Ministerpräsident Horst Seehofer vergisst fast, die Festwoche zu eröffnen

Watschn und Superlative

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Bad in der Menge: Ministerpräsident Horst Seehofer nach seiner beinahe verpatzten Eröffnungsrede.

Kempten – Beinahe hätte er es vermasselt. Erst als Ministerpräsident Horst Seehofer von der Bühne herunter gekommen war, fiel ihm wieder ein, warum er ins Kornhaus gekommen war: „Die Allgäuer Festwoche ist hiermit eröffnet”, korrigierte er seinen Lapsus gerade noch mit einem Zwischenruf durch den Saal.

Bereits während seiner Ansprache wurde deutlich, dass der Landesvater mit den Gedanken nicht wirklich in Kempten ist. 

Mehrmals wies Seehofer in seiner Festansprache darauf hin, dass er seinen Besuch heuer bewusst kurz halten werde, da am Nachmittag noch ein Empfang mit dem FC Bayern München in der Münchner Residenz anstehe. Tatsächlich fiel seine Rede vergleichsweise knapp und leidenschaftslos aus. Und nach einem Festwochenrundgang im Eiltempo ließ Seehofer tatsächlich das obligatorische Essen der heimischen Polit-Prominenz im Festzelt sausen. 

Dieser hatte er zuvor – wenn auch in der für ihn typischen charmanten Weise – den Kopf gewaschen. So sei OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) „immer für eine Überraschung gut – die Forderungen legt er gleich auf den Tisch”, spielte er auf Netzers zuvor geäußerte „Wunschliste” an. Üblicherweise sei es aber so, dass zunächst der Staatsregierung für ihre Leistungen gedankt werde, dann die Forderungen vorgetragen würden, so Seehofers versteckte Kritik. A propos Netzer: „Als Sparkassenpräsident sind Sie für die Finanzierung vieler Dinge zuständig, die Sie mir heute ans Herz gelegt haben”, sagte er süffisant in Richtung des Kemptener Noch-OBs. Und noch einen hatte der bayerische Landesvater parat: „Früher hatten die Bayern Könige, heute haben sie Oberbürgermeister und Landräte.” 

Die Allgäuer an sich umschmeichelte der Ministerpräsident in Wahlkampfzeiten zwar besonders herzlich, hatte aber auf der anderen Seite keine Gastgeschenke wie den vierspurigen Ausbau der B12 oder die Elektrifizierung der Bahnstrecke München-Lindau dabei: „Der Allgäuer Menschenschlag gehört zu dem Besten, was wir in Bayern haben”, sagte er stattdessen, oder: „Bayern ist gut, aber das Allgäu ist noch besser.” An Superlativen sollte es auch im weiteren Verlauf nicht mangeln: „Das Allgäu ist mindestens die Pforte zum Paradies”, schwärmte der Gast aus München. Und die Allgäuer Festwoche? „Ein einzigartiges Fest, nicht nur in der Region, sondern in ganz Bayern.” 

Zwei Botschaften 

Ansonsten wolle er sich in einer Ansprache – wegen des FC Bayern München – auf zwei Botschaften beschränken. Botschaft Nummer 1: „Das Leben belohnt Leistung”, betonte er. Das zeige sich in Bayern – und natürlich dem Allgäu – an den hervorragenden Arbeitsmarktdaten. „Gesunde Finanzen und gesunde Wirtschaft bedingen sich gegenseitig”, sagte Horst Seehofer. Botschaft Nummer zwei: „Nichts gefährdet den Erfolg in der Zukunft so wie der Erfolg der Gegenwart.” Heißt in diesem Fall: Die Verkehrsinfrastruktur muss weiter ausgebaut werden – auch wenn derzeit nicht ganz klar sei, woher das dafür notwendige Geld kommen soll. So trat Seehofer beim Thema „B12-Ausbau” auf die Bremse. Hatte er Anfang des Jahres deren vierspurigen Ausbau noch versprochen, so blieb er diesmal vage. „Wir müssen mehr auf`s Gas treten, damit der Vollausbau kommt”, mahnte er. Geklärt werden müsse vor allem die Frage der Finanzierung. „Die Politik muss die Frage beantworten, wie sie den Ausbau der Infrastruktur finanzieren will”, so der Ministerpräsident. Seine Antwort sei klar: eine Maut für ausländische Pkws. Diese müsse direkt in Verkehrsmaßnahmen fließen, nicht in den allgemeinen Haushalt. Er werde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) so lange verhandeln, „bis wir Recht bekommen”, kündigte er an. 

Außerdem sprach sich der Ministerpräsident gegen Steuererhöhungen („Das wäre ein Arbeitsplatzvernichtungsprogramm.”), für weniger Paragraphen und Bürokratie und für die Einführung eines Heimatministers zur Stärkung der ländlichen Regionen aus. „Wertschöpfung entsteht durch Wertschätzung gegenüber den Menschen”, schloss Seehofer seine Rede. OB Dr. Ulrich Netzer hatte zuvor in seiner voraussichtlich letzten Festwochenansprache in Allgäuer Dialekt versucht, dem Gast aus München nicht nur die sprachliche Vielfalt des Allgäus näher zu bringen. Außerdem wiederholte er seine Forderungen nach einem Ausbau der B12, der Hochschule Kempten, des Allgäu Airports und die Elektrifizierung der Allgäuer Bahnstrecken. „Allgäuer sind nicht nur gastfreundlich, sondern auch genügsam: Ein bisschen mehr Forschung, ein bisschen mehr Strom auf der Schiene, und ein bisschen strategischen Blick auf den Allgäu Airport, dann müssten wir auch zwischen den Metropolregionen ganz gut zurechtkommen”, sagte OB Netzer. 

Für das musikalische Rahmenprogramm der heuer sehr traditionslastigen Veranstaltung waren die Jodlergruppe Oberstdorf, die Pfrontener Stubensänger, Manfred Kraus sowie Werner Specht mit dem musikalischen Potpourri „So singet und schwätzet mir im Allgäu” und die Stadtkapelle Kempten mit ihrer Interpretation des Stücks „Fiskinatura” verantwortlich.

Matthias Matz

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