Eine Oberallgäuerin berichtet von ihren Erfahrungen inmitten der nordamerikanischen Natur

Ein Jahr in der Wildnis

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Andrea Migizi Trost-Wagner: In die Wildnis und wieder zurück.

Landkreis – Andrea „Migizi“ Trost-Wagner hat ein ganzes Jahr in der Wildnis Nordamerikas verbracht. Die gebürtige Blaichacherin lebte dort mit einer Gruppe gleichgesinnter Naturbegeisteter wie einst die dort ansässigen Ojibwa-Indianer vor 500 Jahren. Die Frauen, Männer und Kinder zogen auf der Suche nach Nahrung durch die unberührten Wälder fernab jeder Zivilisation und bauten ihre Behausungen aus Naturmaterialien. Dabei entwickelte sich eine intensive Form des sozialen Miteinanders. „Es war mit das Schönste und Grausamste, was ich je erleben durfte und es hat mein Leben wundersam positiv beeinflusst“, sagt Migizi heute. Die 47-Jährige versucht nun hier im Allgäu ihre Lebensmission umzusetzen: Die Menschen wieder mit der Natur zu verbinden.

Was bringt einen Menschen dazu, einen solch gewaltigen Schritt aus der Zivilisation heraus zu machen? Diese Frage musste sich Andrea Trost-Wagner, die ihren neuen Namen „Migizi“ während des so genannten „Yearlong“ erhalten hat, nach ihrer Rückkehr häufig stellen lassen. „Ich würde sagen, große Not und eine große Portion Idealismus“, sinniert sie und gibt unumwunden zu: „Bevor ich in die Wälder ging, hatte ich die wohl größte Krise meines Lebens. Ich sah diesen Ausstieg als meine letzte Chance, dem sicheren Freitod zu entgehen.“ Seit sie 17 Jahre alt war, habe sie gewusst, dass es ihr Lebensauftrag sei, die Menschen mit der Natur zu verbinden. So beschäftigte sich die Landschaftsarchitektin, Pflanzenexpertin, Feng Shui-Beraterin und Outdoortrainerin seit vielen Jahren mit der spirituellen Welt der Pflanzen und Tiere und entwickelte ein Verfahren, in dem sie die fernöstliche Weisheit des I-Ging mit Pflanzenheilkunde verband. „Ich wollte die Distanz zwischen unserem zivilisierten Leben und dem Leben im Einklang mit der Natur ermessen.“

Leben mit Wolf, Bär und Luchs

Die Chance, diese Erfahrung zu machen, bot (und bietet) die ‘Teaching Drum Outdoorschool’ in Wisconsin, an der Nordgrenze der USA. Der Leiter dieser Schule, der weiße US-Amerikaner Tamarek Song, hat das Yearlong vor mehr als 15 Jahren ins Leben gerufen. Er wurde von einer Ojibwa-Ältesten ausgebildet und lebte mit Wölfen zusammen. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit der Natur und dem Leben im Wald. Der Mittsechziger teilt seine Erfahrungen und sein Wissen um das Leben und die Zusammenhänge in der Wildnis nun mit anderen Naturverbundenen. Ausgangspunkt für diese Natur- (und oftmals Sinn-) Suchenden ist ein rund zehn Hektar großes Grundstück in den Northwoods, das der Stiftung der Schule gehört. Es ist umgeben von ausgedehnten Wäldern – einer Wildnis mit zahlreichen kleinen Seen und Sümpfen, in der keine Menschenseele anzutreffen ist, die von einigen wenigen Straßen durchschnitten wird und in der Wölfe, Schwarzbären und Luchse leben.

Bogenfeuer statt Streichholz

Jeweils eine Gruppe von Teilnehmern beginnt das Yearlong gleichzeitig. Dieser „Clan“ bleibt weitgehend sich selbst überlassen und hat Freiraum für seine Entscheidungen und Handlungen. Regelmäßig kommt einer der Guides der Wildnisschule ins Camp, um bei Fragen zu beraten und Workshops zu geben, in denen überlebensnotwendige Fähigkeiten vermittelt werden, wie etwa der Bau von Behausungen, Feuermachen mit dem Bogen, oder, essentiell wichtig, die Orientierung in der Wildnis anhand von Sonnenstand und Windrichtung.

