Lesung über eine deutsche Dealer-Karriere

Koks zieht nicht

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Fast schon familiär war der Rahmen bei der Lesung von Kajo Fritz in den Kleinen Thermen.

Kempten – „Man glaubt, man hat die Weisheit mit Löffeln gefressen“ und wolle das möglichst laut, möglichst schnell jeden wissen lassen. So brachte der Journalist und Autor Kajo Fritz die Lebenshaltung von Koksern auf den Punkt. In der letzten Veranstaltung des diesjährigen APC-Sommers las er aus seinem Buch „Kokain: Eine deutsche Dealer-Karriere“, in dem er Aufstieg und Absturz eines jungen, mit der albanischen Mafia verbandelten Drogen-Dealers aufgezeichnet hat.

Nicht einmal zehn Zuhörer hatten sich in den Kleinen Thermen eingefunden, was vor allem deshalb erstaunt, weil Kokain und mafiose Strukturen in Kempten Dauerthemen sind und gerade im vergangenen Jahr mit dem Prozess um „Kommissar Koks“ sogar deutschlandweit in den Schlagzeilen stand. Das Thema werde von der Gesellschaft „oft so weggeschoben“ meinte Fritz, der auch kurz auf den Kemptener Fall einging. Die überschaubare Zuhörerschaft jedenfalls folgte dem kurzweilig-spannenden Vortrag des Autors, der auch bereitwillig auf Fragen einging, aufmerksam.

Für das Buch hat Fritz zahlreiche Gespräche mit dem im Buch Stefan Liebert genannten Protagonisten nach dessen Festnahme geführt. Er zeigt nicht nur dessen Lebensweg vom Hamburger Jugendlichen, der dem kriminellen Vater nacheifert und schnell reich und berühmt werden will nach. Er liefert auch viele Hintergrundinformationen rund ums Koksen, um Drogenhandel und -schmuggel, um Bestechlichkeit unter anderem von Zöllnern, die albanische Mafia mit Sitz in der Hansestadt, den langwierigen Weg bis zu einer Festnahme...; und er schildert „koksende Anwälte, Ärzte und Polizisten“ bei regelmäßigen Koks-Partys mit Prostituierten, auf denen „gesoffen, geflirtet und gevögelt wird“.

Natürlich gebe es auch koksende Frauen, aber, so Fritz, es sei eine „extreme Machodroge“, die einen Glauben mache, man habe alles unter Kontrolle.

Fast jeder Geldschein – zusammengerollt beliebtes Utensil um das weiße Pulver in die Nase zu ziehen – sei heute in Deutschland mit Kokain kontaminiert. Gefährlich seien allerdings nicht das Kokain selbst, sondern die Beimischungen. Viereinhalb Jahre habe der heute Mittzwanziger Liebert gedealt, davon zwei Jahre für die albanische Mafia, die ihn ans Messer geliefert habe. Als aussagefreudiger Kronzeuge lebe Liebert heute im Zeugenschutzprogramm, habe Herzbeschwerden und vor allem – einen Verfolgungswahn, wegen seiner Aussage gegen die Albaner, die ihn zu deren Zielscheibe mache.

Christine Tröger

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