Verschiedene Fachreferate statt Politparolen beim ödp Neujahrsempfang

Vom Wolf bis zu Erneuerbaren Energien

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Dr. Christine Müller ist Wildtierbiologin und kennt die Fakten rund um den Wolf.

Kempten – Wer sich zum Neujahrsempfang der ödp begibt, muss auf Bayernhymne und Buffet, auf Parteigrößen und Politparolen verzichten – ein Verzicht, der nicht schwer fällt, wenn dafür spannende Sachthemen behandelt werden. Etwa 30 Leute wollten im Pfarrheim St. Anton mehr über den Wolf als Oberallgäuer Ureinwohner und mehr über die Steigerungsperspektiven bei den Erneuerbaren Energien erfahren.

Mit der Wildbiologin Dr. Christine Miller war eine ausgewiesene Expertin aus München gekommen, um über ihr Thema „Große Beutegreifer“, besonders aber über den Wolf zu referieren. Als faszinierendes Wildtier habe der Wolf die Menschen von jeher polarisiert, so Miller in ihrem bebilderten historischen Rückblick. Der Wolf wurde mythologisiert und dämonisiert, hat als Kulturfolger immer die Nähe des Menschen gesucht, Schäden angerichtet aber auch den Hauch von Wildnis mit sich gebracht. Mitte des 19. Jahrhunderts waren weite Flächen in Europa wildfrei, Bären, Luchse und Wölfe ausgestorben. Dass jetzt auf einmal wieder Wölfe in Bayern auftauchen, sei auf die natürliche Dynamik dieser Wildart zurückzuführen. Zudem liegt Bayern im Überschneidungsgebiet der Aktionsradien aller europäischen expandierenden Wolfspopulationen. Seit es Schutzgesetze gibt, also seit 1980 bis 1990 funktioniert die Ausbreitung – es war eine Zeitenwende. Wölfe brauchen nur ein ruhiges Gebiet, von denen es trotz touristischer Erschließung in den Alpen noch viele gibt. „Wölfe sind so intelligent wie Hunde! Sie können Situationen einschätzen und reagieren“, bestätigte Miller. Ein Wolf aus Slowenien, der mit einem Halsbandsender ausgestattet war, wanderte bis zum Gardasee – unbemerkt!

Wölfe reißen vorwiegend Schalenwild, sind aber vorsichtig und jagen vor allem die „Looser“ einer Herde. Das entspricht etwa den „Hegeabschüssen“ der Jägerschaft. Wölfe jagen aber auch Nutztiere und eine unbewachte Schafherde ist für einen Wolf wie „Freibier“. Das Rotwild kann sich auf Wölfe einstellen, aber nur, wenn es viel Bewegungsfreiheit hat, und wird von den Wölfen nicht wesentlich reduziert. Wo jedoch Alpwirtschaft mit Schafen betrieben wird, kann das Nebeneinander von Wild- und Nutztieren nicht funktionieren; dann sind Herdenschutzhunde nötig, die jedoch manchmal von Wölfen ausgetrickst werden.

Millers Fazit: Wir müssen unseren Umgang mit Beutetieren ändern, ihnen mehr Raum und mehr Ruhe zugestehen und Konflikte mit mehr unabhängigem Sachverstand zu lösen versuchen. Wir brauchen die Expertise von Wildbiologinnen und Wildbiologen, die unerwünschte Entwicklungen verhindern. Das gelingt in der Schweiz recht gut. Für jedes Gebiet muss ein passender Herdenschutz entwickelt werden. Die Almwirtschaft zu verändern ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die mit gutem Willen und Sachverstand zu bewältigen ist, versicherte die Expertin. Im Übrigen ist in Bayern die Entschädigung von Tierverlusten durch Wölfe gut geregelt.

Bergbauer Peter Nessler beteuerte in der anschließenden Gesprächsrunde, er sehe der Rückkehr des Wolfs mit „gewisser Gelassenheit“ entgegen. Julian Aicher aus Rotis bestritt mit dem Thema „Energiewende“ den zweiten Teil des Abends. Dreißig Jahre nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl, fünf Jahre nach Fukushima, nach dem heißesten Sommer und zahlreichen Naturkatastrophen im vergangenen Jahr heißt es Tempo zulegen beim Umstieg auf Erneuerbare Energien, so Aicher: „Wir müssen Erdgas, Kohle und Atomenergie schneller ersetzen, nicht erst bis 2050!“ In seinem mit Zahlen gespickten aber anschaulichen Vortrag gelang ihm der Beweis, dass es tatsächlich möglich ist, bereits bis zum Jahr 2030 den gesamten Strombedarf in Deutschland aus Erneuerbaren Energien zu gewinnen. Angela Merkel als Physikerin wusste bereits vor Jahren, „dass alle Prognosen über das Wachstum der Erneuerbaren Energien bisher von der Wirklichkeit übertroffen wurden.“ Immer wieder wies Aicher auf die vorbildliche Gemeinde Wildpoldsried hin, die dreieinhalb mal mehr Strom aus Windkraft erzeugt als sie selbst verbraucht.

Ein Mix aus Wasserkraft, Windkraft, Biogas, Solaranlagen, Photovoltaik und Erdwärme treibt die Kurve der Energieproduktion durch Erneuerbare Energien steil nach oben. So ist es z. B. Norwegen bereits gelungen, sich zu 100 Prozent mit Naturstrom zu versorgen.

In Deutschland allerdings, insbesondere in Bayern, blockiert die Politik bislang die Entwicklung. „Wir brauchen weniger Bürokratie, klare Ansagen, wie im Stromeinspeisegesetz von 1991“, forderte Aicher, der ödp-Kreisrat aus Ravensburg. Dabei bestritt er nicht, dass Windkrafträder gesehen werden. Trotzdem vertritt er den Ausbau, da nur wenige Gebiete nötig sind. Dass Öl- und Strompreis wieder nach oben gehen, dessen ist sich der Referent sicher. „Die Atomwirtschaft hat das Atommüllproblem nicht im Griff und blendet die Wahrheit aus. Die ungeheuren Endlagerkosten werden letztlich von allen Bürgerinnen und Bürgern bezahlt werden müssen“, mahnte Aicher. Strom vom eigenen Dach, mit Erneuerbaren Energien betriebene Elektroautos, das Riesenpotenzial von Erdwärme intensiver nutzen, auch Kleinwindräder einsetzen, Biogas nicht nur aus Mais sondern dazu aus Speiseresten gewinnen, alte Wasserkraftwerke reaktivieren und optimieren – auch in Bayern geht noch viel. Alle Maßnahmen zum Klimaschutz sind auch Maßnahmen, die Fluchtursachen bekämpfen, denn wo Wüsten wachsen, wächst auch der Hunger.

Durch ein Bündel unterschiedlicher und dezentraler Methoden der Energieerzeugung, dazu Verhaltensänderungen – Wer braucht schon in der Stadt einen SUV? – rückt die Energieautonomie in greifbare Nähe. Dem Praktiker Aicher gelang es an diesem Abend zu überzeugen und zu ermutigen.

Weitere Informationen unter www.wildes-bayern.de.

Elisabeth Brock

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