Strenge Packliste

Mit Migizi zusammen begannen im Mai 2012 24 Erwachsene und 17 Kinder (zwischen einem und 17 Jahren) aus der ganzen Welt das Abenteuer „Yearlong“. Ein dreistündiger Fußmarsch durch die Wildnis führte die Gruppe vom Ausgangspunkt zu einem Basiscamp. „Es bestand aus einer aufgespannten Plane über einem weichen Bett aus Zweigen und ein paar Feuerstellen“, erinnert sie sich. Hierhin durfte jeder nur Dinge mitnehmen, die zum Überleben unbedingt erforderlich waren. Wie etwa ein Messer und ein Tomahawk (eine Art Axt für handwerkliche Arbeiten), festes Schuhwerk, einen Schlafsack, Wollbekleidung für den bis zu minus 30 Grad kalten Winter, zwei bis drei T-Shirts und Hosen, Nadel und Faden, eine Bürste, Zahnbürste, Zahnpasta und Zahnseide, „denn die Zähne sind extrem wichtig da draußen“. Ansonsten: Keine Schminke, keine Creme, kein Sonnenschutz, keine Seife oder Shampoo. Verboten waren außerdem Bücher, Handy, Computer, mp3-Player und dergleichen.

Leben im Clan

Nach einer Eingewöhnungszeit, in der noch in den mitgebrachten Zelten geschlafen wurde, bauten die Teilnehmer ihre eigenen Sommer- und später Winterwigwams aus selbst geschälter Birkenrinde oder getrocknetem Gras. Das Camp musste im Laufe des Jahres mehrmals umziehen. Nämlich dann, wenn sich aus der Natur die Notwendigkeit hierzu ergab, beispielsweise zur Reisernte, Grasernte oder wenn die Fische in den Flüssen wanderten. „Die neuen, geeigneten Lagerplätze wurden von bestimmten Clan-Mitgliedern ausfindig gemacht und vorbereitet, die durch ihre angeborenen und erst im Yearlong wieder zu Tage getretenen Fähigkeiten besonders hierzu geeignet waren. Im Lauf der Zeit kristallisiert sich heraus, wer ein besonders guter Jäger, Handwerker, Organisator, Kinderbetreuer oder ähnliches ist“, erläutert Trost-Wagner.

Nahe am Verhungern

Die Nahrungsbeschaffung nahm stets eine zentrale Rolle ein. „Wir hatten sehr wenige bis gar keine Kohlenhydrate im Sommer und unglaublichen Hunger.“ Brot, Nudeln, Kartoffeln oder Milch gab es nicht. „Wir haben immer versucht, die Nahrung selbst zu beschaffen.“ So wurde gejagt und gesammelt, was die Natur zu geben hatte: Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren, Wildgemüse, Frösche, selbst geernteter Wildreis, aber auch Ameisen, Fliegeneier, Grashüpfer, Maden, Waldmäuse und vor allem Fisch. „Da keiner von uns das Land, auf dem wir lebten, über Jahre hatte beobachten und kennenlernen können, mussten wir von der Wildnisschule ‘zugefüttert’ werden. Sonst wären wir verhungert. Wir bekamen genau das, was die ansässigen Indianer saisonal zur Verfügung gehabt hätten. Im Sommer sehr wenig, im Herbst und Winter mehr. Es wurde nur noch in Nahrungsgruppen gedacht – woher bekomme ich Fett, Proteine, Vitamine, Kohlehydrate? Geschmack spielte keine Rolle mehr.“ Eine Tagesration umfasste zwei Eier, zwei Hände voll Nüsse, drei Früchte und Wurzelgemüse. Dazu zwei große Löffel Bärenfett, das zuerst in Stücke geschnitten und dann über dem Feuer ausgelassen wurde. Diese Art der Ernährung ist gerade unter dem Namen „Paläo- oder Steinzeitdiät“ ein Trend.

