Meisterkonzert zum 100. Todestag von Max Reger im TheaterInKempten

Gedenken mit Musik

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Präsentierten Max Regers selten gespieltes Violinkonzert: Benjamin Schmid (l) mit den Smetana Philharmonikern Prag unter dem Dirigat von Hans Richter.

Kempten – Bei der Einführung von Dr. Franz Tröger und Nikola Stadelmann in das siebte Meisterkonzert im TheaterInKempten wurde klar, dass hier ein besonderes Konzert auf das Publikum zukommt. Tröger feierte mit Max Reger (1873-1916) seinen 80. Geburtstag und Stargeiger Benjamin Schmid ließ es sich nicht nehmen, für ihn zu spielen.

Die ursprüngliche japanische Solistin für das Violinkonzert A-Dur op. 101 wurde abgesagt. Tröger war sowieso der Meinung, dass es für dieses Konzert keinen besseren als Schmid gibt, da es „­sauschwer“ zu spielen ist. Nachdem für Dirigent Hans Richter nur der 22. April als Aufführungstermin in Frage kam, fügten sich alle Termine wie magisch zusammen. Schmid bestand außerdem noch darauf, mit seinem Austria String Trio am Vorabend von Trögers Geburtstag aufzutreten. Tröger wies darauf hin, dass jeder Versuch sinnlos sei, Regers Musik zu analysieren. Die verschlungenen contrapunktischen Linien, die gefühlte Auflösung der Tonalität, das andauernde Auf und Ab macht einen wirklichen Durchblick schwierig. Reger sei kein einfacher Komponist und Tröger riet „mit dem Herzen zu hören und den Verstand beiseite zu lassen“.

Reger hatte ein fotografisches Gedächtnis, konnte hunderte Bilder im Museum anschauen und abspeichern. Seine Kompositionen schrieb er vielfach unterwegs auf Reisen, manche direkt ins Reine ohne irgendwelche Vorstudien. Leider wurde er nur 43 Jahre alt. Seine Vorbilder waren u.a. Bach und Mozart. Das spiegelte sich deutlich in den Mozartvariationen op.132 und in der Zugabe von Schmid wieder. „Der maßlos unterschätzte Maßlose“ Reger war ungestüm, und legte sich ständig mit seinen Kollegen an. Er fühlte sich oft größer als er war, sah sich in einer Reihe mit Beethoven und Brahms, worin ihn sein Verleger auch noch bestärkte. Vielleicht wusste er, dass seine Zeit begrenzt war und deshalb alles schnell und sofort passieren musste.

Vor dem ersten Programmpunkt, die Ouvertüre zu Lucio Silla von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), ließ Dirigent Hans Richter noch das Publikum „Happy Birthday“ für Tröger singen und überreichte ihm einen riesigen weißen Stoffbären mit den Worten: „Wir haben uns noch nie gegenseitig einen Bären aufgebunden.“ Eine nette Geste unter alten Freunden. Diese eher ungewöhnliche Aktion in einem Konzert, die aber für Applaus und gelöste Stimmung sorgte.

Der Programmablauf war so gewählt, dass man sich allmählich über ein kleines Stückchen original Mozart zu der darauf folgenden Mozartvariation von Reger in seine Musik akklimatisieren konnte. Ausgerechnet das lyrische und zuckersüße Andante grazioso op.132 von Mozart hat Reger als Grundlage für seine sieben Variationen und einer abschließenden Fuge gewählt. Das Thema begann harmlos und original, um dann im Laufe der Variationen immer mehr in alle möglichen Richtungen gedreht, verzerrt und bis zur Unkenntlichkeit rhythmisch und harmonisch moduliert zu werden. Die teilweise heftigen atonalen Attacken der wenigen, aber kraftvollen Bläser griffen plötzlich ins Geschehen ein, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Das Auf und Ab in Tonalität und Dynamik und das nicht Nachvollziehbare, vor dem Tröger gewarnt hatte, riss zwischenzeitlich heftig an den programmierten Hörgewohnheiten der Mozart Liebhaber. Zwischendurch tauchte immer mal wieder das Andante Grazioso schemenhaft am Horizont auf, wurde aber gleich darauf wieder salzsäureartig aufgelöst. Die Fuge am Schluss der Variationen endete fulminant in guter alter symphonischer Manier mit Paukenwirbel, Crescendo bis zum Fortissimo und so etwas wie eine Kadenz und ließ noch einmal das Ursprungsthema aufleben.

Nach der Pause dann das A-Dur Violinkonzert op. 101 von Reger mit dem Solisten Benjamin Schmid. Dass sich das Regersche Violinkonzert nach über hundert Jahren nicht in den Konzertsälen etablieren konnte, hat einige Gründe. Die Länge mit 53 Minuten in Verbindung mit der Komplexität des Werkes ist für die Zuhörer und besonders für die Musiker eine Herausforderung. Die Spannung und Konzentration zu halten und durchzustehen ist nicht jedem gegeben. Es setzt vom Solisten ein immenses technisches und interpretatorisches Können voraus. Auf die Frage, an welche spieltechnischen Grenzen Reger den Solisten führt hat er geantwortet. „An jede Grenze!“ Für Schmid schien es diese Grenze nicht zu geben.

Scheinbar mühelos, wenn auch natürlich voll konzentriert ging er zusammen mit Dirigent und Orchester auf eine „großartige Reise“, wie er das Konzert selbst beschrieb. Da Reger eigentlich von der Orgel her stammt, sind seine Dynamikangaben oft nur relativ für ein Orchester anwendbar, da hier keine automatischen Kopplungen oder Oktavierungen möglich sind. Dirigent Hans Richter hat aber seine Prager Philharmoniker souverän geführt, den Solisten nicht gedeckelt, so dass Schmid solistisch immer obenauf war. Der erste Satz war für den Ersthörer besonders schwer verständlich, die Linien waren weitgezogen und erforderten genaues Reinhören. Erst im Nachhinein wurde die Musik verständlicher weil sie doch auch von vielen gesanglichen Stellen durchzogen ist, die sofort ins Ohr gingen und alle möglichen Verbindungen zu anderen Komponisten assoziierte. Die aufbrausenden Arpeggios, die scheinbar im Nichts endeten, die fast wahnsinnigen Läufe und das lange Solo der Violine spielte Schmid mit Hingabe und einer faszinierenden Leichtigkeit. Sauber und dezent setzten die Prager Philharmoniker wieder ein und die „Reise“ ging gemeinsam weiter. Nach begeistertem Applaus spielte Schmid noch eine Solo Zugabe für Trögers Geburtstag von Eugén Ysaye, das ebenfalls große Virtuosität verlangte. Das Konzert endete mit begeistertem, langen Applaus.

Jürgen Blasinski

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