Kleine Schritte mit Signalwirkung

Der Besichtigungstag im Sommer lockte viele Besucher ins leere Fabrikgebäude. Foto: cut

In kleinen Schritten geht es auf das Kulturzentrum Reich zu. Noch ist nichts entschieden, und doch sehr viel. Die jetzige Zustimmung der Stadtratsmehrheit zur Entwurfsplanung (23:1 Stimmen), verbunden mit der Beauftragung der Verwaltung, den Bauantrag in die Wege zu leiten (16:8 Stimmen), hat Signalwirkung.

Wenn die öffentlichen Zuschussgeber (EU, Bund, Land, Stiftungen) Fördermittel in Höhe von 50 Prozent der Gesamtkosten bewilligen, dann kann Lindenberg dieses Riesenprojekt in Höhe von 9,5 Millionen Euro finanzieren. Und dann wird auch der Stadtrat spätestens Mitte nächsten Jahres zustimmen, denn sonst machen die ganzen bisher gefassten Beschlüsse keinen Sinn. CSU und Freie Wähler (FW) stimmten dem Bauantrag fast einhellig zu. Gegenstimmen kamen dagegen von Grünen und dem größten Teil der SPD. Nachdem der Architekt Tobias Gaupp und der Projektleiter Marcus Theisen das Sanierungsprojekt „Kulturzentrum in der alten Hutfabrik“ mit Außenanlagen und Parkierungsmöglichkeiten vorgestellt hatten, ergaben sich bei der Diskussion im Stadtrat noch einmal interessante Aspekte. Helmut Böller von der SPD erklärte, dass die Stadt das Reich-Gelände nie unter der Prämisse erworben habe, dort ein Museums- und Kulturareal zu errichten. Es sei für eine ganz andere Nutzung vorgesehen gewesen. Dr. Friedrich Haag (FW) erwiderte, die jetzige Planung sei eine logische Folge aus den bislang abgeklopften Nutzungskonzepten. Die Sanierung des denkmalgeschützten alten Fabrikteils lasse sich für einen privaten Investor wirtschaftlich nicht darstellen. Daher komme nur eine öffentliche Nutzung in Frage. Auch Böller ist der Meinung, die Planung sei eine runde Sache und der Projektsteuerer habe gute Arbeit geleistet, aber das Gebiet benötige einen Bebauungsplan für die Umgebung, damit dort nicht wahllos gebaut werden kann. Den eigentlichen Knackpunkt sieht er jedoch in den Folgekosten. Allein schon der Löwensaal bringe ein jährliches Defizit von 89 000 Euro (ohne Abschreibung). Museumsfachmann Dr. Jörg Haller habe in seinem Konzept nur die museumsrelevanten Kosten berechnet. Das tatsächliche Defizit für ein Kulturzentrum werde jährlich nicht 125 000 Euro, sondern wohl das doppelte betragen. Das könne sich ein Städtchen mit 11 500 Einwohnern ohne Vernachlässigung anderer Aufgaben gar nicht leisten. Hauptamtsleiter Roland Kappel widersprach. Die Verwaltung habe ein waches Auge für die Folgekosten. Hallers Berechnungen seien verlässlich. Sie beträfen zudem nicht nur das „Reich der Hüte“, sondern den Gesamtkomplex mit Veranstaltungssaal im Dachgeschoss und Erlebnisgastronomie im Kesselhaus. Überdies wurde nachgeprüft: Die von Haller ermittelten Betriebskosten seien eher zu hoch als zu niedrig angesetzt. Helmut Wiedemann von der SPD meinte, es sei vor allem wichtig, dass das Kulturzentrum an die Innenstadt angebunden werde. Durch infrastrukturelle Maßnahmen sollten die Besucher offene Tore zur Innenstadt finden. Dies sagte er auch im Hinblick auf den in gleicher Sitzung beschlossenen städtebaulichen Gestaltungswettbewerb in der oberen Hauptstraße. Wiedemann hält es für wichtiger, mit der Umgestaltung in der Unterstadt zu beginnen. Hannelore Windhaber von der CSU hingehen sieht durch die neuen Vorhaben eine Achse quer durch die Kernstadt von der Stadtpfarrkirche über das Rathaus bis zum Kulturzentrum sich bilden. Stadtrat Anton Wiedemann bedauert, dass der Denkmalschutz ein besseres energetisches Sanierungskonzept verhindere. Aber vielleicht gebe es noch ein Umdenken. "Der morbide Charme im Kesselhaus sollte erhalten bleiben" Die Erwartungen an das neue Kulturzentrum sind hoch. Von der Verbesserung eines maroden Quartiers und der Entstehung eines neuen Schwerpunktes in der Innenstadt war die Rede. In Diskussionsbeiträgen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass es nicht nur um ein modernes Museum mit Attraktionsgewinn für die Stadt gehe, sondern um ein Kulturzentrum, das verbesserte Möglichkeiten für den Kultur- und Veranstaltungsbereich schaffe, zum Beispiel für Ausstellungen oder durch Kultur im Kesselhaus. Stadtrat Josef Kraft wünschte, dass der „morbide Charme“ im Kesselhaus erhalten bleiben solle. Eine Diskussion entspann sich auch um das Thema fehlender Veranstaltungsräume in Lindenberg. Der unglaubliche Vorgang, dass die Ausstellung zum VHS-Jubiläum im Löwenfoyer aus Platzgründen nach einem Tag wieder abgebaut werden musste, war eines der erwähnten Beispiele. Dieses aber wollte SPD-Stadtrat Leo Wiedemann jedoch nicht gelten lassen. Das Ausstellungsproblem sei von der VHS hausgemacht gewesen. Es hätte auch andere Lösungen gegeben. Bei der Sozialistenhutverleihung zeige sich immer wieder: Wenn der Löwensaal belegt ist, gebe es genug Ausweichmöglichkeiten. Andere Stadträte hingegen zeigten einen Verlust von Veranstaltungsräumen wie den der Alten Stadthalle auf.

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