Krebsberatungsstelle Kempten-Allgäu kämpft um weiteres Bestehen

"Politikum ersten Ranges"

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Unterhalten sich über die vielfältigen Hilfeleistungen, die die Psychosoziale Krebsberatungsstelle in Kempten anbietet: (v.l.) Dr. Michael Pindl (Leiter der Krebsberatungsstelle Kempten), Renate Schreiber (Leiterin Selbsthilfegruppe Lymphom und Leukämie Kempten), Markus Besseler (Geschäftsführer Bayerische Krebsgesellschaft) und Karlheinz Schuester (Klient).

Kempten – Wie geht es nach 2016 weiter mit der Psychosozialen Krebsberatungsstelle Kempten-Allgäu? Obwohl die Beratungszahlen seit der Eröffnung 2010 kontinuierlich steigen, steht die Beratungsstelle eventuell vor dem Aus. Der Grund: Ende des Jahres läuft die Anschubfinanzierung durch den Deutsche Krebshilfe e.V. aus und bis heute gibt es keine gesicherte Finanzierung der kostenfreien ambulanten Krebsberatung für die kommenden Jahre. Um über den aktuellen Stand der Dinge zu informieren und die Wichtigkeit der Krebsberatungsstelle zu verdeutlichen, lud die Bayerische Krebsgesellschaft vergangenen Donnerstag zu einem Pressegespräch nach Kempten ein.

„Wir begleiten Krebspatienten in allen Phasen der Erkrankung und können multiprofessionell auf Fragen antworten“, erläuterte Dr. Michael Pindl, Leiter der Kemptener Beratungsstelle, die Leistungen der Einrichtungen. Vor allem die psychologische Unterstützung sowohl bei den Erkrankten als auch bei Angehörigen sei wichtig. Neben den Beratungsgesprächen gibt es auch verschiedene Gruppenangebote. Die Beratungsstelle ist nicht nur für Kempten, sondern für das ganze Allgäu zuständig. Über die Jahre konnten Außenstellen in Memmingen, Mindelheim, Kaubeuren, Lindenberg und Lindau eingerichtet werden.

Dass die ambulante psychosoziale Krebsberatung derzeit wichtiger denn je sei, betonte Prof. Dr. med. Günter Schlimok, Präsident der Bayerischen Krebsgesellschaft: „Die Liegezeiten in den Krankenhäusern werden immer kürzer. Doch Krebs erschüttert die Patienten und wenn sie aus der Klinik entlassen werden, fühlen sie sich oft allein gelassen. Deshalb brauchen wir einen niederschwelligen Zugang zu Beratung.“ Außerdem, so Schlimok, werden die Menschen immer älter und daher werden die absoluten Zahlen der Krebserkrankungen zunehmen.

Prof. Dr. med. Ricardo Felberbaum, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Kempten, bezeichnete die Gefährdung der Beratungsstelle Kempten als „Politikum ersten Ranges“. Das Klinikum sei auf dem Weg zu einem onkologischen Zentrum, die Verzahnung mit einer ambulanten Stelle sei daher enorm wichtig. „Eine Krebserkrankung ist ein Erdbeben, das viele Nachbeben erlebt, daher sind elementare Hilfestellungen notwendig.“

Eine Krebserkrankung sei erst einmal ein Schock und werfe neben den gesundheitlichen Fragen auch viele Fragen auf, wie das Leben weitergehe. Zum Beispiel: Wer versorgt nun die Kinder oder die pflegebedürftige Großmutter? Muss ich nun früher in Rente gehen? Außerdem sei Krebs ein hoher Risikofaktor für Verarmung, da oft Zuzahlungen nötig seien, erläuterte Priv.-Doz. Dr. med. Otto Prümmer, Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Klinikum Kempten. Die Beratungsstelle sei eine schnelle Anlaufstelle, in der Fragen zu allen Bereichen beantwortet werden können.

Seine Erfahrungen mit der Beratungsstelle schilderte Karlheinz Schuester, der vor elf Jahren an Prostata-Krebs erkrankte. Vor fünf Jahren ist dann auch noch seine Frau gestorben. „Ich wurde hier mit offenen Armen empfangen“, betonte er. „Meistens kam ich mit einem Sack voller Sorgen hier an und dieser Sack war danach zwar nicht leer, aber sehr viel leichter.“ Neben den Beratungen nimmt Schuester auch am Meditationsangebot und Yoga-Kurs teil. „Für mich wäre es eine schlimme Situation, wenn es die Beratungsstelle nicht mehr gäbe.“

Es sei wichtig, dass man aufgefangen wird, unterstrich Renate Schreiber, Leiterin der Selbsthilfegruppe Lymphonom und Leukämie Kempten. Fast alle Mitglieder der Gruppe hätten eine psychosoziale Beratung in Anspruch genommen. „Wir fühlen uns hier beschützt und aufgehoben.“

Rund 1500 Beratungen wurden in 2015 durchgeführt. Über 500 Personen haben die Beratungsstelle Kempten im vergangenen Jahr erstmals aufgesucht – Tendenz steigend. Doch obwohl der Bedarf da ist (circa 3000 Ersterkrankungen im Allgäu pro Jahr), ist noch nicht sicher, ob und wie die Krebsberatungsstelle in Kempten erhalten werden kann. Um eine Schließung zu verhindern, führt die Bayerische Krebsgesellschaft schon seit Langem Gespräche mit Politikern, Vertretern von Krankenkassen und Rentenversicherungen sowie potentiellen Sponsoren in Bayern. Gleichzeitig engagiert sie sich auf Bundesebene gemeinsam mit anderen Organisationen für eine einheitliche Regelung zur Finanzierung von Krebsberatungsstellen. Denn neben Kempten sind bundesweit weitere 18 Standorte von der Schließung bedroht. Bis eine gesetzliche Regelung komme, gebe es eine Finanzierungslücke von zwei bis drei Jahren. Es gehe um 185.000 Euro pro Jahr. An den Bezirk seien bereits Anträge gestellt worden, erläuterte Markus Besseler, Geschäftsführer der Bayerischen Krebsgesellschaft. Eine Entscheidung wird jedoch erst für den Spätsommer/Herbst erwartet.

Melanie Weidle

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