Interkultureller Herbst: Migration sollte als Möglichkeit gesehen werden

Vergebenes Potential

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Die engagierte Kämpferin für Integration, Mitra Sharifi Neystanak, eröffnet den Interkulturellen Herbst 2013.

Kempten – „Integrationspolitik und Willkommenskultur – Ein Widerspruch?“ lautete jetzt das Thema von Festrednerin Mitra Sharifi Neystanak im Haus International.

Mit der in Teheran geborenen und seit 1985 in Deutschland lebenden Akademikerin und Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY) wurde der „Interkulturelle Herbst” mit seinen insgesamt 30 Veranstaltungen offiziell eingeläutet. 

 „Herzlich Willkommen galt sicher nicht vor 50 Jahren für die Italiener und Türken“, eröffnete Siegfried Oberdörfer (SPD), Integrationsbeauftragter des Stadtrates, den Abend und auch der Blick in Asylantenheime heute ließen ihn an einer gelungenen Willkommenskultur zweifeln. „Alle Städte sprechen von Willkommenskultur“, gemeint sei allerdings meist ein Fachkräftemangel, stellte Sharifi fest. „Ein mehrsprachiges Banne im Rathaus ist sicher ein freundliches Zeichen“, aber es sei auch wichtig sowohl den Neu-Einwanderern wie auch den bereits hier lebenden Migranten Anerkennung für ihre Leistungen zu geben. Unter anderem seien „tiefe systemische Veränderungen im Bildungssystem nötig“, das in seiner jetzigen Form ausländische Akademiker scharenweise zu „Putzjobs“ verdonnere. „Wir vergeben so viele Potentiale“, schüttelte sie den Kopf. 

 "Fast nicht stattgefunden" 

Zwar sah sie die Kommunen als „treibende Kräfte“ für Integration und Willkommenskultur, machte aber ebenso deutlich, dass für ein gutes Gelingen „auch die Zivilgesellschaft“ mit ins Boot geholt werden müsse. Zu ihrem Bedauern habe das Thema Integration im vergangenen Wahlkampf „fast nicht stattgefunden“. Nichtsdestotrotz untermauerte sie Forderungen wie kommunales Wahlrecht auch für Ausländer, doppelte Staatsbürgerschaft, Chancengleichheit an Schulen oder die Bekämpfung von Rassismus, Diskriminierung und Rechtsradikalismus. Dabei nahm sie allerdings ebenso die Migranten in die Pflicht, die ihrerseits aktiv werden müssten und auch „in den eigenen Reihen solidarisch“ werden müssten. Vor allem um Erfahrungen und Probleme im Umgang mit Ämtern und Behörden ging es in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. 

Ein positives Bild konnte hier der gebürtige Ungar Zoltan Wagner zeichnen, der auch für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung sorgte. Er lebe seit 19 Jahren hier und „ich hatte noch nie ein Problem mit Integration“. Er betonte, die Deutsche Gesellschaft als eine „offene“ zu erleben. Eine mögliche Ursache sahen verschiedene Zuhörer im unterschiedlichen Umgang mit europäischen Migranten und solchen aus anderen Ländern. Bürgermeister Josef Mayr (CSU) sah ein gutes Miteinander zwischen Migranten und der Stadt Kempten, das unter anderem der Arbeit des mit Unterbrechungen seit 1974 etablierten Ausländerbeirates – seit 2009 Integrationsbeirat – zu verdanken sei oder auch den seit über 25 Jahren stattfindenden Interkulturellen Wochen, deren Ziel es sei, möglichst „alle in Kempten lebenden Nationen“ anzusprechen. Auf den Punkt brachte es Lajos Fischer, Mitglied im Integrationsbeirat der Stadt: „Migration ist kein Problem an erster Stelle, sondern eine Möglichkeit“.

Christine Tröger

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