Waschbärenaugen und Rehhirn als Delikatessen

„Nichts, aber auch gar nichts wurde verschwendet. Was für eine Verschwendung waren die totgefahrenen Tiere am Straßenrand! Deshalb aßen wir sie auf. Die Schule brachte uns die Frischen dieser sogenannten ‘road kills’, die wir selbst mühsam abziehen und zerlegen mussten“, berichtet Migizi. So wurden Waschbär, Biber, Marder, Hirsch, Stachelschwein, Eichhörnchen, Schlange und Schildkröte zu wahren Leckerbissen. Das komplette Essen war ungewürzt und wurde über oder unter dem Feuer zubereitet. „Einmal hatten wir einen Rehkopf im Topf, der wurde selbstverständlich komplett aufgegessen. Der Clan hat sich das Gehirn geteilt. Ich bekam mein erstes Auge und vor lauter Hunger war ich glücklich, es nicht teilen zu müssen. Ich aß Augen, Zunge, Gaumen von Tieren ohne zu zögern und oft schwammen in der Brühe Fellbüschel.“

Natürliche Verhütung durch Hunger

In den Sommermonaten verlor die Oberallgäuerin 15 Kilo ihres Körpergewichts. „Dieser rapide Gewichtsverlust führte dazu, dass wir Frauen keine Regelblutung mehr hatten. Dies war die natürliche Verhütung bei den Indianern, die verhinderte, dass in den kalten Monaten Kinder auf die Welt kamen. Männer wie Frauen hatten in den ‘Hungermonden’ keine Lust mehr auf sexuelle Begegnungen. Auch wir waren in der Zeit wie Kinder, vollkommen frei von Geschlechtsfragen. Die Sexualität kam erst mit der Wildreisernte und damit den Kohlenhydraten zurück.“

Kontakt zur Außenwelt

Einmal im Monat konnten die Teilnehmer Kontakt zur Außenwelt aufnehmen. In einer drei Stunden entfernten, spartanisch eingerichteten Hütte der Wildnisschule standen Telefon und Internet zur Verfügung. Von hier aus schrieb Migizi ihre monatlichen Erfahrungsberichte an ihre Lieben Zuhause. In einer dieser Mails hieß es beispielsweise: „Die Natur ist unbeschreiblich – unberührt und schön. Ich fühle, dass nicht nur meine Sinne sensibler werden, sondern auch mein Fühlen sich enorm vertieft. In der Morgendämmerung gehe ich den langen Steg über das Moor hinaus zum Trinkplatz. Woodberry Lake liegt ruhig vor mir, Seerosen säumen seine graublauen Ufer, von denen Nebelschwaden ins rosa Licht der umstehenden Bäume aufsteigen. Ich genieße diese friedliche Stille des Morgens um mich, beuge mich zum Wasser und trinke direkt aus dem See.“ Die Gewöhnung an das Wasser aus Seen und Bächen musste zu Anfang schluckweise über mehrere Wochen erfolgen. Flaschen oder anderweitige Behälter gab es nicht.

Gefrorene Haare

Die Seen dienten gleichermaßen als Bad und Waschküche – selbstverständlich ohne jedwede Seife und auch bei 30 Grad unter null. „Gestern war Haarewaschen im See die größte Herausforderung“, schrieb Migizi. „Eis schwamm im Wasserloch, das ich in den See geschlagen hatte. Habe meine Haare im Loch versenkt und Wasser über meinen Kopf geschöpft. Die Hände waren am kältesten und brannten. Die Haare, die danach nicht unter der Mütze waren, froren sofort ein.“

Der Natur etwas zurückgeben

Anders als man denken könnte, gab es fast keine rituellen Zeremonien im Yearlong. Eines der wichtigsten Rituale war aber die „Dai'i Area“. Dies war der Platz des Zurückgebens und des Dankens. Dort wurde die Notdurft verrichtet (mit Sternenmoos, Gras oder Blättern als Toilettenpapier). Ausgekämmte Haare und abgeschnittene Nägel wurden hier als Dank ganz bewusst an die Natur zurückgegeben. „Dadurch war man eingebunden in den Naturkreislauf des Gebens und Nehmens.“

