"Präzisere Ergebnisse"

In leuchtendem Rot und blank poliertem Metall steht der Zenturio regungslos am Eingang des Archäologischen Parks Cambodunum (APC). Fast könnte man meinen, es handle sich um eine Statue, aber dann plötzlich bewegt er sich doch und nimmt die Tickets der APC-Besucher in Empfang. In der sehr authentischen Gewandung – oder besser gesagt Rüstung – steckt Wolfgang Sollner, Mitarbeiter des Kulturamts und Aufsicht im APC. Er hatte nicht nur die Idee dazu, sondern ergriff auch Initiative. Seit Juli schlüpft er nun in die römische Kluft und ist seither „bestimmt schon 100 Mal fotografiert worden“, wie er von der durchweg positiven Resonanz seitens der Besucher berichtet.

Originalfunde aus Mainz hätten die Vorlage für die Rüstung nach der Augustuszeit geliefert, die Sollner bei einem Hersteller in Italien aufgetrieben hat. „In Kempten gab es noch keine Rüstungsfunde, da Cambodunum eine reine Zivilstadt gewesen ist“, erklärt er. Beeindruckend blitzt das Zubehör der rund 30 Kilo schweren Rüstung mit Brust- und Schulterpanzer, Helm und Beinschienen. Die wollene Tunika darunter „ist immer rot gewesen“, hat Sollner auch Details parat. Weitere neun Kilo bringt das Schild aus mehrschichtigem Holz auf die Waage. Nicht gerade wenig, was ein Zenturio seinerzeit auf Märschen von 20 bis 25 Kilometern pro Tag zu schleppen hatte. Mit Gepäck kämen da schnell 45 Kilo zusammen, schätzt Sollner. Lediglich der Büschel am Helm und der Umhang seien Merkmale für die Kluft eines Kohortenführers. Die restliche Rüstung sei identisch mit der der unterstellten Legionäre. Gefürchtete Stichwaffe Seinen Gürtel zieren für einen Mann des Militärs wichtige Utensilien: Ein kurzes Schwert (gladius), „von den Germanen als reine Stichwaffe im Nahkampf gefürchtet“. Daneben ein Offiziersdolch, der den Legionären zur Selbstverteidigung diente. Die rechte Hand umklammert ein mächtiges Pilum, einen Wurfspeer mit enormer Durchschlagskraft, wie er betont. Und selbst die offenen, geschnürten Sandalen sind an den Sohlen „echt römisch genagelt“, zeigt er auf die dicken, mit Metallköpfen übersäten Ledersohlen. Für die Nutzung als Militärstiefel „waren sie so länger haltbar“, verdeutlicht er. Neues gibt es auch von den archäologischen Grabungen auf dem Cambodunum-Gelände zu berichten. Seit Anfang August ist das Team um den archäologischen Grabungstechniker Ernst Sontheim mit dem als „Insula III“ bezeichneten Abschnitt in der heutigen Thermenstraße beschäftigt. Die Funde der zum Teil schon in nur 40 Zentimetern Tiefe befindlichen römischen Mauern dienen laut Sontheim „vor allem zur Neubewertung von bisher Bekanntem, besonders aber der Überprüfung und Neuaufmessung bereits vorhandener Vermessungsdaten“. Soll heißen, dass die alten Pläne müssen um zweieinhalb bis drei Meter korrigiert werden. Überraschend sei das allerdings nicht, erklärt er. Schließlich beruhe die bislang angenommene räumliche Lage der einzelnen Insulae auf der lediglich zeichnerischen, vermessungstechnisch jedoch nicht überprüften Zusammenstellung von Plänen der jeweiligen Baukörper aus zahlreichen Einzelgrabungen der Jahre um 1911 in diesem Teil Cambodunums. Moderne Messmethoden, über die die damaligen Erstausgräber noch nicht verfügten, lieferten da schon präzisere Ergebnisse und ermöglichten steingetreue Baubefundzeichnungen im Maßstab 1:20“. Mit besonderen römischen Fundstücken, die über das zu erwartende Spektrum hinausgingen, könne man hier bisher dafür nicht trumpfen, betont er das Grabungsziel, mehr über die Lage der Häuser zu erfahren. „Wie weitläufig die gesamte Siedlung war, weiß man nicht“, meint er, da sich sämtliche Grabungen bislang einzig auf den Kernbereich erstreckt hätten. Untersuchungen mit zerstörungsfreien, physikalischen Methoden, wie beispielsweise Infrarotprospektion, Bodenradar oder Magnetfeldmessungen, seien nur in der Wiese möglich, nicht aber in dem heute dicht bewohnten, mit modernen Rohren und Leitungen durchzogenen Gebiet. Mietwohnung zu haben Die Insulae könne man sich vorstellen wie „gruppenweise aneinander gebaute Reihenhäuser“, gibt Sontheim Hilfestellung. Meist zweigeschossig, hätten sie bei einer Raumhöhe von circa dreieinhalb Metern und dem Satteldach eine Gesamthöhe von acht bis neun Metern erreicht. „An der Stirnseite der Häuser waren entlang der Straße oftmals kleine Läden“ mit Händlern, Handwerkern, Schreibern und ähnlichem. Auch Mietwohnungen habe es gegeben, meist einzelne Zimmer, im rückwärtigen und/oder oberen Teil des Hauses gelegen, erläutert er.

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