Premiere mit Vorführeffekt

Um Züge mit Neigetechnik fahren zu dürfen, müssen Lokführer für die Geschwindigkeitsüberprüfung eine zweitägige Ergänzungsausbildung mit schriftlicher Prüfung absolvieren. So wie Triebfahrzeugelektriker Herbert Kirchmann. Fotos: Tröger

„Erleben Sie, wie sich Neigetechnik anfühlt“, lud Bärbel Fuchs, Marketing-Geschäftsleiterin der DB Regio Allgäu-Schwaben, die prominenten Gäste der Sonderfahrt Kempten–Lindau am Dienstag zur Vorstellung der neuen Neigetechnik (NeiTech)-Züge im Allgäu ein. Zumindest bei der Hinfahrt klappte es mit der Vorführung der sich je nach Schienenführung nach links oder rechts wiegenden Waggons. Als „Vorführeffekt“ musste die Neuerung auf der Rückfahrt wegen einer Sensor-Störung – laut Bahn natürlich ein höchst seltener Fehler – aber abgeschaltet werden. Die Fahrgäste nahmen es mit Humor und zeigten sich begeistert.

Gegenüber dem KREISBOTEN sprach Staatssekretär Dr. Gerd Müller (CSU) gar von einem „Quantensprung“, an dem man „15 Jahre gearbeitet hat“. Für Pendler wünsche er sich abends und morgens nun noch den Einsatz von „Sprinterzügen“. „Pudelwohl“ fühlte sich der Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae (FDP), der dem KREISBOTEN augenzwinkernd versicherte „einen robusten Magen“ zu haben und „öfter Beifahrer seiner Frau“ zu sein. Dass sich die NeiTech-Züge ähnlich wie ein Motorradfahrer in die Kurve legen, für ihn also offensichtlich kein Problem. Vielmehr lobte er die Verbesserungen hinsichtlich Schnelligkeit, gutem Service, gutem Wagenmaterial und auch der Vernetzung zugunsten einer besseren Anbindung am bisherigen „Problempunkt Ulm“. Eine „kleine Revolution“ nannte Fuchs die Einführung der Neigetechnik in DB Regio-Zügen, wodurch ein Fahrplan angeboten werden könne, „der unsere Kunden begeistern wird“. Bei unverändertem Fahrkomfort für die Reisenden ermöglicht sie eine Geschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern. Ab diesem Samstag verkehren sie auf der Strecke Augsburg-Kempten-Lindau. Bahnreisenden empfahl Fuchs den aktuellen Fahrplan anzuschauen, da sich einiges verändert habe. Zum Beispiel bessere Verbindungen und kürzere Reisezeiten vom Allgäu über Ulm ins Rheinland oder Rhein-Main-Gebiet (30 bis 90 Minuten Zeitersparnis) sowie bessere Anschlüsse von und zu den ICE-Zügen in Augsburg. Mit dem neuen Fahrplan seien, so Fuchs, die NeiTech-Züge auch modernisiert und unter anderem mit Kinderbereichen ausgestattet worden. Nach Angabe von Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter für Bayern, sind über 100 Millionen Euro in die Schieneninfrastruktur investiert worden. Laut Bahn wurden Gleise und Bahndämme saniert, das Schienennetz im Allgäu gerüstet, die erforderliche Signaltechnik installiert und Bahnübergänge auf der 150 Kilometer langen Strecke der höheren Zuggeschwindigkeit angepasst. „Das Netz ist fit für die Zukunft“, zeigte sich Josel zufrieden, das seit Ende der 1990er diskutierte Projekt zum größten Fahrplanwechsel seit 1993 geschafft zu haben. Rund 64 Millionen Euro habe die DB Regio Bayern in die Technik investiert, rund 50 Prozent davon aus staatlichen Zuschüssen, erklärte Thomas Helmrich, DB Regio Bayern-Regionalleiter Finanzen/Controlling. Schneller ans Ziel kommen Reisende künftig unter anderem auf den Strecken Lindau–Augsburg (30 Minuten schneller, Fahrtzeit knapp zwei Stunden), Kempten–Lindau (zehn Minuten schneller), Kempten–Augsburg (15 Minuten schneller, Fahrtzeit unter einer Stunde). Triebfahrzeugelektriker Herbert Kirchmann, der die Sonderfahrt des Neigetechnikzuges vom Typ VT 612 am Dienstagvormittag steuerte, räumte ein, dass es manchmal „Leute gibt, denen es übel wird“. Er selbst merke nur etwas „wenn ich rückwärts sitze“.

Meistgelesene Artikel

Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Kempten – Am Freitag, 20. Januar 1928, um 8 Uhr morgens, fand im Hofe des Landgerichtsgefängnisses in der Weiherstraße die letzte Hinrichtung in …
Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Immigration: "Deutschland ist nicht attraktiv"

Kempten – Die Johannesgemeinde aus dem Kemptener Westen hatte vergangene Woche zur Veranstaltung „Bedingungen für eine erfolgreiche Migration nach …
Immigration: "Deutschland ist nicht attraktiv"

Kemptener Kulturprogramm für 2017

Kempten– Das leuchtende Mittelalter, Freimaurerei, Picassos „Guernica“, eine ganze Aktionswoche in Kooperation mit dem Logistiker Dachser SE sowie …
Kemptener Kulturprogramm für 2017

Kommentare