Beeindruckende Palette an Farbe und Form, Größe und Duft

Alte Apfelsorten vor dem Aussterben bewahren

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Eine Auswahl alter Apfelsorten im Allgäu.

Kempten/Allgäu – Sie heißen „Allgäuer Kalvill“, „Aufhofer Klosterapfel“ oder „Schöner aus Wiltshire“: Alte Apfelsorten, die früher in zahlreichen Allgäuer Gärten zu finden waren. Heute sind viele davon oft nur noch als einzelne überalterte Bäume anzutreffen und akut vom Aussterben bedroht.

Doch es gibt Initiativen, die sich dem Erhalt der alten Sorten widmen. Aus gutem Grund.

„Der Obstbaum ist die Poesie der Landwirtschaft“. Diese Ode an die Obstkultur stammt von dem bayerischen „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner (1885–1966). Der Geistliche war leidenschaftlicher Pomologe und ist bis heute vor allem für seine postkartengroßen, realistischen Aquarellbilder bekannt, auf denen er zwischen 1912 und 1960 um die 900 verschiedenen Apfel- und Birnensorten verewigt hat. Sogar während seiner Haft im „Priesterblock“ des KZ Dachau pflanzte er zwischen den Baracken Apfelbäume, wobei ihm die Züchtung von vier neuen Sorten gelang. Eine davon, der „Korbiniansapfel“, ist bis heute erhältlich.

Schätzungen zufolge gibt es weltweit um die 20.000 verschiedenen Apfelsorten. Die Auswahl in unseren Lebensmittelgeschäften beschränkt sich jedoch auf einige wenige, in Größe, Farbe und Geschmack homogene Sorten wie „Golden Delicious“, „Elstar“, „Jonagold“, „Braeburn“, „Gala“ u.a., die im Erwerbsobstbau in Plantagenkulturen unter Anwendung zahlreicher Pflanzen- schutzmaßnahmen erzeugt werden. Sie decken bei weitem nicht das ab, was Obst an Aromen, Inhaltsstoffen oder Eigenschaften zu bieten hat.

Doch in manchem Pfarrhof, Haus- oder Bauerngarten schlummern noch alte Schätze, die die Jahrzehnte fernab der modernen Produktion und unberührt von den Rodungsprämien der EU überdauern konnten. Das Wissen um die Pflege dieser lokalen Sorten, die primär zur Eigenversorgung dienten und dienen, wurde oft von Generation zu Generation weitergereicht.

Zwischen 2009 und 2013 hat sich der Apfelkundler Hans-Thomas Bosch von der Hochschule Weihenstephan im Rahmen des mit LEADER-Mitteln finanzierten, überregionalen Projektes "Erhaltung und Nutzung alter Kernobstsorten im bayerischen Allgäu und am Bodensee" auf die Suche nach ebensolchen alten Apfel- und Birnbaum-Beständen gemacht. Die dabei (häufig mit Hilfe der Bevölkerung) gefundenen Sorten wurden sorgfältig anhand von Merkmalen wie Geschmack, Form, Fruchtfleisch, Stiellänge, Tiefe des Kelchs, Kern- und Schalenbeschaffenheit oder Druckfestigkeit beschrieben, gesichert und kartiert. Im Lauf der Jahre stieß Hans-Thomas Bosch so auf 176 Apfel- und 76 Birnensorten, von denen einige als regionaltypisch eingestuft wurden. Hinzu kamen weit über hundert unbekannte oder nicht mehr eindeutig zu benennende Sorten. Etwa die Hälfte von ihnen ist stark gefährdet. Die ältesten erfassten Birnbäume waren übrigens 300 bis 400 Jahre alt.

In der zur Hochschule Weihenstephan-Triesdorf gehörenden "Versuchsstation für Obstbau Schlachters" bei Sigmarszell im Landkreis Lindau wurden bisher auf 0,28 Hektar Fläche je 84 überwiegend stark gefährdete Apfel- und Birnensorten, die Bosch ausfindig gemacht hatte, angepflanzt. Hier finden sich auch Sorten, die auf ihren „Fundort“ hinweisen, wie etwa die Birnen „Dietmannsried 1881“, „Durach 2249“ oder „Kempten 1675“ oder Äpfel wie „Katzbrui 623“ sowie der eingangs erwähnte „Allgäuer Kavill“.

