Meisterlich und ausdrucksstark

Patricia Rotondadro, Gemma Miró Roca und Jochen Heckmann experimentieren in„Two’s A Couple, Three’s A Crowd“ mit unterschiedlichen Beziehungskonstellationen. Foto: Tröger

Kurz gesagt, rundum stark war der Auftakt zur neuen Spielzeit im Theater in Kempten (TIK) und zugleich Startschuss für den 11. Kemptener Tanzherbst. Glänzte die Eigenproduktion „Match Point“ des Choreographen und Tänzers Jochen Heckmann im vergangenen Jahr nicht zuletzt durch viele witzige Momente, hat er für diese Saison mit „Two’s a couple, three’s a crowd“ – frei übersetzt „Drei sind einer zuviel“ – ein Tanztheater kreiert, das von der ersten bis zur letzten Sekunde vor Spannung und Intensität nur so strotzt.

Mehr noch als bereits die Vorjahresproduktion profitiert das heuer bereits fünfte Auftragswerk Heckmanns für das TIK, von der intimen räumlichen Nähe zwischen Publikum und Tänzern im TheaterOben. Dem Spielzeitmotto „Beziehungskiste“ Rechnung tragend, entwickeln die Protagonisten – zwei Frauen, ein Mann – in drei „Experimenten“, ob, wer mit wem und vor allem wie die jeweilig Beziehungskonstellation funktionieren kann. Werden die Karten neu gemischt, wenn ein Dritter in die schließlich gefundene Zweierharmonie eindringt? Oder funktioniert sie auch als „Ménage à trois“? Liebe und Leid, Hingabe, Leidenschaft, Eifersucht, Gewinner und Verlierer, Eins plus Eins, Zwei plus Eins – schlussendlich Eins, Eins, Eins. Jochen Heckmann, Patricia Rotondaro und Gemma Miró Roca führten ihr Publikum im TIK mit nuancierter und doch eindringlicher Wucht durch Gefühlshöhen und -tiefen. Drei unterschiedliche Beziehungskonstellationen. Drei Versuche das verträgliche Maß von Nähe und Distanz zu finden. Drei Variationen im Umgang mit dem „Störenfried“. Dreimal forderten die Choreographien tänzerische Höchstleistungen, die meisterlich und ausdrucksstark erfüllt wurden. Drei unterschiedliche Blickwinkel konnte das Publikum auch perspektivisch erleben. Nach den kurzen Pausen zwischen den Episoden nahm es im Rotationsverfahren den jeweiligen Platz im nächsten der insgesamt drei Sitzblöcke ein. Ein Meer von roten Kissen setzen variable Akzente auf der schlichten, schwarz gehaltenen Bühne, die ansonsten mit nur drei sich ähnelnden „Beziehungskisten“ auskam. Zunächst unbeschwerte Zweisamkeit, in die sich schleichend eine dritte Person drängelt, im ersten Experiment. Intimität, Abgrenzung, verzweifelte Rettungsversuche, Ablehnung bis zur handgreiflichen Aggression – der „Störenfried“ konzentriert die roten Kissen bei sich. Am Ende allein Die beiden Frauen sind allein auf der Bühne als das Licht ausgeht. Die ausgelassene Vertrautheit der beiden Frauen in Experiment zwei schmeckt dem Mann nicht. Verborgen unter verstreuten Kissenbergen umschleicht er sie beobachtend. Die beiden flüchten, als er zornig auf eine geöffnete Beziehungskiste zurobbt, zu stakkatohafter Musik mit archaischen Gesängen ein sich zu ekstatischen Bewegungen steigerndes Solo tanzt und in der Kiste verschwindet. Die ausgelassen zurückgekehrten Mädchen werden wie von Zauberhand abrupt gestoppt – die eine zitternd vor einer über ihr – in den Sternen? – hängenden Beziehungskiste stehend, die andere zögernd an der Tür des Störenfrieds. Wer wird das Wechselspiel aus Annäherungen und Zurückweisungen im dritten Experiment wohl seinen Interessen gemäß entscheiden? Rotondaro packt rote Kissen in kleine Beziehungskisten, die sie schließlich unter einer großen „begräbt“. Am Ende bleibt jeder mit sich selbst allein.

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