Auf nimmer Wiedersehen, DDR

Siegfried Buder (v.l.) und seine Frau Karla kehrten der DDR ebenso wie Magdalena und Wolfgang Rougk bereits vor dem Mauerfall den Rücken und leben heute in Kempten. Foto: Kampfrath

Am Montag feierten die Bundesbürger zum 21. Mal den „Tag der Deutschen Einheit“. Für viele ist er kein gewöhnlicher Feiertag, sondern ein Tag des Gedenkens. Die aus Sachsen stammenden Familien Rougk und Buder verließen kurz vor dem Mauerfall die DDR und landeten in Kempten. Heute wohnen sie im Stadtteil Eich und erinnern sich noch gut an diese dramatischen Tage und Stunden.

Den 14. Oktober 1989 werden Siegfried und Karla Buder nie vergessen. Damals wohnten sie und ihre beiden Töchter Katja und Peggy in Bautzen (Oberlausitz) – noch. Am Abend jenes Samstags begann für die Familie eine abenteuerliche Reise. Mit ihrem nagelneuen, beigefarbenen Wartburg starteten die Vier in eine ungewisse Zukunft. „Auf das Auto hatten wir 17 Jahre lang warten müssen“, sagt Karla Buder. Ungarn hieß das offizielle Ziel, doch in Wirklichkeit planten die Sachsen die Flucht ins „nichtsozialistische Ausland“. Wichtigstes Dokument war das Visum nach Ungarn. Das erhielten zu dieser Zeit manche DDR-Bürger wegen der Massenflucht über Ungarn und Österreich gar nicht mehr. Nach dem Start in Bautzen war die Grenze von der DDR zur damaligen Tschechoslowakei das erste Hindernis. „Die Grenzsoldaten haben den Motorraum des Autos durchsucht, aber seltsamerweise nicht den Kofferraum. Vielleicht wollten Sie einfach nur wissen, wie der Motor aussieht“, erzählt die heute 59-Jährige Karla Buder und lacht. Nachdem der Wartburg samt Insassen weiterfahren durfte, kam wenig später der nächste Schreckmoment. „Wir wurden von der tschechischen Polizei angehalten. Aber zum Glück nur wegen zu schnellen Fahrens. Ich musste die Strafe sofort in tschechischen Kronen bezahlen“, erinnert sich Karlas Ehemann Siegfried Buder. Erst während der nächtlichen Fahrt beichteten die Eltern ihren Kindern, dass sie nicht vorhaben, in die DDR zurückzukehren. Die damals 16-jährige Katja, die schon immer etwas flippig gewesen sei, habe sich sehr über das unerwartete Vorhaben gefreut. Peggy hingegen, die zehn Jahre alt war, fand das anfangs überhaupt nicht toll. An der Grenze von der Tschechoslowakei nach Ungarn habe es keinerlei Probleme gegeben. In Ungarn, dem offiziellen Ziel, hielten sich die Buders nur kurz auf. Sofort ging es weiter zur nächsten Grenzstation nach Österreich. Der heute 62-jährige Siegfried Buder erinnert sich noch genau daran. „Als wir dem ungarischen Grenzer unsere Papiere gaben, sagte der: ‚Ab jetzt gibt’s kein Zurück mehr!‘“ Aber diese Warnung änderte nichts am festen Entschluss der Familie, dem Unrechtsstaat DDR für immer den Rücken zu kehren. Überfüllte Auffanglager Im österreichischen Burgenland gönnten sich die „Republikflüchtigen“ die erste kleinere Pause. In einem Zelt des Roten Kreuzes, das nahe einer Kirche stand, gab es Kaffee, Kuchen, eine Landkarte und 700 Schilling für die Weiterfahrt. „Das Geld brauchten wir vor allem fürs Tanken“, so Siegfried Buder. Die restliche Reise führte sie entlang der Donau an Wien vorbei nach Passau, wo sie am Morgen des 15. Oktober ankamen. „Dort sagte man uns, dass wir noch bis Weiden fahren müssen, da alle anderen Auffanglager überfüllt seien.