Durch ihren Erhalt soll dauerhaft ein vielfältiger Genpool für potenzielle spätere Forschungen und Entwicklungen bewahrt bleiben, während gleichzeitig Edelreiser zur Vermehrung an spezialisierte Baumschulen abgegeben werden. Gerade die früher verwendeten Sorten, die durch die lokalen, klimatischen und kulturellen Besonderheiten der Alpenregion entstanden sind, sind speziell an unser hiesiges Klima angepasst (die Blüten des „Holsteiner Zitronenapfels“ etwa sind besonders frosthart). Sie sind robuster und können daher in raueren Lagen oder auf mageren Böden erfolgreich angebaut werden. Viele von ihnen weisen eine bessere Widerstandskraft gegen bestimmte Schädlinge und Krankheiten auf und erfordern zudem weniger Aufwand bezüglich Düngung und Schnittmaßnahmen. Inzwischen sind auch Züchter an alten Sorten interessiert, weil durch sie andere Geschmacks- und Farbnuancen eingebracht werden können.

Das Genpotenzial der alten Sorten ist auch für die Zukunft wichtig. Zwar hat die Forschung bereits einige mehrfach krankheitsresistente Neuzüchtungen hervorgebracht, die man an der anlautenden Silbe „Re“ erkennt. Zu ihnen gehören beispielsweise Apfelsorten wie „Rewena“, „Rebella“ oder „Regia“. Auch die „Pi-Sorten“ wie „Pinova“ oder „Pilot“ zählen zu den relativ robusten Vertretern ihrer Art, bei denen der Bedarf an Pflanzenschutzmitteln eingeschränkt werden kann. Einige alte Sorten haben das Potenzial, durch ihre besonderen Eigenschaften einen Beitrag bei der Verbesserung von Resistenzen, beispielsweise gegen Feuerbrand, Schorf oder Mehltau, zu leisten.

Der Hauptunterschied zwischen alten und neuen Sorten liegt in deren Verwendung. Während Äpfel heute fast ausschließlich als Tafelobst, also zum frischen Verzehr, angeboten werden, waren diese früher zu 90 Prozent Wirtschaftsäpfel. Sie konnten teils lange gelagert werden und dienten so im Winter als Brotersatz. Bei der Lagerung musste allerdings peinlich genau auf regelmäßiges Lüften des Kellers und das Entfernen fauler Stellen geachtet werden. Darüber hinaus wurden sie gedörrt und zu Most und Saft verarbeitet. Aus Fallobst und Trester wurde Obstler gebrannt.

Einen plastischen Einblick in die Vielfalt alter Kernobstsorten und ihrer Verwertung konnte man beim Besuch der Wanderausstellung „Altes Streuobst neu entdecken“ erhalten, die in diesem Herbst neben dem Bauernhofmuseum Illerbeuren auch in den Landratsämtern in Sonthofen und Marktoberdorf, sowie zuletzt bis Mitte November in Mindelheim gastierte. Hier wurden mehr als einhundert Apfel- und Birnensorten in einem begehbaren Apfel aus Holz ausgestellt und erlaubten so einen kleinen Eindruck von der beeindruckenden Palette an Farbe und Form, Größe und Duft. Einen Ausschnitt aus der möglichen Geschmacksvielfalt konnte der Besucher zumindest anhand einiger Direktsaftkombinationen (Apfel-Quitte, Apfel-Karotte, Apfel-Holunder-Johan- nisbeere und andere) aus lokalen Keltereien „er-schmecken“.

Dazu gab es anschaulich aufbereitete Informationen über die Geschichte des Obstanbaus, die schon auf die alten Ägypter zurückgeht. Von dort gelangte das Wissen zu den Römern, die bereits Methoden des Veredelns beherrschten. Sie verbreiteten die Obstbaukunst sowie erste Sorten im ganzen Reich und so auch in Deutschland. Im Mittelalter erhielt und entwickelte sich die Obstbaukunst vor allem in Klöstern. Mönche brachten die Edelreiser auf ihren Pilgerfahrten oder Reisen auch in andere Länder, was zu einem Gen- und Sortenaustausch beitrug. In Bayern veranlasste König Maximilian I. Joseph im Jahr 1806, den Obstanbau im Schulunterricht zu verankern, um so Hunger und Armut entgegenzuwirken. Die Schüler lernten den richtigen Umgang mit den Pflanzen, ihre Vermehrungsweise durch Veredelung, auch „Aufpfropfen“ genannt (den Kern eines Apfels zur Zucht der Sorte einzupflanzen ist nicht zielführend) und konnten dieses Wissen an ihre Familien weitergeben.

