Wie aus ein paar Jahren ein ganzes Leben wird

Ilknur Taghanli (links), Vorsitzende des Dachverbandes türkischer Vereine, und Katharina Schrader, SPD-Kreisvorsitzende, bei der Feier anlässlich 50 Jahre Anwerbeabkommen. Tröger

Vor 50 Jahren, exakt am 31. Oktober 1961, trat das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei in Kraft. Grund für die Kemptener SPD und ihrer Kreisvorsitzenden Katharina Schrader, mit Vertretern der sechs türkischen Vereine in Kempten sowie deren Dachverbandes (DTVK) zu feiern. Ein reiches, überwiegend mit türkischen Spezialitäten gefülltes Buffet, Rückblicke, Erzählungen und alte Fotos von den ersten türkischen Gastarbeitern in Kempten – die meisten Bilder stammten von Saynur Uygur, die seit 1962 in Kempten lebt – sorgten für fröhliche Stunden und so manche Erinnerung im proppenvollen Saal des Haus International.

„Unsere Eltern sind damals mit der Absicht gekommen, ein paar Jahre hier zu arbeiten“, daraus seien Jahrzehnte geworden, meinte die DTVK-Vorsitzende Ilknur Taghanli. Von einer gegenseitigen „Win-Win“-Situation sprach Stadtrat, Integrationsbeauftragter und Initiator der Veranstaltung, Siegfried Oberdörfer (SPD), bedingt durch die hohe Arbeitslosigkeit, besonders in Ostanatolien, und dem Bedarf an Arbeitskräften in Deutschland. Gemeldet hätten sich damals 2,7 Millionen Bewerber, die für die Aufnahme in unserem Land „demütigende Tests“ hätten über sich ergehen lassen müssen. Unter anderem seien Lesen und Schreiben Grundvoraussetzungen gewesen und wer zum Beispiel „einen kaputten Zahn hatte, wurde zurückgeschickt“. Abgeschottet unter sich habe es keine privaten Kontakte zu Deutschen gegeben. Und „wie sollte so jemand richtig Deutsch lernen“, wenn nur – „Du hole Schaufel“ – in gebrochenem Deutsch mit ihnen gesprochen worden sei, beschrieb er die Situation.Die ursprünglich auf zwei Jahre befristete Aufenthaltsdauer sei 1964 bereits wieder „gekippt“ worden. Einmal zurück in der Türkei, sei die Möglichkeit verbaut gewesen, wieder nach Deutschland zu gehen. Also seien die Gastarbeiter geblieben und hätten ihre Familienangehörigen geholt, was mit der „Zuzugsbeschränkung“ von 1981 limitiert wurde auf Kinder unter 16 Jahre und Eheleute, deren Partner bereits acht Jahren in Deutschland gelebt haben. Unter anderem am Fließband in der Autoindustrie oder auch als Müllmänner seien die türkischen Leute als „fleißige Arbeiter“ geschätzt worden. Den aber oft „menschenverachtenden“ Umgang mit ihnen habe der Autor Günter Wallraff in seinem Buch „Ganz unten“ dokumentiert. Von den heute über drei Millionen in Deutschland lebenden Türken seien viele inzwischen eingebürgert. Dennoch würden sie als Arbeitnehmer meist „schlechter bezahlt“ oder hätten aufgrund ihres türkischen Namens „schlechtere Chancen“ auf dem Arbeitsmarkt. Zudem fühlten sich viele Muslime seit dem 11. September 2001 sowie dem Buch Sarrazin „pauschal abgelehnt“. Deshalb begrüßte er, dass „Integration seit 2007 auf der Tagesordnung der Politik“ stehe. Dass es „seit einigen Jahren eine Rückkehrwelle in die Türkei“, vor allem von gut ausgebildeten jungen Türkinnen und Türken gebe, sah er nicht als Vorteil für Deutschland, da „wir heute gut qualifizierte Arbeitskräfte brauchen“. Wie von Stadtrat Ludwig Frick (SPD) zu erfahren war, sind derzeit etwa 60 türkischstämmige Studenten an der Hochschule Kempten. Oberdörfer versäumte nicht, auf die Erfolge von türkischstämmigen Kabarettisten, preisgekrönten Filmen oder für deutsche Vereine spielenden Fußballern zu verweisen, mahnte aber auch „bessere Chancen auf Bildung“ für Kinder an, die aus wenig gebildeten Familien kommen. Am 27. März 1961 war der damals knapp 17-jährige Gültekin Schorr seiner Mutter nach Kempten gefolgt und „seit dieser Zeit bin ich hier“, berichtete er von seinen guten Erfahrungen. Eine „schon sehr kleine Familie“ sei der türkische Kreis in Kempten anfangs gewesen, erinnerte er sich. Als „nicht richtig“ befand er die Versuche der Deutschen, Türken „assimilieren“ statt integrieren zu wollen. Ein gewisser Stolz schwang in seinem Bekenntnis mit, als Mann islamischen Glaubens seine Nachbarin geheiratet zu haben und dass deren in die Ehe mitgebrachte Kinder römisch-katholisch erzogen worden seien. „Ich fühle mich hier als Kemptener sehr wohl, in der Türkei bin ich Türke“, nannte er sein Integrations-Rezept.

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