Psychische Reinigung

Neben dem täglichen Überleben spielte das soziale Miteinander eine enorm große Rolle. So lange unter solchen Bedingungen zusammenzuleben, ganz ohne äußere Ablenkung und so abhängig voneinander, ist eine Extremsituation. Natürlich gab es da auch Reibungspunkte“, gibt sie zu. Zu deren Klärung entwickelte die Gruppe in „unendlichen“ Gruppengesprächen eigene Regeln für das Zusammenleben und die Kommunikation. „Jeder wurde in der Zeit auf sich und auf seine Lebensthemen und -probleme zurückgeworfen, denen man nicht entkommen konnte. Das bedeutete einen schwierigen, schmerzhaften, aber reinigenden Prozess, bei dem die Gruppe half.“

Klinik und Antibiotikum

Bei aller Naturverbundenheit und Aussteigerwille: In medizinischen Notfällen führte der Weg selbstverständlich zurück in die Zivilisation, zur konventionellen humanmedizinischen Behandlung. Andrea Trost-Wagner selbst musste in chiropraktische Behandlung und zudem nach einem zunächst unbemerkten Stich am Stachel eines Barsches wegen einer Entzündung zur Antibiotika-Behandlung in eine Klinik gebracht werden, „um nicht zwei Finger einzubüßen zu müssen oder gar zu sterben. Ich hatte die Wunde nicht sofort mit flüssigem Harz von der Balsamtanne versorgt, weil die Verletzung nicht mal richtig geblutet hatte und ich im Fischfangfieber war.“ Die Wildnisschule achte in monatlichen Gesundheitschecks auf den Gesundheitszustand der Teilnehmer und leite bei Bedarf Maßnahmen, wie etwa erweiterte Essenlieferungen o.ä. ein, betont sie.

Nicht alle hielten durch

Nicht alle Teilnehmer brachten das Jahr zu Ende. „Wir starteten mit 42 Personen und endeten mit 24. Von Letzteren waren acht Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren, die wir ohne Frostbeulen durch den Winter gebracht hatten. Einer der sehr erfahrenen Guides sagte am Ende des Jahres, wir hätten nach dem Yearlong eine fünfzigprozentig höhere Überlebenschance in den Wäldern, als ohne diese Erfahrung. Aber nicht weil wir gelernt hatten, wie man Bogenfeuer macht, Leder gerbt oder Fallen stellt, sondern weil wir gelernt hatten, als Clan zu leben.“ Die Kosten für das Abenteuer beliefen sich mit Flug, Ausrüstung und Teilnahmegebühr auf 10.000 Euro. Die Erfahrungen selbst sind für die Mehrzahl der Teilnehmer jedoch unbezahlbar.

Hier und Jetzt

Auf die Frage, was ihr das Jahr in der Wildnis gebracht habe, weiß Andrea Migizi Trost-Wagner zwei Antworten: „Eines der größten Geschenke, das ich vom Leben in der Wildnis mit nach Hause genommen habe, ist es, im Hier und Jetzt zu leben und dieses Jetzt als Chance zur Veränderung zu begreifen. Ich kann nicht von meiner Umgebung erwarten, dass sie sich an mich anpasst, sondern ich muss mich verändern. Das Einzige, das ich wirklich verändern kann, bin ich selbst und meine Sichtweise auf die Welt.“ Jetzt, zwei Jahre nach ihrer Rückkehr arbeitet Andrea Migizi Trost-Wagner wieder als Landschaftsarchitektin und Outdoortrainerin. Ihr Buch über die Verbindung von Pflanzenheilkunde und I-Ging wird in Kürze veröffentlicht. Ihre wichtigste Erkenntnis aus dem Yearlong formuliert sie so: „Die Natur ist die universelle Sprache, die uns über alle Kontinente hinweg verbindet. Verbinde Dich mit dem Land, auf dem Du lebst. Get connected to nature, self and origin.“ Im Frühjahr startet der erste Ausbildungszyklus der von ihr entwickelten „getconnected Guide und Master“-Ausbildung. Weitere Informationen zu Kursen und Angeboten unter www.iging.me.

Von Sabine Stodal

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