Kulturelle Talfahrt

Der bevorstehende Abgang von Theater-Direktor Peter Baumgardt im kommenden Mai (der KREISBOTE berichtete) sorgt weiterhin für Wirbel und Diskussionen unter den Kemptener Kulturschaffenden. Unter der Federführung von Albert Huber von „Zeitklänge“ haben einige von ihnen nun einen offenen Brief an OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) formuliert. Darin wird der Rathauschef aufgefordert, sich für den weiteren Verbleib Baumgardts in Kempten über den Mai 2010 hinaus einzusetzen. Als Kritik an Netzer wollen die Verfasser den Brief aber nicht verstanden wissen. Wenig zimperlich geht hingegen so mancher Verfasser mit Dr. Franz Tröger um, der sich geweigert hatte, das Papier zu unterzeichnen. 350 Kulturinteressierte, vor allem aus dem Allgäu und Umgebung, aber auch aus München und Dresden, haben das offene Schreiben an Netzer unterschrieben. Unmissverständlich wird der Rathauschef und Aufsichtsratsvorsitzende der Theater gGmbH darin aufgefordert, sich für eine Weiterbeschäftigung Baumgardts einzusetzen.

„Mit großer Bestürzung“ habe man die Nachricht von Baumgardts bevorstehendem Abgang aufgenommen, schreibt Huber. Die Verdienste Baumgardts um das TheaterInKempten könnten gar nicht genug gewürdigt werden. „Mit höchstem persönlichen Engagement und Einsatz hat er bewirkt, was vor ihm in Kempten einfach undenkbar war: Es wurde über Theater ganz allgemein und eben auch über dieses Theater gesprochen, es wurde und wird Theater gelebt“, schreibt Huber. Unter Baumgardts Ägide sei den Allgäuer Künstlern plötzlich klar geworden, „was wir so lange vermissten“. Mit dem feststehenden Abgang Baumgardts, vom TIK-Aufsichtsrat am 26. Juni beschlossen, laufe die Stadt nun Gefahr, „dass Kempten wieder zur unrühmlichen Vergangenheit zurückkehrt“, so Huber. Streit unter Künstlern Kritik äußert dagegen Ullrich Schwab, Regisseur des „Caesar“ (der KREISBOTE berichtete) und einer der Unterzeichner, an Dr. Franz Tröger, Organisator der Meisterkonzerte. Wie aus einem E-mail-Verkehr – der dem KREISBOTE vorliegt – zwischen den beiden hervorgeht, hatte sich Tröger geweigert, den Brief zu unterschreiben. Er sehe durch den Weggang Baumgardts weder die kulturelle Zukunft gefährdet, noch wolle er das Wohl und Wehe des kulturellen Lebens in Kempten einzig und allein von der Person des TIK-Direktors abhängig machen, schreibt Tröger in einer Mail an Udo Guggenberger vom Verein Theater- und Musikgesellschaft. Zudem mache man es sich zu einfach, wenn man die Schuld am Ende der Ära Baumgardt einzig und allein Netzer und dem Kulturamt gebe. "Bösartige Diffamierung" Schwab, Mitempfänger jenes Schreibens, hatte daraufhin Tröger geantwortet, den kompletten Schriftverkehr aber auch diversen Stadträten, der Presse oder Thomas Siedersberger, Geschäftsführer des KKU, zukommen lassen. Darin wirft Schwab Tröger vor, durch seine Kompromissbereitschaft in der Vergangenheit mitverantwortlich für die aus seiner Sicht kulturelle Talfahrt der Stadt in den vergangenen Jahren zu sein. „Die von Ihnen beschworene und in der Vergangenheit auch von Ihnen praktizierte Kompromissbereitschaft ist letztlich mitverantwortlich für diese im Grunde theaterfeindlichen Verhältnisse und Strukturen“, attackiert er Tröger. Der wiederum bezeichnet Schwab nun als „veritablen Brandstifter“ und wertet die Veröffentlichung des Schriftverkehrs verbunden mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfe als „bösartige Diffamierung“. OB Dr. Ulrich Netzer hat mittlerweile ebenfalls reagiert. Eine Zusammenarbeit mit Baumgardt über 2010 hinaus steht demzufolge nicht zur Debatte. „Baumgardts Konzept würde nach unseren Berechnungen einen weiteren Zuschuss der Stadt von etwa 150000 bis 200000 Euro pro Jahr aus Steuergeldern bedeuten“, erklärte er. „Wir können dieses ‘Mehr’ nicht aufwenden.“ Das heiße aber nicht, dass der Aufsichtsrat den eingeschlagenen Weg nicht weiter verfolgen wolle. „Wir sind überzeugt, in der Theaterlandschaft wieder einen engagierten Direktor zu finden, der unser wunderschönes Haus mit Leben füllt“, so Netzer weiter. Davon abgesehen könne sich Huber ja bemühen, frisches Geld für das Theater zu akquirieren.

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