"Nichts ist so überzeugend wie die Realität"

Die am Dienstagmorgen vergangener Woche auf dem Rathausplatz zahllos abgestellten dunklen Audi A8 und BMW 7er ließen erahnen, dass im Rathaus Bedeutsames vor sich geht. In der Tat: Zum ersten Mal in der Geschichte tagte das bayerische Kabinett um Ministerpräsident Horst Seehofer im Kemptener Sitzungssaal. Wer zukunftsweisende Entscheidungen für das Allgäu erwartet hatte, wurde allerdings enttäuscht – mehr als wohlklingende Absichtserklärungen waren auf der anschließenden Pressekonferenz in der Schrannenhalle wie zu erwarten einmal mehr nicht zu hören.

Ist man irgendwo zu Gast, gehört es sich, den Gastgeber artig zu loben. Und so erklärte Ministerpräsident Seehofer dann auch pflichtschuldig eingangs seines Besuchs in Richtung OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) und Landrat Gebhard Kaiser (CSU): „Das Allgäu ist innovativ, stark und zukunftsfähig.“ Dass das Kabinett seit geraumer Zeit durch die bayerischen Provinzen tingelt, habe einen besonderen Grund, erklärte der Kabinettschef: „Nichts ist so überzeugend wie die Realität.“ Zuvor hatte OB Netzer den Ministern einen Einblick in seine Realitäten gegeben. Nicht Landschaft und Milch seien das Bestimmende im Allgäu, betonte der Rathauschef. „Nein, wir sind primär ein innovativer Wirtschaftsstandort.“ Deshalb sei die Region auch durchaus in der Lage, „eine eigene Rolle zwischen München und Stuttgart“ zu spielen, so Netzer weiter. In Kempten selbst bestimme derzeit die Umsetzung seiner fünf strategischen Ziele bis 2020 das politische Alltagsgeschäft, erläuterte Netzer. Das sei der Gradmesser für die Arbeit von Stadtverwaltung und Kemptener Stadtrat. Allgäu als Schmuckstück Nach zweieinhalb Stunden hinter den verschlossenen Türen des großen Sitzungssaals verkündeten Seehofer und sein Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) schließlich die Ergebnisse der Debatte. Wobei Ergebnisse etwas zu hoch gegriffen ist. Absichtserklärungen, vermischt mit ein paar Streicheleinheiten für die schwäbische Volksseele, trifft es wohl besser, was die beiden der Pressemeute in die Mikros diktierten. So lobten beide die schwäbische Wirtschaft über den grünen Klee, bejubelten das Allgäu als „wahres Schmuckstück des Bayern-Tourismus“ oder versprachen, bis 2011 im Regierungsbezirk alle Lücken bei der Versorgung mit schnellen Internetanbindungen zu schließen. Außerdem kündigten sie an, dass „beabsichtigt“ sei, 5100 Studienplätze in Schwaben zu schaffen, wovon auch Kempten profitiere. Demonstrativ stellten sich der Ministerpräsident und sein Wirtschaftsminister hinter die Allgäuer Bergbauern, für die man irgendwann ein eigenes Programmm „plane“, und stärkten der Tourismuswirtschaft – zumindest verbal – den Rücken. Als Vorbild für ganz Bayern bezeichneten die beiden Kempten und das Allgäu hinsichtlich des Elektro-Auto-Projekts „eE-Tour Allgäu“ des AÜW und der Hochschule. „Es ist schön, dass Kempten jetzt Modellregion“, frohlockte der Ministerpräsident. „Wir wollen, dass ganz Bayern Vorreiter und Modell wird.“ "Ganz vorne dabei" Ach ja, beschlossen hat die Karawane aus München in Kempten dann doch noch etwas: „Die Staatsregierung will im Allgäu ein Kompetenzzentrum für Lebensmittel- und Verpackungstechnologie mit internationaler Ausstrahlung etablieren“, verkündete Seehofer. „Da ist Kempten ganz vorne mit dabei“, so der bayerische Regierungschef. In Richtung von OB Netzer und Landrat Kaiser sagte der oberste Bayer, dass er seine Versprechen von der Allgäuer Festwoche 2009 nicht vergessen habe. Aber wann die Elektrifizierung der Bahnstrecke München-Kempten-Lindau oder der vierspurige Ausbau der B12 zwischen Kempten und Buchloe angegangen werde, hänge vor allem vom finanziellen Spielraum ab. „In Zeiten knapper Kassen ist halt nicht alles sofort umsetzbar.“

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