Prof. Dr. Heiner Flassbeck erläutert die Hintergründe zur Euro-Krise

"Der Monetarismus ist tot"

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Der Einladung des Volkswirtschafts-Professors der Hochschule Kempten, Prof. Dr. Raimund Schweighoffer (re.), gefolgt war sein Wirtschafts-Wissenschafts-Kollege und ehemaliger Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, Prof. Dr. Heiner Flassbeck.

Kempten – Für Betriebswirtschaftsstudenten der Hochschule Kempten, die relativ regelmäßig die Vorlesungen von Prof. Dr. Raimund Schweighoffer besuchen, gehören die Vertreter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik zum Basiswissen: Der britische Ökonom, Politiker und Mathematiker John Maynard Keynes, das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, einer der „5 Wirtschaftsweisen“, Prof. Dr. Peter Bofinger und der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Prof. Dr. Gustav Horn. Einer aber hat es dem Kemptener Volkswirtschaftsprofessor besonders angetan und so war es nur eine Frage der Zeit, bis er diesen für einen Vortrag nach Kempten holen konnte: der ehemaligen Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, Prof. Dr. Heiner Flassbeck.

In weiser Voraussicht hatte sich Professor Schweighoffer für diesen Abend das Audimax, den größten Hörsaal der Hochschule Kempten, reservieren lassen. Denn es sollte eng werden: Die Anwesenheitsquote der StudentInnen war gut. Dazu gesellten sich Professoren der Hochschule und Gäste, deren Studentenleben schon ein paar Jahre zurücklag. Und so mussten zahlreiche der 400 Zuhörer mit einem Sitzplatzprovisorium auf der Treppe oder einem Stehplatz vorlieb nehmen. Prof. Schweighoffer zeigte sich hoch erfreut über den regen Zuspruch und überließ nach einer kurzen Einführung seinem Wissenschaftskollegen das Rednerpult.

„Heute Abend soll es nicht nur um die Geschichte der Eurokrise gehen sondern auch um die ökonomische Theorie, die dahinter steckt“, leitete Prof. Flassbeck seinen Vortrag „Eurokrise – die unendliche Geschichte?“ ein. „Man muss die Ideen verstehen, um zu verstehen, warum etwas richtig oder falsch läuft“, setzte Flassbeck zu deutlichen Worten in Richtung Politik an. Der Politik attestierte Flassbeck ein flächendeckendes Unverständnis für die Ursachen der Probleme. In drei Teile gliederte Flassbeck seinen Vortrag: 1. Analyse und Bewertung der aktuellen wirtschaftlichen Lage – 2. Hintergründe und Ursachen der Probleme – 3. Wege aus der Krise.

Mit Blick auf die Daten der industriellen Produktion im Euro-Raum – einem wichtigen Merkmal für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit – verdeutlichte Flassbeck, dass sich Europa in einer wirtschaftlichen Stagnation befinde. Auf den deutlichen Rückgang in den Jahren 2008 und 2009 folgte eine schwache Erholung. Seit 2011 registriert Flassbeck eine Entwicklung, die einen Stillstand darstelle: „Selbst Deutschland, das Land von dem Alle sagen es boomt wie verrückt, stagniert – auf einem höheren Niveau als die andern Länder, aber es stagniert.“ Für die wirtschaftliche Gesamtsituation in der EU müsse man zu Kenntnis nehmen, dass es Europa nicht schaffe die Rezessionsphase zu verlassen. Das was derzeit für die südeuropäischen Länder als Aufschwung interpretiert werde verdiene diese Auszeichnung nicht: „Aufschwünge die man mit der Lupe suchen muss, sind keine Aufschwünge“, interpretierte Flassbeck nüchtern die offiziellen Statistiken.

Wie brisant die Situation tatsächlich sei, vermitteln die Zahlen zur Erwerbslosigkeit von Personen unter 25 Jahren: Schweden: 19,6 Prozent – Finnland: 23,7 Prozent – Frankreich: 24,5 Prozent – Italien: 40,7 Prozent – Griechenland 48,3 Prozent – Spanien: 48,8 Prozent. Ein deutlicher Hinweis, dass es real keinen Aufschwung gebe, sei die Zinspolitik der amerikanischen Zentral-Bank, der Federal Reserve: Seit dem 16. Dezember 2008 verharre der Leitzins der USA bei 0,25 Prozent. Ein real existierender Aufschwung würde sich in einem steigenden Leitzins niederschlagen. Nachdenklich müssten auch die sinkenden Erzeuger- und Verbraucherpreise stimmen. Beides seien deutliche Signale für eine Deflation.

