Politik des billigen Geldes

Was sind die Folgen der Wirtschaftskrise in unserer Region und für unser Leben? Gehen wir mit Angst oder Zuversicht in die Zukunft? Ein Thema, das derzeit viele Menschen bewegt und dem sich die überkonfessionelle Gruppe „Initiative Gebet“ am vergangenen Mittwoch angenommen hat. Der Diskussion mit rund 200 Gästen stellten sich auf dem Podium Bernhard Simon, Geschäftsführer der Firma Dachser, der auch die Gastgeberrolle in der Kemptener Hauptniederlassung erfüllte, sowie Herbert Singer, Geschäftsführer der Sozialbau und Prof. Dr. Jörg Altmann, Wirtschaftsethiker an der Universität Eichstätt.

Als Symbol für die aktuelle Wirtschaftskrise diente dem Hausherrn das Bild eines Gletschers, an dem meist nur das „leicht sichtbare wahrgenommen wird“, nämlich das Abschmelzen, nicht aber die ebenso vorhandenen Wachstumszonen. Vor allem Unternehmern stelle sich in der Krise die Frage, ob Angst überwiege, oder ob sie uns „auch Chancen gibt, die wir darin entdecken können“. Das heute 18000 Mitarbeiter zählende Unternehmen mit mehr als 40 Niederlassungen weltweit, sei inmitten der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre gegründet worden, sah Simon darin einen der Gründe, auch aus dieser Krise „gestärkt heraus zu gehen“. Entgegen dem allgemein propagierten Glauben, „dass man über Schulden Werte schaffen kann“, müsse die Eigenkapitalquote der Firma Dachser zudem „immer mindestens 30 Prozent ausmachen“, nannte er einen weiteren Stabilitätsfaktor. „Die Prinzipien, die uns stark gemacht haben, werden wir auch weiter tragen“, zeigte Simon der Krise, die auch vor dem eigenen Unternehmen nicht halt machen werde, optimistisch die Stirn. Und dazu gehöre Integrität und Werte des Unternehmens zu fördern, die nicht nur leere Worte sein dürften, sondern Orientierung geben müssten. So werde weiterhin aus- und weitergebildet und die „sinnstiftende“ Einbindung der Mitarbeiter in das Unternehmen fördere die gegenseitige Loyalität, wobei Simon einen großen Vorteil in der Struktur eines Familienbetriebes sah. Weiterhin Sicherheit „Nachhaltiges Wirtschaften“ sei auch bei der Sozialbau programmatisch, betonte Herbert Singer, wodurch man den Mitarbeitern und 13000 Bewohnern der Sozialbau-Immobilien auch weiterhin Sicherheit bieten könne. Gehe es der Sozialbau mit Mietausfällen unter einem Prozent noch „sehr gut“, müsse man in Zukunft allerdings mit mehr Zahlungsschwierigkeiten rechnen, räumte er ein. Zwar könne man die „Miete nicht erlassen“, aber die Menschen „aktiv begleiten“, um die sozialen Möglichkeiten zu finden und zu nutzen. Da der Immobilienmarkt in Deutschland „ganz stabil war“, sah er das Problem eher in einer „Infektion“ durch die faulen Papiere. Auch wenn es die Situation momentan nicht verbessere, müsse es ein Stück Gerechtigkeit geben, um „den Glauben an unsere soziale Marktwirtschaft wieder herzustellen“, stellte er fest. Vorbildlich befand er, dass zumindest einige Politiker Verantwortung gezeigt und „den Hut genommen haben“. Die Krise müsse „von frischen Kräften aufgearbeitet werden“, zeigte sich Singer überzeugt. Eine weitere Politik „des billigen Geldes“ halte er für gefährlich. Es sei Zeit, sich „auf das kleine Einmaleins zu besinnen“, auf Bodenständigkeit und die Bedeutung von nachhaltigem Wirtschaften. Althammer prognostizierte zwar, dass die Krise „auf die Realwirtschaft und Beschäftigung erst noch durchschlagen wird“. Dafür sei die Finanzkrise durch das „beherzte Handeln der Politik“ möglicherweise aber bereits überwunden. Die Krise sei seiner Ansicht nach nicht ausschließlich auf „einzelnes Fehlverhalten“ zurückzuführen, sondern vielmehr auf ein Versagen der Ratingagenturen, die nicht erkannt hätten, dass sich ein „systemisches Risiko zusammenbraut“. Es stelle sich momentan die Frage, ob nicht der Punkte erreicht sei, an dem sich „die Politik aus Wirtschaftsinterventionen zurückziehen sollte“, da es sonst zu einer „Wettbewerbsverzerrung“ käme. Inflationäres Potenzial Die Mähr von gesättigten Märkten wollte er nicht gelten lassen, denn „die Wünsche sind immer größer“ als was man habe. „Wir müssen darauf achten, Feuer nicht mit Feuer zu bekämpfen“, antwortete er auf Bedenken aus dem Publikum, ob das alles mit unserem Währungssystem zu bewältigen sei. Es werde durch die zunehmende Verschuldung zwar ein „inflationäres Potenzial“ aufgebaut. Aber das müsse „nicht zwangsläufig zu einer Währungsreform führen“.

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