"Nichts ist wie vorher"

Eine Patientin mit Halbseitenlähmung übt mit ihrer Therapeutin das Schneiden mit Hilfe eines Einhänderbrettes. Foto: privat

Die markante ockergelb leuchtende, altehrwürdige Villa Viva an der Füssener Straße in der Nähe der St.-Mang Brücke ist für Einheimische und Gäste ein wahrer Blickfang. Nur wenige wissen, dass sich hinter diesen Jahrhunderte alten Mauern inzwischen für das gesamte Allgäu die einzige therapeutische Tagesstätte für Schädelhirnverletzte verbirgt: Landwirte, Geschäftsleute, Hausfrauen, Pfarrer, Lehrer, Erzieherinnen – sie alle kämpfen hier mit Hilfe von Physio-, Ergotherapeuten, Logopäden und psychosozialer Unterstützung darum, dass „sie ihr Leben wieder so selbständig wie möglich führen können“.

Parallel zur Tagesstätte bietet der Mobile Dienst im Rahmen von Hausbesuchen alltagsorientierte Einzeltherapien im gesamten bayerischen Allgäu an. Therapiekonzepte wie zum Beispiel nach Bobath, Affolter, Gedächtnistraining nach F. Stengel, Alltagsorientierte Therapie finden in beiden Fachdiensten genauso Anwendung wie Musik-, Kreativ- und Entspannungstherapie. Beide Einrichtungen befinden sich in Trägerschaft der Körperbehinderte Allgäu gGmbH. „Unsere Arbeit beginnt nach dem Klinikaufenthalt. An den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen unserer Klienten orientiert, erstellen wir ein ganz persönliches Reha-Konzept“, erklären dazu Armin Gallasch, Leiter der Therapeutischen Tagesstätte Villa Viva, und Karin McEwen, Leiterin des Mobilen Dienstes Villa Viva. Bewährte Arbeitsweise Den Auftrag dazu bekam die Körperbehinderte Allgäu seinerzeit von der Bayerischen Staatsregierung. „Ähnlich wie das städtische Modell ‘Mutabor’ in München sollten wir ein Konzept für den ländlichen Raum erstellen“, erläutert Reinhold Scharpf, Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu gGmbH. Die Arbeitsweise der beiden bayernweit einzigartigen Dienste Villa Viva hat sich bewährt: In der therapeutischen Tagesstätte arbeiten die Klienten täglich in fünf Einzel- und Gruppentherapien jeweils eine dreiviertel Stunde an ihrer Wiedergenesung. Beispielsweise lernte der 42-jährige Landwirt Josef S. aus dem Oberallgäu nach einer Hirnblutung mit Lähmungserscheinungen wieder zu sprechen und einige Schritte zu gehen. Darüber hinaus traut er sich in Begleitung in der Öffentlichkeit mit seinem Elektro-Rolli unterwegs zu sein. „Viele haben einfach Scham, sich nach der Erkrankung in der Öffentlichkeit zu zeigen, denn nichts ist wie vorher!“ Für die alleinerziehende Christa F. aus Kaufbeuren kam die Tagesstätte nach einem Schlaganfall dagegen zunächst nicht in Frage. Daher kam der Mobile Dienst Viva sechsmal in der Woche für je 90 Minuten zu ihr ins Haus. Durch die intensive Therapie im häuslichen Umfeld lernte sie unter anderem wieder feste Kost zu sich zu nehmen, erste Schritte zu machen und mit Hilfe ihres Rollis die Toilette aufzusuchen. In der Tagesstätte wird sie ihre zuhause erworbenen Fähigkeiten ausbauen und zum Beispiel Treppe gehen und Schritte machen mit einer Gehhilfe üben. Auch ihre Sensibilitätsstörung wird weiter behandelt werden. „Egal, ob daheim oder in der Tagesstätte – unsere Klienten werden von uns gefördert und gefordert“, informierte Armin Gallasch. Die ganzheitliche ausgerichtete Therapie der Einrichtungen von Villa Viva hat eine wichtige alltagsrelevante Bedeutung. Nicht zu vergessen ist auch die Arbeit mit den Angehörigen. „Denn auch für sie hat sich mit der Erkrankung des Partners, Familienmitgliedes eine Welt verändert.“

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