Im Anschluss an die Ist-Analyse widmete sich Flassbeck den Ursachen der gegenwärtigen Probleme. Ein Problem seien Theorien, die von der Praxis widerlegt seien, und in diesem Zusammenhang müsse die wirtschaftstheoretische Konzeption des Monetarismus hinterfragt werden. „Der Monetarismus ist die einfache Lehre, dass wenn man irgendwo Geld in ein System hineinsteckt – so wie es die Europäische Zentralbank derzeit tut – die Preise steigen und dabei Inflation herauskommt“, erläuterte Flassbeck. Derzeit kaufe die EZB fleißig Staatsanleihen auf und sorge für ein gigantisches Geldmengenwachstum. Doch statt der sich theoretisch daraus ergebenden Inflation sei Europa mit einer Deflation konfrontiert. „Die Erkenntnis aus diesen Fakten liegt auf der Hand: Der Monetarismus ist Fiktion – der Monetarismus ist tot. Die großen Notenbanken haben dies bereits realisiert“, gab Flassbeck zu bedenken. Das große Problem der Europäischen Währungs-Union sei, dass diese auf dem Fundament des Monetarismus aufgebaut sei und dieses Fundament nun instabil werde. Als weiteres Element der Instabilität machte Flassbeck die Theorie zum neoklassischen Arbeitsmarkt aus: „Wenn die Löhne hoch sind, dann steigt die Arbeitslosigkeit, wenn die Löhne sinken, dann geht die Arbeitslosigkeit zurück – so sieht das die Mehrheit der neoklassischen Ökonomen.“

Statt der Geldmenge schlug Flassbeck das Verhältnis aus Lohnstückkosten und Produktivität als Indikator für die Inflation vor. Demnach haben Griechenland, Spanien und Portugal über ihren Verhältnissen gelebt. Die Lohnstückkosten seien zu hoch, die Produktivität zu niedrig gewesen. In diesem Sinne bestätigte Flassbeck die Kritik das IFO-Chefs Prof. Dr. Hans-Werner Sinn an den Südeuropäern. Konsequenter Weise müsse Sinn dann aber auch Deutschland kritisieren, denn Deutschland habe sich im Verhältnis zu seiner Produktivität zu niedrige Löhne gegönnt. Dieses Ungleichgewicht habe in Folge dazu geführt, dass die Preise für Produkte aus Deutschland im Verhältnis zu den Preisen für Produkte aus anderen europäischen Ländern weniger stark gestiegen sind. Der Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen müsse somit gleichzeitig als Wettbewerbsnachteil der Unternehmen in unseren Nachbarländern betrachtet werden.

Die Forderung von Hans-Werner Sinn nach einer europaweiten Lohnsenkung von 20 Prozent bezeichnete Flassbeck als „grandiosen Unsinn“ – im Gegenzug forderte er deutliche Lohnerhöhungen. Und zwar in Deutschland. „Wenn wir fleißig produzieren, dann sollten wir auch entsprechend konsumieren – das kann aber nur funktionieren, wenn die Löhne ebenfalls steigen“, lautete sein Lösungsansatz. Die höhere Produktivität Deutschlands müsse sich nicht zwangsläufig in reinem Mengenwachstum niederschlagen. „Wir können auch anders wachsen – ökologisch vernünftig, klima- und umweltverträglich“, bot Flassbeck als Vorschlag an. Als kontraproduktiv stufte er den sinkenden Ölpreis ein und setzte seine Kritik an der Politik fort: „Leider bejubeln das inzwischen ja sogar die Grünen.“

Auf die Frage aus dem Publikum, wann es in Deutschland eine neue Währung geben wird, antwortete Flassbeck: „Nicht Deutschland wird aus dem Euro aussteigen, sondern andere Länder. Was, wenn Frankreich unter einer Präsidentin aus dem Euro aussteigt? Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch.“ Trübe Perspektiven. Passend zur Jahreszeit.

Michael Schropp

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