"Nie so reich wie heute"

Für ein bedingungsloses Grundeinkommen macht sich Prof. Götz Werner, Gründer der dm-Drogeriemarktkette, vergangene Woche im Saal des „Klecks“ stark. Foto: Tröger

Schon vor vier Jahren war Prof. Götz Werner, Gründer der dm-Drogeriemarktkette, als engagierter Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens in Kempten auf großes Interesse gestoßen. Vergangene Woche barst der Saal im „Klecks“ buchstäblich aus allen Nähten, als Werner erneut für ein garantiertes Grundeinkommen in Höhe von 1000 Euro für jeden Bürger „von der Wiege bis zur Bahre“ warb.

Das größte Hindernis für Neues „sind unsere Gewohnheiten“, machte er einen gedanklichen Paradigmenwechseln dabei zur Voraussetzung. Warum man heute vor allem von Kinder- und Altersarmut spreche, obwohl „wir nie so reich waren wie heute“, stellte er zur Disposition. Einen Grund dafür sah er darin, dass heute kaum mehr jemand in der Lage sei, sich selbst zu versorgen, was sich durch die Einführung der Sozialwirtschaft unter Bismarck und der beginnenden Industrialisierung so entwickelt habe. Während im alten Rom Legionäre mit einem Stück Land entlohnt worden seien, könnten wir heute für andere arbeiten, weil wir ein Einkommen hätten, mit dem wir uns selbst versorgen würden. „Einkommen ist nicht Belohnung, sondern die Ermöglichung der Arbeit“, verdeutlichte er das erforderliche Umdenken. Das Problem sah Werner in der Verkoppelung von Einkommen und Arbeit, die man lernen müsse „getrennt voneinander zu denken“. Einkommen brauche man um zu leben, Arbeit um erfüllt zu sein und über sich hinaus zu wachsen. Um die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens annehmen zu können, müsse man sich, so Werner, von der Meinung verabschieden, „dass man nur zu einem Einkommen kommen darf, wenn man arbeitet“. Durch den heutigen Trend, den Beruf zu ergreifen, „wo es die meiste Kohle gibt“, statt den, mit dem man sich verbinden könne, werde die Arbeit schlechter, lustloser und ungesünder. Wahl ohne Zwang Das bedingungslose Grundeinkommen sah er als „äquivalent für Grund und Boden“, das Lebensraum schaffe und Teilhabe an der Konsumgesellschaft ermögliche. Seines Erachtens entstünde dadurch „eine ganz andere Atmosphäre in der Gesellschaft“, da die Berufswahl ohne Zwang erfolge. Kritikern, die darin offene Türen für Arbeitsunwillige sehen, kontere er gerne damit, das humanistische Menschenbild nur für sich selbst zu beanspruchen. Besonders die angeblich arbeitsscheuen Jugendlichen verteidigte Werner als tatsächlich „hochmotiviert“, wie sich im eigenen Unternehmen zeige. Wenig beliebte Arbeitsplätze war er sich sicher, durch Wertschätzung – etwas, das man heute kaum noch erfahre – und entsprechende Attraktivität besetzen zu können. Falsches Steuersystem Der an die Parole der Französischen Revolution angelehnte Grundsatz „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ brauche das bedingungslose Grundeinkommen, „mit dem ich bescheiden, aber menschenwürdig leben kann“, betonte er. Finanzieren will er den Kampf gegen die Verarmung der Gesellschaft durch Änderung des nach seiner Ansicht „falschen Steuersystems“, das durch subventionierte Angebote von Kultur bis Reise die starken Konsumenten mit am meisten begünstige. Vielmehr schwebte ihm eine Konsumsteuer vor, wodurch derjenige am meisten bezahlt, der auch am meisten braucht. Ob das bedingungslose Grundeinkommen denn auch finanzierbar sei, beantwortete dm-Gründer Prof. Götz Werner mit einem klaren „Ja“. „Wir brauchen das Neue, um die Zukunft bewältigen zu können“, forderte er die Anwesenden auf, die Idee weiterzutragen.

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