Die ideale Anbauweise alter Obstsorten ist die Streuobstwiese, die früher an den Ortsrändern vieler Gemeinden zu finden war und ein typisches Merkmal unserer Kulturlandschaft darstellt. Dabei stehen neben jungen auch zum Teil sehr alte Obstbäume. Neben Apfelbäumen verschiedener Sorten, welche sich gegenseitig bestäuben können, findet man in Allgäuer Streuobstwiesen regelmäßig auch Birnen und Zwetschgen, während Walnüsse und Kirschen seltener sind. Durch die Kombination von Gehölzen und offener Fläche gehören Streuobstwiesen zu den artenreichsten Biotopen. Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Tierarten, die aufgrund der verbreiteten intensiven landwirtschaftlichen Nutzung großer Flächen kaum mehr Lebensräume vorfinden. Durch ein verstärktes Angebot an Totholz sowie Nahrung in Form von Nektar und Pollen für zahlreiche Insekten und Spinnen, ziehen diese wiederum Räuber wie Siebenschläfer, Fledermaus oder Vögel an. Auch sie finden auf Streuobstwiesen ein breites Spektrum an Nistmöglichkeiten vor.

Inzwischen ist sich auch die öffentliche Hand dieser Bedeutung bewusst und geht mit gutem Beispiel voran. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz fördert nach den Landschaftspflege-und Naturpark- Richtlinien grundsätzlich den Erhalt und die Neuanschaffung von Streuobstwiesen als ökologisch wertvolle Lebensräume durch Anlage von Streuobstflächen bzw. die Pflege des Baumbestandes. Der aktuelle bayerische Bestand wird auf 6 Mio. Streuobstbäume geschätzt (aktuelle Zahlen werden erst 2015 erhoben, die letzte Zählung der Obstbäume erfolgte 1965). Es gibt verschiedene Programme, die Fördermöglichkeiten bieten. Zudem steht Landwirten wie auch Freizeitgärtnern an jedem Landratsamt mindestens ein Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege zur fachlichen Beratung über regionaltypische Obstsorten und die Streuobstförderung zur Verfügung. Darüber hinaus werden seit dem Jahr 2000 im Rahmen des Projektes „Streuobst 2000 Plus“ Streuobstinitiativen und Streuobstakteure in Bayern mit Werbe- und Informationsmaterial unterstützt und Streuobstprodukte gefördert.

Im Oberallgäu gibt es einige Projekte „zum Anfassen“. Am Hungersberg in Wildpoldsried etwa wurde vor wenigen Jahren im Rahmen des mit LEADER+ geförderten Projektes WiWaLaMoor eine Streuobstwiese mit 96 Hochstamm-Apfelbäumen unter Verwendung von 16 teils alten Sorten angepflanzt, um deren Anbaumöglichkeiten in der Region zu untersuchen. Die Konzeption und Unterhaltung des auf Nachhaltigkeit ausgelegten Projektes erfolgte in Zusammenarbeit mit der Baye- rischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau Veitshöchheim. Ein weiteres Beispiel, wenn auch mit gänzlich anderem Ansatz, ist das Ökomobil der Stadt Kempten. Hierbei pflegen Jugendliche unter 25 Jahren über 400 Obstbäume im Stadtgebiet. Auch die örtlichen Obst- und Gartenbauvereine dienen als Multiplikatoren: Sie bieten ihren Mitgliedern alljährlich umfangreiche Sortenlisten aus der Versuchsstation in Schlachters zum Selbstkostenpreis. Interessenten sollte jedoch bewusst sein, dass es mit der Pflanzung allein - die beste Pflanzzeit ist übrigens der Herbst - nicht getan ist. Schnitt und Pflegeaufwand sind zwar reduziert, aber für ein nachhaltiges Baumleben ist vor allem ein fachgerechter Erziehungsschnitt unabdingbar. Bleibt zu hoffen, dass recht viele Idealisten nach dem Martin Luther zugeschriebenen Zitat verfahren mögen, das da lautet: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Sabine Stodal

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