Hoher Besuch aus München

Mit Doppeldeutigkeit und Selbstironie

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Christian Ude ist ein „Blauer”. Im Fußball hält er zu den „Löwen”, in München und in der SPD vertritt er nicht immer die Meinungen der Mehrheit.

Kempten – Wäre Christian Ude im angelsächsischen Raum beheimatet, würden die Menschen ihn dort wohl einen „Storyteller” nennen und dies wäre anerkennend und liebevoll gemeint. Ein „Storyteller”, das ist im Englischsprachigen jemand, den man gerne zuhört, wenn er seine Geschichten erzählt und dies mit einer solchen Finesse tut, das es für alle ein Wohlgefallen ist. Christian Ude (SPD), Münchens langjähriger Oberbürgermeister, ist so ein Mensch, der gut Geschichten erzählen kann, wie er am Samstagabend in Kempten auf Einladung der heimischen SPD bewies.

Wenn man ihm zuhört, erfährt man viel über den Menschen Christian Ude, der im nächsten Jahr als Spitzenkandidat der Bayern-SPD ins Rennen um das Amt des Ministerpräsidenten gegen den Christsozialen Horst Seehofer zieht. Christian Ude ist seit 1993 ununterbrochen Münchens Oberbürgermeister und würde er noch ein viertes Mal um das höchste Amt in der Landeshauptstadt kandidieren, wäre bei einer derzeitigen Zustimmung von 72 Prozent in Münchens Bevölkerung, so Udes Einschätzung, eine weitere Amtszeit durchaus denkbar. Aber die bayerische Verfassung sieht für das Bürgermeisteramt ein Höchstalter vor und dies würde der amtierende OB Münchens bei einer weiteren Amtszeit reißen. 

Nun könnte sich Christian Ude nach so vielen Jahren im Amt am Marienplatz wohlverdient in den Ruhestand zurückziehen, gleichwohl zieht er es vor, in den Kampf um die Staatskanzlei zu ziehen und sich den Stürmen der Landespolitik zu stellen. „Die Chancen meiner Partei, der Bayern-SPD, bei der kommenden Landtagswahl erfolgreich abzuschneiden, betrachtete ich sehr optimistisch und es besteht eine realistische Aussicht, die Herrschaft der CSU in Bayern zu brechen”, so der Münchner OB im Gespräch mit dem KREISBOTEN. 

Diesen Willen, sich dem bevorstehenden Wahlkampf zu stellen, spürt man jedoch nicht, wenn Christian Ude die Bühne betritt, aus einem kleinen, alten Koffer eines seiner Bücher hervorkramt und beginnt aus diesem vorzulesen. Dann wird aus dem Wahlkämpfer Ude ein Mensch mit Ecken und Kanten, ein OB zum Anfassen mit allen Stärken und Schwächen, die ein solches Amt im Laufe der vielen Jahre einem Menschen angedeihen lässt. Geschickt und immer doppeldeutig „würzt” Ude seine Geschichten aus dem Alltag eines Oberbürgermeisters mit sehr viel Selbstironie, wenn er beispielsweise seine Eitelkeit im Umgang mit seinem eigenen Sohn beschreibt oder er verzweifelt erkennen muss, dass eine verkopfte Rede – zumal in Überlänge – nicht wirklich den Nerv feiernder Fußballfans auf dem Marienplatz treffen kann. 


„Es besteht eine 

realistische Aussicht, die Herrschaft der CSU in Bayern zu brechen.“

Christian Ude


Dann präsentiert sich Ude als der Politiker, der von allen geliebt und verstanden werden will und der dann humorig an der Banalität des Alltags zu scheitern droht. Christian Ude schafft es, selbst aus den profansten Vorfällen, wie dem geplanten Kauf eines Fahrrades, eine Geschichte zu kreieren. Mit Geschick baut er die Spannung auf und setzt zur rechten Zeit die Pointe, die dann auch wirklich soviel Witz bereithält, dass die Zuhörerschaft lacht. Ude beschreibt in seinen Geschichten, die nur vordergründig von grölenden Fußballfans, Münchner Originalen, wie dem „Schwabinger Toni” oder der Betrügerin Adele Spitzeder, Fahrradfachverkäufern oder einem Oberbürgermeister mit heruntergelassener Hose handeln, durchaus tiefgründig sein eigenes und das Wesen seiner Mitmenschen und verleiht Alltäglichem eine höhere Weihe durch seine sehr feine und genaue Beobachtungsgabe. Eigenschaften wohl, die sich bei ihm in seiner Zeit als Jurist und Journalist ausgebildet haben.

So erläutert er das Wesen der Finanzkrise von 2008 am Beispiel der Münchnerin Adele Spitzeder, die Mitte des 19. Jahrhunderts in München dadurch auffiel, dass sie ihren Mitbürgern Zinsen in astronomischer Höhe für deren geliehene Gulden versprach. Natürlich war alles nur ein großer Schwindel, der zeitig aufflog und der viele Geprellte zurückließ. 

Die Kunst Christian Udes besteht darin, nicht nur eine solche Anekdote aus Münchens Historie zu erzählen, sondern sprachlich an dieser herauszuarbeiten, wie der Mensch, wie wir alle, „ticken”, ob wir nun unseriös unsere Geschäfte betreiben oder auf falsche Versprechungen nur allzu gerne hereinfallen. Es „menschelt” auf der Bühne und im Saal, wenn der SPD-Spitzenkandidat so aus seinen, nicht unironisch gemeinten „verfrühten Memoiren” oder aus seinem Buch „Ich baue ein Stadion oder andere Heldensagen” dem Publikum vorliest, dass zu seiner Lesung am vergangenen Samstagabend im Haus Hochland so zahlreich erschien, dass viele im Saal stehen mussten. 

Die SPD-Vorsitzende Katharina Schrader bedankte sich im Anschluss an Christian Udes Lesung beim Spitzenkandidaten der Bayern-SPD und zeigte sich ob dessen Einblicke in das alltägliche Leben eines Oberbürgermeister wie die meisten im Saale vergnügt und amüsiert.

Mehr zu Udes Besuch in Kempten lesen Sie in der Samstagsausgabe. Jörg Spielberg

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