Prozess zum Koks-Skandal

Herkunft der Drogen bleibt weiterhin im Nebel

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Der Angeklagte Armin N. (Mitte) mit seinen Strafverteidigern Wilhelm Seitz (re) und Alexander Chasklowicz (li).

Kempten – So, wie sich die Zuhörerreihen im Verlauf des zweiten Prozesstages im Verfahren gegen den Ex-Chef der Kemptener Drogenfahndung Armin N. immer wieder lichteten, büßte das Gericht aus Sicht vieler Beobachter weiter an Glaubwürdigkeit ein.

Hatten die Absprachen für einen möglichen „Deal“ im Vorfeld des Prozessauftakts bei Vielen bereits für Missmut und Vertrauensverlust in die Rechtsprechung gesorgt, so hagelte es am zweiten Prozesstag, vergangenen Freitag, erneut scharfe Kritik. Diesmal, weil Richter Thorsten Thamm die Öffentlichkeit während der Befragung des psychiatrischen Sachverständigen vor die Tür verwies und selbiges auch gleich für die auf vergangenen Montag (nach Redaktionsschluss für diese Ausgabe) angesetzten Plädoyers vor der Urteilsverkündung ankündigte. Ein Bonus, den „normale“ Angeklagte nach Ansicht einiger Prozessbeobachter in der Regel nicht bekämen. Laut Robert Kriwanek, Pressesprecher am Kemptener Landgericht, dagegen ein generell nicht unüblicher Vorgang bei Sexual- delikten, der dem Schutz der Privatsphäre des Opfers diene und eine Abwägungsentscheidung der Kammer mit den Schöffen sei. Im vorliegenden Fall seien einfach „Sexualleben und Betäubungsmittel nicht zu trennen“.

Wie mehrfach berichtet umfasst die Anklage gegen Armin N. unter anderem Drogenbesitz – 1,8 Kilo Kokain wurden in seinem Dienstspind gefunden – sowie Vergewaltigung und massive Gewalt. Laut einer Polizeibeamtin, die als erste Zeugin aussagte, sei seine Ehefrau völlig aufgelöst gewesen und habe gegenüber dem behandelnden Arzt geäußert große Angst zu haben.

"Er wirkte einfach cool"

Die Anspannung des ersten Prozesstages war dem Angeklagten vergangenen Freitag nicht mehr anzumerken. Das deutlich geringere Blitzlichtgewitter der Medien schien ihn diesmal eher zu nerven. Lediglich zu Beginn der Verhandlung kämpfte er offensichtlich mit seinen Emotionen, als ein von ihm nach zehnwöchiger Haft verfasster Entschuldigungsbrief an seine Frau verlesen wurde. Insgesamt machte er eher einen oftmals gelangweilten Eindruck, oder auch einen, wie ihn die dritte Zeugin, eine Polizeibeamtin, zum Zeitpunkt der Festnahme beschrieb: „Er wirkte einfach cool“, als habe er nichts Schlimmes zu befürchten. Er sei laut eigener Aussage auf dem Weg in die Dienststelle gewesen, um dort zu schlafen und um dem Streit mit seiner Ehefrau aus dem Weg zu gehen. Er habe erzählt, dass es schon länger Streit gebe und sie kurz vor der Trennung stünden. Der Angeklagte habe zwar nach Alkohol gerochen und einen unsicheren Gang gehabt, sei aber nicht wirr gewesen, sondern „abgeklärt“. In Bezug auf seine Arbeit habe er gesagt: „Wenn man ein Geschäft erfolgreich abschließen will, muss man auch ein bisschen mitmachen.“

Ermittler tappen im Dunkeln

Zuvor hatte ein Polizeikollege dem Angeklagten bei der Festnahme ein „wahnsinniges Mitteilungsbedürfnis“ attestiert. Man habe ihm angemerkt, „dass er angetrunken ist“ und auch, dass eventuell nicht nur Alkohol im Spiel sei. Über seine Frau habe er gesagt: „Jetzt hat sie mich, jetzt hat sie erreicht was sie wollte.

Wie die vierte Zeugin, eine LKA-Beamtin und Hauptsachbearbeiterin des Falles, angab, habe der Angeklagte seine Frau in der Tatnacht zwar gewürgt und ihr mit dem Tode gedroht, aber betont dass er sie nicht habe töten wollen. Die Ermittlungen hätten, so die Zeugin, weder Anhaltspunkte zu Verbindungen mit der Mafia, noch zu Rockergruppen oder Drogenhandel ergeben. Auch die Aussage des Angeklagten, die Drogen schon vor Jahren zu Schulungszwecken erhalten zu haben, habe nicht widerlegt werden können. Allerdings passe das gefundene Kokain zu keiner Sicherstellung innerhalb des in Frage kommenden Zeitraumes. Zwei Staatsanwälte hätten sich aber erinnern können, dass der Kripo Drogen zu Demonstrationszwecken zur Verfügung gestellt worden seien. Einer der beiden habe sich bei der Vernehmung ferner daran erinnert, dass der Angeklagte eine Schulung für Richter und Referendare durchgeführt habe, für die diverse Drogen, unter anderem Heroin, Kokain und Haschisch, „in nicht geringen Mengen“ von seinem Kollegen an die Kripo herausge- geben worden seien – ein „Kuriosum“, weil normalerweise Drogen von der Polizei an die Staatsanwaltschaft gegeben würden. Wann und an wen die Drogen übergeben worden seien, wisse er allerdings nicht mehr.

Rätselraten

Auch keiner der seit 1978 für die Asservaten zuständigen Beamten habe sich an eine solche Herausgabe oder an den Angeklagten selbst erinnern können. Rätselraten herrschte bezüglich eines fehlenden Vernichtungsprotokolls und auch die Bohrlöcher in den bei Armin N. gefundenen Kokainplatten warfen Fragen auf. Denn Bohrungen zur Entnahme von Proben, so der Sachverständige Dr. Michael Uhl, Chemiedirektor am Bayerischen Landeskriminalamt, würden normalerweise bei Haschischplatten durchgeführt, Kokain dagegen werde pulverisiert, um homogene Werte zu erhalten. Laut den Untersuchungsergebnissen sei keine Probe mit den in Frage kommenden Funden „identisch“. Eine endgültige Aussage zum Alter des Kokains sei, so Uhl, nicht möglich.

Mehrfach wurde Armin N. als geschätzter Kollege und engagierter Ermittler, der seine Arbeit „top“ gemacht habe, beschrieben. Allerdings habe er sich im Lauf der letzten Jahre verändert, sich mehr und mehr zurückgezogen und einer Kollegin war, laut ihrer Aussage, aufgefallen, dass er sich schon seit einigen Jahren die Arme rasiere.

Wie der Vorsitzende Richter Thorsten Thamm am Ende des zweiten Prozesstages anmerkte, soll der Angeklagte möglicherweise in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Fortsetzung in Kürze hier im Internet unter www.kreisbote.de.

Christine Tröger

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