Viele Wege können zur inneren Berufung führen – drei Beispiele

"Man spürt in sich ein Verlangen"

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Es gibt viele Wege zu seiner Berufung zu finden: (v.li.) OB Thomas Kiechle und der „Kommissar mit Herz“, Carlos Benede.

Kempten – Kann der Mensch wirklich nur dann glücklich werden, wenn er seiner Berufung folgt? Gelesen hatte die Theorie Pfarrer Dr. Bernhard Ehler von St. Lorenz in einer Zeitschrift für Psychologie. Nach den sehr persönlichen Bekenntnissen seiner Podiumsgäste mag man der These gerne Glauben schenken. Deutlich wurde, dass Berufung in der Regel wohl als Zusammenspiel von innerem Drang und äußerem „Ruf“ zu sehen ist.

Vom Finden ihrer Berufung erzählten Gertrud Pesch, Äbtissin der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld, Carlos Benede, Autor des Buches „Kommissar mit Herz“ und seit 2015 hauptberuflich Leiter Jugendhilfeeinrichtung „Weitblick“ (www.weitblick-jugendhilfe.de) für schwer erziehbare und kriminelle Jugendliche bei Dachau, sowie OB Thomas Kiechle, der vor seiner Wahl zu Kemptens Stadtoberhaupt als Mittelschullehrer tätig war und, wie er offenbarte, nach dem Abitur zunächst mit einer Laufbahn als Priester geliebäugelt hatte. Stattdessen habe er – einst „Ministrant, dann Oberministrant und auch Vorsitzender im Pfarrgemeinderat in Lenzfried – aber geheiratet, drei Töchter und neben seiner Tätigkeit als Mittelschullehrer eine politische Laufbahn eingeschlagen; zunächst als Stadtrat – bis er einen Anruf – „Berufung“? – von der CSU bekommen habe, unvorbereitet im Auto: ob er sich vorstellen könne als OB zu kandidieren, was sich der „seit 20 Jahren Lehrer“ und das „sehr gerne“ erst nicht habe vorstellen können. Nun mache ihm das Amt aber „Spaß“, trotz der auch „großen Verantwortung, die ich spüre“. Es brauche Vorbilder, die einen dazu bewegen etwas aus seinem Leben zu machen, Vorbilder, wie die Eltern oder prägende Begegnungen, die einem etwas Neues erschließen.

Ein nachdenklicher, mitunter auch philosophischer Kiechle erzählte von seinen seit 1732 in Kempten (Reinharts) liegenden familiären Wurzeln, die immer „von Landwirtschaft geprägt“ gewesen seien; von seinem Vater, auch Bundesminister für Landwirtschaft, und davon, dass ihn dieser „zweifach geprägt“ habe: durch Pflichtbewusstsein, aber auch durch den „Blick auf die große Welt“. Er sah im Streben nach einem glücklichen Leben ein Grundbedürfnis des Menschen, was aber nicht durch Egoismus erreicht werden könne, sondern „da immer auch das Du ist“. Grundsätzlich dürfe man nicht vergessen, dass man „auf allen Ebenen eine Gemeinschaft braucht“, griff er Ehlers kritische Betrachtung auf, die einen Mangel an gegenseitiger Unterstützung bei den Menschen entlarvte. Besonders der Blick auf Europa mache ihn traurig und beschäftige ihn „sehr intensiv“, da er das, „was unsere Eltern und Großeltern als Vision aufgebaut haben“, in Gefahr sehe. Er wünschte sich ein stärkeres „Mitmachen“ der Bevölkerung. „Auch große und wichtige Entscheidungen können nicht nur von Politikern verantwortet werden“, da sie lediglich „den Rahmen geben können“. Die „immer direkten Auswirkungen“ kommunalpolitischer Entscheidungen und die Nähe zum Bürger „schafft eine unglaubliche Belastung“, zumal es „keine einzige Entscheidung ohne Widerstand“ gebe. Sein Rezept: möglichst viele Meinungen hören, Mehrheiten finden in der Politik, der Verwaltung und bei den Bürgern, alle zusammenbringen und hoffen, dass man am Ende die richtige Entscheidung treffe. „Es ist anstrengend, aber auch spannend.“

