

Kempten – Mit der Premiere von „Killing your Darlings“ wurde am vergangenen Freitag die neue Spielzeit „Machtspiele“ im THEATERINKEMPTEN (TIK) eröffnet. Macht- und eindrucksvoll begann sie dann auch, mit einem Tanztheater der briti- schen Choreografin Caroline Finn.

Die Uraufführung eröffnete gleichzeitig den 14. Kemptener Tanzherbst. „Killing your Darlings“, das als TIK-Eigenproduktion aus der Ideenschmiede von Caroline Finn und der künstlerischen Direktorin des TIK, Nikola Stadelmann, entstand, war ein gelungener Saisonauftakt.

Bei ihrem dritten Auftragswerk für das TIK lud Caroline Finns Interpretation von „Killing your Darlings“ Tänzer und Publikum gleichermaßen ein, ihre Lieblinge zu finden, Beziehungen zu hinterfragen und Darlings gegebenenfalls wieder loszulassen. Es war ein Eintauchen in alle Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen, bei dem nicht immer klar war, wer hier gerade mit wem ein Machtspiel treibt. Wann trennt man sich vom Liebsten? Wann ist man bereit für den Schnitt? Wenn eine Szene vom künstlerisch bedeutsamen Resultat ablenkt – der Darling zum Spiegel des Selbst wird – man so sehr mit ihm verschmilzt, dass ein objektives Urteil der Beziehung nicht mehr möglich ist?

Nicht in einem künstlerischen Endprodukt, sondern involviert in den Entstehungsprozess, konnte sich das Publikum diesen Fragen nähern. Ähnlich einer Filmproduktion modellierte die Tänzerin Marta Zollet in der Rolle der Regisseurin Szene für Szene. Bühnenbildnerin Angel Loewen gestaltete dazu ein Bühnenbild der 1930 Jahre, als der Film noch ohne Worte auskommen und wie ein Tanztheater mit viel Ausdruck arbeiten musste. Ein großer, beweglicher Metallrahmen unterstütze den häufigen Perspektivwechsel zwischen, aber auch neben den filmischen Szenen. Zeitweise war es schwer, alle Machtspiele zu verfolgen, die auf der Bühne stattfanden - nicht jeder Darling ließ sich sang- und klanglos herausschneiden und erschien als Beobachter plötzlich wieder im Hintergrund.

Caroline Finn nahm die Zuschauer vom Regiegespräch bis zur Präsentation der Filmdarbietung überall hin mit. Und so war es dann auch ein Abend voll bewegter und bewegender Szenen, die dem Publikum von skurrilen und komischen Momenten bis zu qualvollen Szenen alles boten. Die Band- breite zwischen Machtspielchen und Machtkämpfen war groß, wenn Yamila Khodr, Marie Lykkemark, Marta Zollet, Jorge Soler Bastida, Luca Signoretti, und Bert Uyttenhove ihre innere Gefühlslage tänzerisch nach außen trugen.

Dass das Stück ohne Worte auskam, war vor allem der Ausdruckskraft dieses beeindruckenden Tänzerensembles zu verdanken. In manchen Momenten erschienen die Akteure fast knochenlos. Marie Lykkemark beispielsweise, die wie eine Stoffpuppe zwischen zwei männlichen Buhlern hin und her gerissen wurde. Hier noch begehrter Darling, kämpfte sie später anrührend bei der Regisseurin um ihren Platz. Neben flüssigen und harmonischen Bewegungen war in anderen Szenen die Körperspannung der Tänzer in kraftvollen Figuren offensichtlich.

Intensiv bis unheimlich

Es wurden Fäden gezogen, bei denen die Tänzer so intensiv interagierten, dass es fast schon unheimlich wirkte. Zwischen Vorsicht und Gier fraß Jorge Soler Bastida der Regisseurin aus der Hand – eine Kost, die er nicht so leicht verdaute. Man spürte fast den Schmerz, den die Künstler durchlitten, wenn sie als Darling fallen gelassen wurden und sich die Macht auf anderem Weg zurückholten. Sie entblößten sich bis zur seelischen Nacktheit, wurden dadurch verletzlich und tauchten gestärkt in neuen Szenen wieder auf. Lösungsprozesse erinnerten teils an die Austreibung des Bösen, fanden aber auch auf liebevolle und humoristische Weise statt. Die Körper der Tänzerinnen und Tänzer verschmolzen ineinander, und verloren kurzzeitig ihre individuelle Persönlichkeit. Dann wieder wurden Paare in vollkommener Symbiose plötzlich jäh auseinandergerissen. Wer sich letztlich durchsetzen konnte auf dem langen Weg des „Editing“, erfuhr das Publikum erst bei der finalen Filmvorführung. Als die Darlings am Schluss auf ihren Bobbycars noch einmal am geistigen Auge der Regisseurin vorüberfuhren, war vom Zuschauer das gefragt, was künstlerische Prozesse vielleicht genuin ausmacht. Sie vollenden sich in der Interpretation des Betrachters und gaben dem Publikum auch bei „Killing your Darlings“ die Freiheit, ihre Lieblinge zu killen oder am Leben zu erhalten.

Wie auch immer persönliche Entscheidungen ausfielen – große Anerkennung erhielt das Tänzerensemble für ihre herausragende Leistung gleichermaßen. Das Publikum bedankte sich bei allen Beteiligten mit einem begeisterten Schlussapplaus.

„Killing your Darlings“ ist noch an zwei weiteren Terminen zu erleben: am 8. November um 19 Uhr und am 9. November um 16 Uhr.

Cordula Amman

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