Kreisbote-Mitarbeiter im Kinofilm "Nebel im August"

Kleine Rolle – großer Film

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An der Seite von Sebastian Koch (rechts) erlebte Michael Schropp die Präsentation der Hungerkost, die für viele geistig und körperlich Behinderte in den Jahren 1941 bis 1945 den langsamen Hungertod bedeutete.

Kempten/Augsburg – Nach dem Filmdebut in „Luis Trenker – Der Schmale Grat der Wahrheit“, in dem die Beziehungen der südtiroler Bergsteigerlegende Luis Trenker zur Führungsebene der Nationalsozialisten dargestellt wurde, durfte Michael Schropp, Freier Mitarbeiter beim Kreisbote Kempten, im Sommer 2015 erneut an einem Filmprojekt teilnehmen. Wieder spielte es im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre und wieder wurde ein Aspekt der Diktatur der Nationalsozialisten beleuchtet. An der Seite des bekannten Schauspielers Sebastian Koch ist er im aktuellen Kinofilm „Nebel im August“ zu sehen. Im Folgenden berichtet er über seine Erfahrungen:

„Als mich die Casting-Agentur für diesen Film angefragt hat, war in den Zeitungen immer wieder von den Aufnahmen zu diesem Kinofilm zu lesen. Die Grundlage des Kinofilms ist das gleichnamige Buch des Allgäuer Journalisten Robert Domes. Domes hatte in jahrelanger Arbeit das Schicksal des 14-jährigen Ernst Lossa recherchiert und ein vielbeachtetes Jugendbuch geschrieben. Regisseur Kai Wessel hat im vergangenen Jahr einen großen Teil des Films im Deutschordensschloss Mülheim in Nordrhein-Westfalen gedreht. Das wahre und grausame Geschehen spielte jedoch in der ‚Heil- und Pflegeanstalt‘ Kaufbeuren-Irsee.

Einige Aufnahmen wurden aber auch in Schwaben gemacht und so kam ich als Südschwabe wohl in den engeren Kreis der Komparsen. Als ich bei der Kostümanprobe den geschichtlichen Hintergrund zu den Filmaufnahmen erfuhr, war ich wieder einmal sprachlos darüber, wie lieblos, unmenschlich und boshaft im Hitler-Staat mit Menschen umgegangen worden ist, die nicht ins System der Nationalsozialisten passten. Die Szene, in der ich an der Seite von Sebastian Koch (im Film Dr. Walter Veithausen) spielen durfte, wurde in einem Nebenraum des Goldenen Saals im Augsburger Rathaus gedreht. Der fiktive Dr. Walter Veithausen (der damalige Arzt in Irsee hieß Valentin Faltlhauser) präsentiert seinen Kollegen der Anstalt eine von ihm entwickelte Hungerkost. Mit einer Suppe, der jegliche Nährstoffe entzogen worden waren, wurden die Patienten zu Tode gehungert. Dieser systematische Hungertod gehörte zum Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten. Demnach wurden Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen als ‚lebensunwert‘ eingestuft. Weil sie der ‚Volksgemeinschaft‘ nicht dienlich waren, sollten sie getötet werden. Im Jahr 1940 begann auf Weisung von Adolf Hitler die als ‚Aktion T4‘ bezeichnete Tötung von Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung in Gaskammern. Bis 1941 wurden nach diesem Plan 70.000 Menschen umgebracht. Als sich im Frühjahr 1941 lautstarker Protest von Seiten der katholischen Kirche formierte gab Hitler die Anweisung, die ‚Aktion T4‘ zu beenden. Das Töten fand damit aber kein Ende. Wie die Filmszene zeigt wurden die Patienten statt mit Gas mit Hungerkost oder Medikamenten dezentral in den einzelnen ‚Heilanstalten‘ getötet.“

Zum Inhalt des Films

Das Drama „Nebel im August“ erzählt so eindringlich wie zurückhaltend die grausame Geschichte des Jungen Ernst Lossa. 1944 wurde er in einer „Heilanstalt“ ermordet. In einem Moment, in dem es wieder so weit ist und ein Kind sterben soll, nimmt Schwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) den 13-jährigen Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) beiseite und erzählt ihm die Geschichte vom Reh, das sie seinerzeit als Kind gemeinsam mit ihrem Vater im Wald gefunden haben will. Das Reh, sagt Schwester Edith, habe zwei gebrochene Hinterläufe gehabt. Sie selbst habe es mit nach Hause nehmen und gesund pflegen wollen, doch der Vater habe erkannt, dass dem Tier nicht mehr zu helfen sei. Deswegen habe er es noch an Ort und Stelle erlöst. „Meinst du“, fragt Edith und sieht Ernst durchdringend an, „dass das falsch war?“ Es ist nur eine Szene in diesem beklemmenden Film, in der die pervertierte Rhetorik eines unmenschlichen Systems aufblitzt, das sich den Anstrich der strengen Wissenschaftlichkeit gegeben hat. Sie sagen Erlösung und meinen Mord.

Ernst Lossa ist eine historische Figur. Lossa, geboren 1929 in Augsburg, gehörte den Jenischen an, einer Bevölkerungsgruppe von Fahrenden, die von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ bezeichnet und verfolgt wurden. Lossas Mutter ist tot, der Vater ohne festen Wohnsitz und so wird der Junge von Heim zu Heim weitergereicht, bis er schließlich im Mai 1943 in die Heilanstalt Irsee in der Nähe von Kaufbeuren verlegt wird. Dort stirbt Lossa im August 1944 durch eine Giftspritze. Der Film ist bundesweit in den Kinos zu sehen – auch im Kemptener Colosseum Center.

Michael Schropp

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