Musikalische Trüffelsuche

Manchmal herrschte bei den Proben auch kurzfristig Ratlosigkeit, wie bei den beiden Bratschisten Eniko Magyar und Yuri Zhislin beim Einstudieren von „Viola, Viola“ von George Benjamin. Foto: Tröger

Am Sonntag ging im Stadttheater das diesjährige „Fürstensaal Classix“ zu Ende. „Classix“ ist ein internationales Kammermusikfestival, das einem Länderkonzept folgt. Diesmal wurde britische Kammermusik präsentiert, die aber hierzulande keiner kennt – eine Art Trüffelsuche im britischen Musikwald. Also waren 21 renommierte Musiker aus vieler Herren Länder angereist, um ab Mittwoch in sieben Abend- und Vorabendkonzerten britische Musik zu spielen.

Wer hat denn schon mal das Streichquartett von Arnold Bax, Gustav Holsts Bläserquintett oder das Klavierquartett von William Walton gehört? Henry Purcell oder Edward Elgar dagegen waren schon etwas bekanntere Namen, der bekannteste Komponist des Festivals dürfte aber Joseph Haydn gewesen sein, dessen Musik allerdings nur mitmachen durfte, weil auch assoziierte Kräfte zugelassen waren: der Österreicher Haydn hatte einige Zeit in England verbracht und dort zum Beispiel die „Flowers of Edinburgh“ geschrieben – nur eine der Raritäten, die bei den diesjährigen Fürstensaal Classix aufgeboten wurden. Als „Composer in Residence“ war ein englischer Komponist sogar persönlich angereist: David Matthews, dessen 2. Sinfonie seinerzeit immerhin unter der Leitung von Sir Simon Rattle – dem heutigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker – uraufgeführt wurde. Matthews war die Woche über in Kempten vor Ort und steuerte einen Schwung Stücke inklusive einer Uraufführung für die Konzerte bei. Außerdem konnte man ihn bei einem öffentlichen Gespräch, das er mit Annika Täuschel, Redakteurin des Bayerischen Rundfunks, führte, genauer unter die Lupe nehmen. Aber auch den Musikern konnte man auf die Finger sehen, indem man zu ihren für jedermann öffentlichen Proben ging. Bereits vier Tage vor Festivalbeginn waren die ersten angereist, um die mitunter außerordentlich schweren Stücke einzustudieren. Außerdem spielten sie gleich zu Beginn ein Konzert exklusiv für die Sponsoren. Denn allein mit Eintrittsgeldern ist so ein Festival nicht zu finanzieren – den dezenten Logos im Programmheft konnte man entnehmen, wer alles Geld zugeschossen hatte. Vielfältiger Kosmos Was kam nun dabei heraus? Ein vielfältiger Musikkosmos mit rarer Musik aus sechs Jahrhunderten. Alle gespielten Werke an dieser Stelle zu erwähnen ist unmöglich, deswegen seien – dem persönlichen Geschmack folgend – ein paar Favoriten herausgepickt: zum Beispiel die Cellosonate von Frank Bridge – ein farbenreiches Stück in spätromantischer Klanggebung, in dem jeder Akkord und jeder Ton seinen richtigen Platz hat und das der Finne Martti Rousi mit technischer Perfektion und bestem Klang darbot. Am Klavier begleitete ihn Oliver Triendl, bestechend in seiner Präzision des Spiels, des Anschlags und des Timings, die er kokett „deutsch“ nennt und die er aber erfreulicherweise mit musikalischer Emphase, spielerischer Kraft und Ausdruckswillen zu verbinden weiß. Oder zum Beispiel „Chaconne und Choral“ von Colin Matthews (man ahnt es schon: ein Bruder des Composer in Residence) – expressive Klänge, gespielt von der Geneviève Laurenceau. Feine Uraufführung Das witzigste Stück der Woche waren die „Conversations“ für drei Streicher und zwei Bläser von Arthur Bliss, der sozusagen fünf Unterhaltungen komponierte, darunter eine in der U-Bahn, ein Selbstgespräch und – äußerst heiter in seinem mal plappernden (Geige), mal harschen (Viola), aber immer banalen Aneinandervorbeireden – ein „Committee Meeting“. Ja, und dann gab es noch die uraufgeführten Lieder des Composer in Residence: Goethes „Lebensregeln“, feinsinnig und mit hoher bildlicher Darstellungskraft gesungen vom Tenor Markus Schäfer, unangestrengt und trotzdem komplex in der kompositorischen Faktur. „Very british“ war diesmal das Motto gewesen, zu dem Oliver Triendl, dem auch die künstlerische Leitung oblag, in Korrespondenz mit dem umtriebigen Organisator des Festivals, Dr. Franz Tröger, die Stücke und die Musiker ausgewählt hatte. Frankreich, Russland, Skandinavien sowie unsere östlichen Nachbarländer waren schon in den vergangenen Jahren dran. Was fehlt? Italien? Ungarn? Österreich? Oder gar Übersee? Mal sehen, was nächstes Jahr zu den Classix kommt.

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