Teure Sanierung

"Rausgeworfenes Geld"

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Den Unbillen des Wetters ausgesetzt: Seit 1986 steht die König-Ludwig-Brücke ohne Verschalung – sehr zum Nachteil des Materials. Jetzt muss saniert werden.

Kempten – Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann gehört eher zur unaufgeregten Sorte Mensch. Laute oder starke Töne sind seine Sache nicht. Bemerkenswert aber die Wortwahl, auf die er am Montagabend vor den Mitgliedern des Bauausschusses zurückgriff. Von „Anlass zur Sorge“  und „Fäulnisprozess an tragenden Bauteilen“ sprach er unter anderem. Gemeint war die preisgekrönte König-Ludwig-Brücke, deren Zustand offenbar weitaus schlechter ist als zunächst angenommen. Zwar sei die Standfestigkeit noch gewährleistet, um eine Sperrung und umfangreiche Sanierung der Brücke kommt die Bauverwaltung aber nicht herum. In diesem Jahr soll das historische Bauwerk aber lediglich noch an der Wetterseite eine Schutzverkleidung erhalten.

Weil das Bauwerk das weltweit noch einzig erhaltene Holzfachwerk aus der Entstehungszeit (1847-1851) ist und einen Meilenstein der damaligen Ingenieurbaukunst darstellt, wurde die König-Ludwig-Brücke heuer als historisches Wahrzeichen der deutschen Ingenieurbaukunst ausgezeichnet (der KREISBOTE berichtete mehrfach). Doch unter der schmucken Schale nagt unerbittlich der Zahn der Zeit: „Bei der letzten Hauptprüfung sind nun erhebliche Mängel an verschiedenen Stellen festgestellt worden“, berichtete Wiedemann. „In den nächsten Jahren werden umfangreiche Sanierungsarbeiten erforderlich.“

Alle Kopfbänder betroffen 

Als wesentliche Schäden, die bei den umfangreichen Prüfungen durch die Konstruktionsgruppe Bauen und Experten der Technischen Hochschule Konstanz zu Tage getreten sind, nannte der Leiter des Tiefbauamts marode Kopfbänder (alle 72) zwischen den Pfeilern/Widerlagern und den Schirrbalken, bereits verbogene Lasteinleitungsplatten der senkrechten Hänger bzw. Zugstangen, angegriffene Untergurte (Schirrbalken) im Bereich der Lasteinleitungsplatten und angegammelte Eichenschwellen zwischen den Streben. „Weitere Schäden bestehen aus Faserbruch am Holz, Bewuchs, verfaultem Holz, korrodierte Schraubenköpfe und verborgene Auflagerplatten“, fuhr Wiedemann fort. Einige Schäden seien nur mit Hilfe der erstmals eingesetzten Klettertechnik erkannt worden.

Saniert werden müssen vor allem alle 72 Kopfbänder, rund 70 Schwellen, mehrere Lasteinleitungsplatten und die Schirrbalken. „Ebenso sind verschiedene Aussteifungen, sogenannte Windverbände, zu erneuern sowie korrodierte Zugstangen auszutauschen“, erklärte Wiedemann den Stadträten. „Zur exakten Festlegung der gesamten Sanierung sind jedoch noch weitere Untersuchungen durchzuführen“, sagte er. Da neben der Zeit vor allem Feuchtigkeit und UV-Licht dem Holz zugesetzt haben, soll die Brücke nach Abschluss der Arbeiten wieder verschalt werden, so wie es bis 1986 der Fall war. „Betrachtet man den die Lebensdauer der Brücke, so muss festgestellt werden, dass sich der Zustand der Brücke seit der Entfernung der Verschalung substanziell verschlechtert hat“, betonte Wiedemann.

Wie genau die Ertüchtigung des wertvollen Brücken-Bauwerks erfolgen soll, ist derzeit allerdings noch unklar. Fest steht nur, so der Amtsleiter: „Nachdem tragende Bauteile erneuert werden müssen, ist die Sanierung aufwendig und kompliziert“, so der Amtsleiter. Zur Auswahl stünden die lokale Instandsetzung einzelner Bauteile, ein Aus- und Einheben des Bauwerks mit Instandsetzung außerhalb der Brücke, oder eine flächige Lagerung mit einem Traggerüst. Unterstützung bei der Wahl der richtigen Methode erhofft sich die Bauverwaltung von Fachleuten der Münchner Universität der Bundeswehr sowie der TU München. Das Landesamt für Denkmalpflege sei ebenfalls involviert.

Zunächst aber soll ein Aufmaß des Bauwerks erstellt und alle Bauteile untersucht werden. Anschließend soll die Südseite (Wetterseite) provisorisch verkleidet und schließlich die Ober- und Untergurte untersucht werden. Dafür muss die Brücke komplett ab Frühjahr gesperrt werden. „Anschließend erfolgt die Einhausung der Brücke bis zur Instandsetzung“, kündigte Wiedemann an. Dann könne auch ein detailliertes Sanierungsprogramm vorgelegt werden. Umgesetzt werden kann das aber wohl erst 2014/2015 – falls Geld dafür vorhanden ist. Da es sich um eine Sanierung handle, sei nämlich nicht weiter mit Zuschüssen zu rechnen, warnte Wiedemann die Stadträte im Plenum.

Hagenmaier verärgert

CSU-Fraktionschef Erwin Hagenmaier äußerte sich nach Wiedemanns Bericht verärgert. Bereits bei der Sanierung 1986 seien die heutigen Probleme vorhersehbar gewesen: „Für mich ist das keine Überraschung – die Brücke muss dringend verschalt werden“, sagte er. „Das war damals rausgeworfenes Geld, denn das war absehbar.“ Hagenmaier erinnerte auch daran, dass die Hälfte des seinerzeit abmontierten Überbaus ähnlich wie der Hildegardplatzbrunnen spurlos verschwunden sei. Da heute keine Eisenbahn mehr über die Brücke fahre, schlug der Fraktionschef vor, auf verschiedene, vor allem anfällige Bauteile der Brücke künftig zu verzichten. „Sonst stehen wir über kurz oder lang wieder vor dem selben Thema.“   Matthias Matz

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