Herausforderung: Pflege in der Zukunft

Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Personal

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Diskutierten zum Thema Pflege: (v.l.) Jennifer Wörz (Geschäftsführerin Caritasverband Kempten-Oberallgäu), Dr. Benjamin Gilde (Hochschule Kempten), Josef Mayr (3. Bürgermeister und Vorstand Hospizverein), Grünen-MdL Ulli Leiner, Monika Nawrath (Diakonie)

Was zu Beginn der Podiumsdiskussion vergangenen Montagabend schon mehr oder weniger als Ahnung in der – ziemlich schwül-heißen – Luft lag, war am Ende der Gemeinschaftsveranstaltung von Diakonie und Caritas Gewissheit:

für eine würdevolle Pflege braucht es mehr Zeit, mehr Geld, mehr Personal und auch mehr Anerkennung. 

Mit der Grundfrage „Wie sieht Pflege in 20 Jahren aus?“ wurde – moderiert von Fabian Geyer – ein Thema angeschnitten, das nicht nur in aller Munde ist, sondern wohl Jede und Jeden direkt oder indirekt betrifft bzw. betreffen wird. Dabei geht es nämlich längst nicht nur um die Pflege alter Menschen, sondern zunehmend auch junger, zum Beispiel aufgrund einer MS-Erkran- kung. 

Zwar wird die Zahl alter Menschen bis zum Jahr 2030 laut einer Studie der Kemptener Hochschule „in Kempten stabil bleiben“, dennoch rechnet die Bereichsleiterin für ambulante Pflege der Diakonie, Monika Nawrath, bis in 15 Jahren mit rund einem Drittel mehr Pflegebedürftigen. Gleichermaßen geht sie davon aus, dass die dafür benötigten „Pflegekräfte fehlen werden“ – wie bereits heute 250.000. Woher nehmen? Und „wie konkurrieren wir mit attraktiveren Berufen?“, fragte sie. Da „junge Leute weniger werden“, wünschte sich Jennifer Wörz, Geschäftsführerin der Caritas Kempten-Oberallgäu, dass von politischer Seite Hürden, wie zum Beispiel Sprachbarrieren, für ausländische Arbeitnehmer reduziert werden. Aber auch eine kursierende Halbwahrheit stellte sie richtig: „Die Bezahlung für Pflegepersonal ist nicht so schlecht“, zumindest bei Diakonie und Caritas, für die sie sprechen könne. 

Das Einstiegsgehalt für eine Pflegefachkraft liege bei 2800 Euro bis dann 3600 Euro im Monat. Allerdings, räumte sie ein, arbeite wegen der hohen Belastung kaum jemand Vollzeit. Als „große Ressource und Chance für die Zukunft“, wertet Nawrath das ehrenamtliche Engagement „junger Rentner“. Sie missbilligte den einst „großen Trend“ stationäre Betten in Krankenhäusern abzubauen und dort die Leistungen herunterzufahren, „aber die häusliche Pflege wurde nicht ausgebaut“. 

Für Grünen-MdL Ulli Leiner, Sprecher für Gesundheit und Pflege, geht es nicht nur um Verbesserungen bei Bezahlung oder Arbeitsbedingungen, sondern vor allem darum, „langfristig neue Pflegeformen“ zu finden, bei denen Am Ende „alles aus einer Hand kommen muss“. Wie er einräumte, seien „viele gestartete Maßnahmen vom Bund nicht geeignet die Situation zu verbessern“. Als wichtig erachtete er die flächendeckende Durchsetzung von „Gesamtversorgungsverträgen“, für beispielsweise Heim und ambulanten Pflegedienst eines Trägers, während er die „Minutenpflege“ als „Unding“ bezeichnete, klarstellte, dass „Ehrenamt seine Grenzen hat“, Verbesserungsbedarf auch in der Palliativversorgung anmahnte und kriti- sierte: „das Konkurrenzverhalten zwischen Einrichtungen ist falsch“. Für die Ausbildung wünschte er sich das duale System. 

„Neue Orte der Pflege“ brachte Dr. Benjamin Gilde, an der Hochschule Kempten zuständig für den neuen Studiengang Geriatrie, mit Demenz- und Senioren-WGs ins Spiel und machte sich zugleich stark für „akademisierte Pflegeberufe“, wie schon lange üblich zum Beispiel in Skandinavien oder Australien. Dabei gehe es nicht darum, „dass jede Pflegekraft einen Bachelor hat“, sondern vielleicht zehn bis 20 Prozent. Wörz sah darin zwar „prinzipiell eine gute Möglichkeit“, fragte sich aber zugleich, „wie das höher qualifizierte Personal bezahlt werden soll“.

Auf breite Skepsis im Saal und auf dem Podium stießen Senioren-WGs, nicht zuletzt weil Menschen mit zunehmendem Alter „eigener“ werden. Einige Senioren-WGs, die seines Erachtens Pflegeheime auch nicht ersetzen können, „haben sich bereits wieder aufgelöst“, berichtete 3. Bürgermeister und Vorstand des Hospizvereins Josef Mayr von seinen Erfahrungen: sobald ein Bewohner der Ursprungs-WG wegfalle und nachbesetzt werden müsse, funktioniere die Gruppe nicht mehr. „Vielleicht ist die Zeit noch nicht ganz reif für Senioren-WGs.“ Als positiven Aspekt von Pflegediensten auch vor Ort oder dem Angebot der Tagespflege sah er, dass „die Aufnahme in Pflegeheimen heute im Durchschnitt mit 87 Jahren“ stattfinde, also erst dann, wenn die Pflege zu Hause nicht mehr bewältigt werden könne. 

Kempten sah er mit „sechs großen Pflegeheimen“, mehreren großen Trägern, „sehr engagierten“ häuslichen Pflegevereinen im ländlichen Bereich sowie einem auch mobil tätigen Hospiz gut aufgestellt. Auf ärztliche Verordnung kommt darüber hinaus auch ein Palliativteam ins Haus. Als „eine ganz wichtige Entlastung für pflegende Angehörige“ nannte Nawrath die Tagespflege, bei deren Inanspruchnahme sich seit Anfang dieses Jahres die „Pflegesätze verdoppeln“. 

Wohl eine der wichtigsten Fragen stellte die Zuhörerin Christine Buschbeck: „Was ist der Gesellschaft eine gute Pflege wert?“ Renten würden immer weniger und der Einzelne könne sie schon jetzt nicht mehr bezahlen ohne Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen. „Die Pflegeversicherung ist viel zu wenig“, kündigte Leiner an, dass „eine Steigerung kommen wird“, und jeder mehr zahlen müsse. Die Beiträge dürften aber nicht mehr vom Einkommen abhängig sein. Dass das mit den höheren Beiträgen „irgendwann nicht mehr geht“, vor allem bei jemand, der Grundsicherung hat, machte SPD-Stadträtin Ingrid Vornberger aus den Zuhörerreihen deutlich. Junge Leute sollen ja schon teure Kitas bezahlen, in Altersvorsorge und einiges mehr investieren und hätten oft genug schlecht bezahlte Jobs. 

Auf ein anderes Problem wies Robert Treffler von der BSG- Allgäu hin: „Immer mehr älte-re Menschen haben keine fa-miliäre Bindung mehr“ und auch niemand, „der sie beerdigt“. Christine Tröger

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