1958 als eines von sechs Kindern in einem Dorf in der Eifel geboren, musste Pesch ihre Berufung auf Umwegen finden, wenngleich „ich zum Herrn immer einen guten Draht hatte“. Als 16-Jährige war sie nach Trier gegangen, um Kinderkrankenschwester zu werden und den Beruf zehn Jahre lang auszuüben. Nach der Ausbildung allerdings habe sie „Gott fast aus den Augen verloren“, zugleich aber „gespürt, dass ich nicht mehr den Frieden in meinem Herzen hatte“. Nach ihrer erneuten Zuwendung zu Gott, habe sie gespürt, „er will mich ganz“. Wie ihr Vorbild Teresa von Avila sei sie hin und her gerissen gewesen zwischen Gott und dem weltlichen Leben, denn ihre Freiheitsliebe habe sie zunächst „wegrennen“ lassen. Nun sei sie seit 32 Jahren in Oberschönenfeld, wo sie nach ihrer Ordensprofess 1986 das Altenheim und die Küche und seit 2008 die Abtei leite. „Man spürt in sich ein Verlangen“, beschrieb sie das Gefühl der Berufung. Es sei wichtig, „dass man in sich hineinhört, dann merkt man auch, was nicht wahrhaftig ist“ und „Unruhe“ bringe. Als „meine Falle“ bezeichnete sie ihr Bedürfnis nach Harmonie. Deshalb bitte sie immerzu darum, „nicht wankelmütig zu werden“. Als Richtlinie müsse man so leben, „dass ich mir immer in die Augen sehen kann“ und dafür „müssen wir die Menschen lieben“ – auch die, „an denen ich mich reibe“. Denn gerade von denen „habe ich am meisten gelernt“, zum Beispiel „wo meine Verhärtungen sind“. Sie warnte, dass die Menschen verlernt hätten zusammenzuhalten, weil sie „zu lange zu gut gelebt“ hätten, „aber die Not rollt wieder massiv auf uns zu“.

Den kurvigsten Weg zur Berufung aber hatte Benede zu erzählen. Geboren in Immenstadt, wuchs er im Waisenheim der Dillinger Franziskanerinnen in Kalzhofen bei Oberstaufen auf, wo er entgegen aller Geschichten von Missbrauch in derlei Einrichtungen „eine schöne Kindheit“ verbracht habe. Es folgten eine Lehre zum Schuhverkäufer in München, Abendschule weiter bis zum Studium der Sozialpädagogik, eine Stelle als Erzieher von jungen „schweren Jungs“ bei Don Bosco. Auf Umwegen wurde er „quasi abgeworben“ und setzte seine Laufbahn bei der Kripo fort; zunächst im „konspirativen Bereich“ im Landeskriminalamt als verdeckter Ermittler, am Ende in den Bereichen Prävention und Opferschutz – „das war dann für mich der Punkt zu sagen, da bleib’ ich“. Bis letztes Jahr eben, als er trotz einiger Kommentare wie „Spinnst Du?“ seinen Beamtenjob aufgegeben habe, um sich voll den Jugendlichen im von ihm mit einigen Mitstreitern ins Leben gerufenen „Weitblick“ zu widmen. Zu seiner Entscheidung zu stehen, „auch wenn es gegen den Strom ist, das ist für mich Berufung“, betonte er. Zwei Mal hatte er in seiner Zeit beim Opferschutz mit Jungs zu tun, deren Mütter vor ihren Augen ermordet wurden und beide hat er adoptiert – Geschichten, die keinen im Saal kalt gelassen haben dürften. Entscheidungen des „Bauchmenschen“ Beneder, der mit ihnen in einer „Männer-WG mit Hund“ lebt. Was man mit denen mache, mit denen man eigentlich nichts mehr machen könne?“, fragte Ehler ihn nach seiner Arbeit im „Weitblick“. „Da sein, Mensch sein, auf Augenhöhe“, so Benedes Antwort. Zum Teil seien die Jugendlichen „schon tot therapiert worden“, verbarg er seinen Argwohn gegenüber Sozialpädagogen nicht. Um seinen Schützlingen unvoreingenommen begegnen zu können, würden die Akten über sie nicht gelesen. Stattdessen gebe man ihnen Geborgenheit, Sicherheit, Halt und Wertschätzung. Besonders wichtig sei aber gegenseitiger Respekt. „Wir schaffen das aus unserem Glauben heraus“, nannte er Don Bosco, „der für Straßenkinder da war“ ein Vorbild und „im weltlichen Bereich die Dillinger Franziskanerinnen“.

„Was kann helfen seinen Platz im Leben zu finden?“, wollte Ehler abschließend wissen. „Auf die innere Stimme hören“, meinte Pesch kurz und bündig. Kiechle kam der auch Einsiedler Benedikt von Nursia in den Sinn, denn es sei „nötig, dass man sich immer wieder Rückzüge schafft“ – alternativ zur Höhle zum Beispiel bei einer Bergtour. „Hör auf Dein Herz. Steh zu Deinen Entscheidungen. Tu das, was Dir gut tut. Amen“, schloß Benede. Immer wieder Zeit zur Reflektion des Gehörten boten die „leisen Töne“ des Gitarristen und Sängers Martin Odstrcil.

Christine Tröger

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