Künstlerische Welt voller Poesie

Heidi Netzer freut sich über ihre erste Ausstellung mit Zeichnungen und Malereien seit 1994 und das dazu erschienene Buch, das nach eigenem Bekennen auch für sie selbst „eine wunderschöne Dokumentation meiner Entwicklung ist“. Foto: Tröger

„Malereien aus zwei Jahrzehnten“ lautet der eher unspektakuläre Titel der Ausstellung von Heidi Netzer im Kleinen Kunstforum. Dahinter verbirgt sich eine künstlerische Welt voller Poesie. Poesie der Farben, Linien, Formen und – nicht zuletzt – der Wahrnehmung des „en passant“ Gesehenen. Figuren, Porträts, Stadtszenerien und Landschaften finden figürlich oder abstrakt neue Interpretationen in den Malereien und Zeichnungen der Autodidaktin. „Ich habe schon immer gern gemalt und gezeichnet“, erzählt Netzer immer den Wunsch gehabt zu haben, „mich damit zu beschäftigen“.

Vor allem drei „markante Entwicklungsstufen“ benennt Heidi Netzer für ihren künstlerischen Weg: Die Arbeit mit dem Künstler Gerhard Rheinisch, dessen Atelier sie während ihrer Schweriner Zeit ein Jahr lang nutzen durfte, die Begegnungen und Arbeit mit der in Paris lebenden, „seelenverwandten“ Künstlerin Anita Bellotto und die Verbindung zum Oberstdorfer Fotografen Reiner Metzger, unter anderem treibende Kraft für den Bildband, der gleichzeitig zur Ausstellung erschienen ist. An Portraits habe sie sich „lange nicht heran getraut“, denn da gebe es auch Rückschläge. Und doch verheimlicht sie „Mein erstes Portrait“ in Öl auf Malkarton nicht. So unperfekt es aus künstlerischer Sicht auch sein mag, bannen die harten, markanten Gesichtszüge des abgebildeten Frauenkopfes den Betrachter unweigerlich. Deutlich weicher das Kindergesicht der knapp zweijährigen „Ida“ daneben, dem Netzer dennoch eine Bestimmtheit im Ausdruck verliehen hat, die schlicht fasziniert. „Ich fange immer mit den Augen an“, weiter mit dem Zentrum des Gesichts und zum Schluss die Kopfform, erklärt die Künstlerin ihre Herangehensweise. Das wichtigste aber sei die „innere Schwingung“. Der Gegenstand habe sie nie interessiert, „sondern die Situation, in der er sich befindet“, um „die Stimmung einzufangen“. Generell setze sie bei jedem Bild einen Fokus, der alles andere bewusst in den Hintergrund rückt. Was sie damit meint, wird deutlich in „Das Mädchen und das Wasser“, bei dem das Gesicht des Kindes nur schemenhaft angedeutet ist, um das Thema Wasser ohne Ablenkung in den Mittelpunkt zu stellen. Daneben das Mädchen „Ida“ mit ausgearbeitetem Gesicht, das automatisch das Auge eben darauf fokussiert. Genaue Vorstellungen Pointierte Lichtakzente unterstreichen den dynamischen Strich Netzers bei den großformatigen Bildern nach Fotos, die sie während der Generalprobe beim Tanzherbst unter anderem von Simone Grindl gemacht hatte. Es gehe nicht darum, das Foto exakt wiederzugeben, erklärt sie. „Ich schaue wo sind Kompositionslinien und überlege mir, wo ich den Fokus haben will“. Eine Vorstellung davon, wie ein Bild aussehen soll, habe sie immer schon vorher. Abstrakt begrüßen einen „Traurige Augen“ über der Treppe zum Ausstellungsraum, die in subtiler Anmut einen fast unscheinbaren und doch Akzent in die Farbkomposition zu setzen vermögen. Wirkungsvoll setzt Netzer ebenso ihre Stadt- und Landschaftsbilder in Szene. Dominiert bei „Fassadenbrüche“ die außergewöhnliche Perspektive, ist es bei „St. Cado“ die Stimmung, gepaart mit den satten Blautönen. Die Entscheidung für eine Ausstellung „war ein langer Prozess“, gesteht sie, jetzt dafür bereit zu sein. „Malereien aus zwei Jahrzehnten“ von Heidi Netzer sind in Anwesenheit der Künstlerin selbst vom 3. bis 10. April täglich von 16 bis 18 Uhr im kleinen Kunstforum von Ulrike und Heinrich Baur in der Kemptener Hochvogelstraße 9c zu sehen.

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