Kleine, aber feine Unterschiede

Wie Dr. Wolfgang Petz erklärt, sind auf den beiden Handwerksemblemen über dem Doppeleingang des Hauses Poststraße 8 die Initialen der Erbauer – des Braumeisters Augustin Schilling mit dem Symbol des Brauhandwerks, rechts mit der Jahreszahl 1746 von Johannes Pabst und dem Zeichen des Kupferkessels – zu erkennen. Foto: Tröger

Auch wenn Reichs- und Stiftsstadt längst nicht mehr in Fehde miteinander liegen und heuer – wenngleich zufällig – sogar ihre jeweils jährlichen Feste am gleichen Tag zelebrierten. Bei allem „Zusammenwachsen“ gibt es sie auch heute noch die historisch begründeten Unterschiede, die beispielsweise in der Architektur oder Infrastruktur zu finden sind. Zu den in der Neu- oder Stiftsstadt typischen Besonderheiten zählen die im westlichen Teil der Stiftsstadt gelegenen „Herbergen“. Dabei handelt es sich nicht, wie aus heutigem Verständnis anzunehmen, um Gast-, sondern um Wohnhäuser für weniger Betuchte. Im Gespräch mit dem KREISBOTEN erklärte Dr. Wolfgang Petz, als Autor des Buches „Zweimal Kempten – Geschichte einer Doppelstadt“ mit den Details vertraut, was es mit den heute noch architektonisch sichtbaren und auch teilweise besitzrechtlichen Besonderheiten der Herbergen auf sich hat.

Zierten vor dem 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) nur wenige Häuser das damals ausgeprägt ländliche Bild vor allem des westlichen Randes der Stiftsstadt, herrschte danach bald akuter Wohnungsmangel. Zum einen waren die wenigen Häuser im Krieg zerstört worden. Zum anderen zog es nun, unter anderem, viele Handwerker in die Stiftsstadt, nicht zuletzt wegen der „geschäftlich günstigen Voraussetzungen“, die sich boten. Da die Leute aber nicht wohlhabend genug gewesen seien um zu bauen, sei es „nichts ungewöhnliches gewesen, wenn sich mehrere Bauherren zusammenfanden“ und das Haus später zudem in „Herbergen“ aufgeteilt, einzeln vermietet oder verkauft wurde, erklärte Petz den „Beginn der getrennten Eingänge“. Repräsentative Ziele Ein Beispiel findet sich in der heutigen Poststraße, wo noch zwei Handwerksembleme über den direkt nebeneinander liegenden Eingangstüren prangen. Da die Stiftssiedlung auch damals „bestimmten repräsentativen Ansprüchen genügen sollte“, so Petz, hätten strenge Bauvorschriften ein einheitliches äußeres Erscheinungsbild geregelt. Etwas enger ging es in dem Gebiet hinter dem Kornhaus und um die Seelenkapelle zu, wo die „kleinen Leute“ – oft zwei Dutzend in einem Haus – in der „drangvollen Enge der rasch wachsenden, überbelegten Stiftsstadt“ lebten. Da jede „Herberge“ einen eigenen Zugang von der Straße her besaß, finden sich auch heute noch bei vielen Häusern – wie in der Brachgasse oder der Fürstenstraße – Häuser mit verwirrend vielen, manchmal versteckten Eingängen. Eine weitere Möglichkeit der Unterbringung boten die Spittäler, wie das um 1700 entstandene „stiftische Spital“, oder auch „Seelhaus“, in der Brachgasse. Dort konnten, sich laut Petz beispielsweise „Leute ohne Familie einkaufen wie in ein Altersheim“, arbeitsunfähig gewordene Handwerker, oder auch Waisen- und Findelkinder unterkommen. Auch wenn „das Zusammenleben dort sicher nicht einfach war“, wie Fachmann Petz meinte, sei es „ein Privileg gewesen dort aufgenommen zu werden“. Verhungert sei auch damals niemand, erwähnte der Experte den funktionierenden Vorläufer des heutigen Sozialsystems am Rande. Medizinische Versorgung habe es im „Spital“ allerdings keine gegeben. „Bis ins 18. Jahrhundert hat es eigentlich gar keine Krankenhäuser gegeben“, erklärte der Autor.

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