“ In der Oberpfalz blieben sie nur einen Tag, um „die nötigen Papiere zu bekommen“. Dort entschieden sie sich, in Bayern zu bleiben. Nächste Station war ein Umsiedlerhaus in Augsburg, wo sie zwei Tage verbrachten. „Wir konnten uns eine bayerische Stadt wünschen, in der wir wohnen wollten“, sagt Karla Buder, die jetzt als Arzthelferin arbeitet. Da sie in Marktoberdorf eine Bekannte hatte, fiel ihre Wahl auf Kempten. Am 18. Oktober, Siegfried Buders 41. Geburtstag, kamen sie in der Allgäumetropole an. „In den ersten Wochen wohnten wir im ehemaligen ‚Haslacher Hof‘ in der Immenstädter Straße. Anfangs mussten wir zu viert in einem Einbettzimmer schlafen“, berichtet Karla Buder. Mit dem damaligen Hotelbesitzer hätten sie keine guten Erfahrungen gemacht. Aber ansonsten seien sie freundlich in ihrer neuen Heimat aufgenommen worden. Am 8. November, einen Tag vor dem Mauerfall, hatte Siegfried Buder seinen ersten Arbeitstag in einer Gießerei. Im Januar 1990 bekamen Buders eine Wohnung in der Lessingstraße zugewiesen. Ein freudiger Moment, denn „wir hatten ein Viertel Jahr lang kein richtiges, warmes Essen gehabt.“ "Landsleute" getroffen Auch der Zufall hielt für die Familie eine freudige Überraschung parat. Am ersten Advent 1989 waren sie im Gemeindehaus der Johanneskirche bei einer Feier dabei, die die Mutter-Kind-Gruppe organisiert hatte. „Wer kommt woher?“, hieß die Frage eines Spiels. „Bautzen“, riefen die Buders. Das erregte die Aufmerksamkeit von Magdalena Rougk. Sie ging an den Tisch der Familie und unterhielt sich mit ihr. „Karla erzählte mir, dass sie aus Neschwitz kommt. Da ich auch aus diesem Ort stamme, erkannten wir uns plötzlich“, so die heute 56-jährige Magdalena Rougk. Beide Frauen hatten in Neschwitz dieselbe Schule besucht. Rougks, die in Dresden wohnten, hatten bereits ein Jahr zuvor die DDR per Ausreiseantrag verlassen. Ihr Zug startete am 15. November 1988 in der sächsischen Großstadt. „Mit zwei kleinen Kindern und 15 Koffern“, erinnert sich Magdalena Rougk. „Den Zug nannte man im Volksmund ‚Mumienexpress‘, da in der DDR nur Rentner ohne größere Probleme in den Westen fahren durften“, sagt Wolfgang Rougk, der jetzt 56 Jahre alt ist. Nachts um 3 Uhr kam der Zug im nordrhein-westfälischen Minden an. Dann ging es weiter in das Auffanglager im hessischen Gießen, wo Magdalena Rougk ihren 34. Geburtstag feierte. Kurze Zeit später fand Wolfgang Rougk eine Stelle bei der Käserei Champignon in Heising, wo er heute noch arbeitet. „Das war natürlich ein großes Glück.“ Er habe die DDR wegen der „politischen Verhältnisse“ verlassen. Später forderte Familie Rougk ihre Stasiakte an. „Als wir sie lasen, waren wir erleichtert, dass keiner unserer Freunde uns bespitzelt hatte.“ Aber über einen Satz aus der Akte lachen die Rougks heute noch: „Die früheste Einreise in die DDR ist erst im Jahr 2000 wieder möglich.“ Denn schon vor der Jahrtausendwende besuchten die reiselustigen Sachsen unzählige Male die alte Heimat – dank Mauerfall und Wiedervereinigung.

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