Bahnverbindungen im Allgäu

Schuld sind die anderen

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„Es ist mir wurscht, wie und wo und was, ich wünsche mir für die Bewohner des Allgäus, das die Dinge hier voran gebracht werden”. Deutliche Worte von OB Dr. Ulrich Netzer (stehend) muss sich Bahnbevollmächtigter Klaus-Dieter Josel (2.v.r.) anhören. Dr. Gerd Müller (v.r.), Stefan Schnell und Stephan Stracke hören zu.

Kempten/Allgäu – Das Allgäu entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr von einer landwirtschaftlichen Region hin zu einer Gegend mit starkem wirtschaftlichem Wachstum. Nicht mitgewachsen im Wachstumsprozess ist dabei die gesamte Infrastruktur, vor allem der Schienenverkehr.

Wie hier Abhilfe geschaffen werden kann, diskutierte der Kemptener Bundestagsabgordnete Dr. Gerd Müller (CSU) am Freitag in der „Denkfabrik” mit einem prominent besetzten Plenum.

Im Allgäu wird noch mit der guten alten Diesellok gefahren, die Fahrtgeschwindigkeit erlaubt es auf manchen Strecken ohne Halt sicher auf- und abzusteigen und die vielen kleinen Stationshäusle mit Milchkannen davor könnten Fahrgäste dazu verführen, sich in einer Art „Eisenbahnidylle” zu wähnen. Dem ist nichten so, denn die Ansprüche der Einheimischen, wie der Touristen an eine moderne Bahn sind im Laufe der Jahre gestiegen. Und so gibt es viel Unmut über die obligaten Verspätungen, mangelnde Anbindung an Metropolregionen und langsame Fahrtgeschwindigkeiten.

Das alles ist dem Staatssekretär Dr. Gerd Müller wohl bekannt. Daher lud er die Verantwortlichen der Bahn, der Bayerischen Eisenbahngesellschaft und Vertreter aus Kommunen, Land und Bund zu einer Dialogrunde ein.

Ersten Unmut im Rahmen der Veranstaltung äußerte Müller selbst, als er das unentschuldigte Fernbleiben der Bayerischen Eisenbahngesellschaft rügte. Ferner wünschte er sich eine Diskussion über Parteigrenzen hinweg und mahnte dann die Abarbeitung einer Mängelliste an. Nach wie vor bereitet die Elektrifizierung und der Ausbau der Strecke Zürich-Lindau-Memmingen-München finanzielle und terminliche Probleme. Das Allgäu bezeichnete Müller in diesem Zusammenhang als „Dieselloch”. Er mahnte den Einsatz und die Funktionstüchtigkeit der von der Bahn seit 2011 eingeführten Neigetechnik-Züge ebenso an wie die versprochene schnelle Verbindung von Kempten nach München. Darüber hinaus sprach Müller die vielen kleinen Rädchen im Getriebe des Schienenverkehrs der Bahn an. „Wir sind mit unseren rund 500 000 Einwohnern und einer starken Wirtschaft nicht eine Nebenstrecke der Republik”, so ein verärgerter Staatssekretär.

Unterstützung von Stracke

Zweiter Redner war der Kaufbeurer CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke. Stracke schloss sich den Ausführungen und Forderungen seines Vorredners an und hob besonders die Lage des Allgäus zwischen den Metropolregionen Stuttgart, München und der nördlichen Schweiz hervor. Weiter zitierte er in Anspielung auf finanzielle Problem beim Streckenausbau Lindau-München Bundesverkehrsminister Ramsauer mit den Worten: „Am Bund scheitert die Finanzierung nicht.” Nach soviel Kritik erhielt Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Bayern, das Wort. Dieser sah naturgemäß die Dinge anders. „Wir haben eine Zustimmungsquote bei unseren Kunden von rund 71 Prozent in der Region”, so Josel und legte den Fokus zuerst auf die Verantwortungsstruktur: Wer zahlt was? Denn eines müsse klar sein: Die geforderten Maßnahmen würden zu höheren Kosten führen. Josel verwies auf ein Schienennetz von 6000 Kilometer in Bayern, von dem lediglich 2600 noch nicht elektrifiziert seien. Zudem versprach er den erschienenen Bürgermeistern, dass die Strecke Zürich-Lindau-Memmingen-München bis spätestens 2019 fertig gestellt sei. Dies sei erforderlich, da sonst die von der Schweiz zugesagten finanziellen Mittel von 50 Millionen Euro für dieses Projekt nicht bereitgestellt würden.

Keine finanzielle Hilfe

Zugestehen musste Josel Probleme bei den Neigetechnik-Zügen, die zum Teil Schäden an den Radsätzen aufweisen. Allgemein beurteile er aber den Fahrgastbetrieb der DB im Allgäu als zufriedenstellend. Abschließend fand Stefan Schell vom Bayerischen Wirtschaftsministerium Gehör bei der Zuhörerschaft. Schell zeigte sich zuversichtlich, dass laufende Projekte ihr geplantes zeitnahes Ende finden und verwies nochmals auf die absolute Priorität der Neubaustrecke von Zürich nach München. Konkurrienden Streckenausbauten wie Buchloe-Kempten versprach Schell daher keine finanziellen Hilfen.

Kemptens OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) sprach in der anschließenden Diskussion gleich direkt den DB-Konzernbevollmächtigten Josel an und machte seinem Unmut Luft. „Versprechen, Vertrösten, Verteuern, Verschieben”, das sei sein Fazit aus langjähriger Zusammenarbeit mit der Bahn. „Wir haben den Eindruck, vernachlässigt zu werden”.

Das waren nicht die einzigen harschen Worte die sich Klaus-Dieter Josel anhören musste. Es gab Dutzende Wortmeldungen, insbesondere von kommunalen Vertretern, die ihr Leid klagten, aber auch Lösungsvorschläge anbrachten. „Wichtig ist es, dass wir im Allgäu mit unseren Bahnprojekten in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen werden, sonst ist der Zug nämlich abgefahren”, so der heimische FDP-Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae. Dieser Aussage schloss sich am Ende auch Müller an, der alle aufforderte, parteiübergreifend hier für das Allgäu zu wirken.   Jörg Spielberg

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